«Ein Pianist in der Ecke ist doch nicht lebensgefährlich!»: St.Galler Gastronom möchte trotz Verbot weiterhin Live-Musik anbieten

Wirte, die am Montag ihr Lokal wieder öffnen, müssen ein Schutzkonzept befolgen und zahlreiche Bedingungen einhalten. Eine davon lautet: keine Live-Musik. Gallus Hufenus vom Kaffeehaus in St.Gallen weigert sich, dieses Verbot zu akzeptieren. Der Barista lässt in seinem Lokal weiterhin einen Pianisten spielen.

Roger Berhalter
Drucken
Teilen
Kaffeehaus-Betreiber Gallus Hufenus in seinem Lokal an der Linsebühlstrasse in St.Gallen.

Kaffeehaus-Betreiber Gallus Hufenus in seinem Lokal an der Linsebühlstrasse in St.Gallen.

Bild: Nik Roth

«Da wird eine rote Linie überschritten!», ärgert sich Gallus Hufenus. Der SP-Stadtparlamentarier und Betreiber des Kaffeehauses im St.Galler Linsebühl bezieht sich auf das neue «Schutzkonzept für das Gastgewerbe unter Covid-19». Darin definiert der nationale Branchenverband Gastrosuisse zusammen mit der Bundesverwaltung die Regeln, die neu für Gastronomen gelten.

Wer ab 11. Mai sein Restaurant oder Café öffnen will, muss dieses Schutzkonzept in seinem Betrieb umsetzen und die Bedingungen einhalten. Eine davon lautet: Live-Musik im Lokal ist verboten, ebenso wie andere Unterhaltungsangebote wie Billard, Dart, Bowling oder Karaoke-Automaten. Diese Massnahme soll sicherstellen, dass sich die einzelnen Gästegruppen - erlaubt sind maximal vier Personen - nicht vermischen.

Jeden Mittwoch spielt ein Pianist

Gallus Hufenus lässt in seinem Kaffeehaus jeden Mittwochmorgen einen Pianisten auf dem Flügel spielen. Seit Jahren schon. Auch ab dem 16. Mai, wenn er sein Café wieder öffnet, soll das Piano wieder zu hören sein. In einem viel beachteten und geteilten Beitrag auf Facebook schreibt Hufenus:

«Ich werde mich weigern, dieses Verbot umzusetzen und habe bewusst einen Tisch geopfert, um trotzdem Platz für Kultur zu haben.»

Auf Nachfrage präzisiert der Barista. Er wehre sich nicht grundsätzlich gegen die neuen Vorschriften, die beispielsweise auch das Distanzhalten, die Händehygiene und die Reinigung betreffen. Wegen des Coronavirus auf Live-Musik zu verzichten, leuchte ihm aber nicht ein: «Ein Pianist in der Ecke ist doch nicht lebensgefährlich!» Der Zwei-Meter-Abstand zu den Gästen bleibe gewahrt.

Zu viel gedrängt, zu wenig durchdacht

Hufenus kritisiert den nationalen Branchenverband Gastrosuisse. Dieser habe auf eine schnelle Öffnung der Restaurants gedrängt, dabei aber die Folgen zu wenig durchdacht. So sei das Schutzkonzept Gastro voller Widersprüche. Beispielsweise sei Live-Musik verboten, Musik ab Konserve hingegen erlaubt. Vergeblich habe er sich beim Branchenverband beschwert, sagt Hufenus verärgert. «Man hat mich an Bundesrat Berset verwiesen.»

René Rechsteiner, Präsident von Gastro Stadt St.Gallen.

René Rechsteiner, Präsident von Gastro Stadt St.Gallen.

Auch René Rechsteiner, Präsident von Gastro Stadt St.Gallen, ist nicht glücklich mit dem Schutzkonzept für Wirte. «Die Bedingungen sind viel zu strikt», sagt der Betreiber des «Bierfalken» an der Spisergasse.

Rechsteiner stört sich aber nicht an der Live-Musik-Klausel, sondern vor allem an der Zwei-Meter-Distanzregel. Wegen dieser strengen Vorgabe könne er in seinem Lokal nicht einmal mehr die Hälfte der Plätze anbieten. Auch draussen an den Gartentischen falle über die Hälfte der Kapazitäten weg. «Es kostet viel und bringt wenig», fasst Rechsteiner die Situation zusammen. Nicht wenige Wirte würden sich derzeit fragen, wozu sie ihr Lokal überhaupt noch öffnen sollen:

«So macht das Unternehmertum keinen Spass mehr.»

Für Gallus Hufenus ist klar, weshalb er öffnet. Es gehe beim Restaurant- oder Cafébesuch um weit mehr als um die reine Nahrungsaufnahme oder die Koffeindosis. Er formuliert es idealistisch: «Ein Café ist auch ein Freiraum, wo man Debatten führen, die Welt verändern, die Zeit anhalten oder sich verlieben kann.» Live-Musik gehöre zu seinem Lokal dazu; den Pianisten hat Hufenus fest engagiert. «Das ist vielleicht ökonomischer Blödsinn - gerade in diesen Zeiten - aber ich wünsche es mir so.»

Selber denken gehört zur DNS

Zwar könnte er mehr Umsatz machen, wenn er statt des Flügels einen zusätzlichen Tisch aufstellen würde. Doch nehme er diese finanziellen Einbussen in Kauf, zumal er als Doppelverdiener das Privileg habe, «anders zu denken». Es dürfe nicht nur um die Rendite gehen. Vielmehr gehe es darum, wachsam zu bleiben und selber zu denken, das gehöre zur DNS eines Kaffeehauses.

Die nun aufgegleiste «neue Normalität» in den Restaurants und Cafés dürfe nicht zur Normalität der nächsten Jahre werden. Dagegen wehrt sich Hufenus, und dafür nimmt er auch rechtliche Konsequenzen in Kauf, indem er das Live-Musik-Verbot missachtet. Aus seiner Sicht überwiegen die Vorteile:

«Pianomusik gefährdet keine Gesundheit und verbreitet keinen Virus schneller! Sie macht nur glücklich.»
Mehr zum Thema

Restaurants verlangen Personendaten von ihren Gästen

Wer ab dem 11. Mai in ein Restaurant geht, muss seine Kontaktdaten hinterlegen. Eine Maskenpflicht gibt es nicht. Die Kantone sollen die Einhaltung des Schutzkonzeptes streng kontrollieren, das Gastrosuisse und Hotelleriesuisse am Dienstag veröffentlicht haben.

STADTPARLAMENT: Ein Barista wird höchster St.Galler

Er begeistert sich für Kaffeebohnen, liebt Tangomusik und kämpft für den Erhalt der baufälligen Villa Wiesental. Heute Abend wird der Sozialdemokrat Gallus Hufenus zum hundertsten Präsidenten des Stadtparlaments gewählt.
Christina Weder