Junge Geisslein, eine Plauderbox und Gebete: Das sind die Lichtblicke der Senioren in Bernhardzell

Kreativ in der Krise: Mitarbeitende lassen sich einiges einfallen, um den Alltag der Bewohner im Altersheim Wiborada bunter zu gestalten.

Melissa Müller
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Tor zur Aussenwelt: Gefängnisfilme dienten als Inspiration für die Plauderbox. Hier telefoniert Altersheimleiterin Gaby Abenhaim mit Frau Hengartner.

Tor zur Aussenwelt: Gefängnisfilme dienten als Inspiration für die Plauderbox. Hier telefoniert Altersheimleiterin Gaby Abenhaim mit Frau Hengartner.

Bild: Ralph Ribi

Eine Holzhütte mit roten Herzen steht seit Kurzem vor dem Wohn- und Pflegezentrum Wiborada in Bernhardzell: Eine «Plauderbox». Hier können sich Bewohner und Angehörige trotz Besuchsverbot sehen und gleichzeitig telefonieren, getrennt von einer Glasscheibe. Eine Erfindung von Georg Raguth, Leiter des Altersheims Risi in Wattwil («Tagblatt» von gestern). Er hat sich von Filmen mit Gefängnisszenen inspirieren lassen: Ein Raum, eine Trennscheibe, zwei Telefone. Die Idee wurde inzwischen von etlichen Altersheimen in der ganzen Schweiz adaptiert.

Gaby Abenhaim, Chefin des Pflegeheims Wiborada in Bernhardzell, vor der Plauderbox.

Gaby Abenhaim, Chefin des Pflegeheims Wiborada in Bernhardzell, vor der Plauderbox.

Ralph Ribi

«Ganz e gueti Idee», finden auch die Senioren der Wiborada. Doch manche sind verunsichert: «Sind meine Verwandten in der Plauderbox wirklich da, ganz lebendig?», wollten sie von den Pflegerinnen wissen. «Oder ist das wie bei Skype nur ein Bildschirm?»

Elegant frisiert in die ­Plauderbox

Die Bewohner können es kaum erwarten, bis sie endlich in die Plauderbox dürfen. Altersheimleiterin Gaby Abenhaim erzählt von einer Dame, die sich für ein Treffen in der Box extra elegant kleidete und frisierte.

«Sie war total nervös. Und sie zehrt noch Tage später von der Begegnung mit ihrer Tochter und dem Schwiegersohn.»

Der Alltag mit der Bedrohung von Corona ist für die 58 Bewohner der Wiborada kein Zuckerschlecken. «Sie vermissen den direkten Kontakt zu ihren Angehörigen sehr», sagt Gaby Abenhaim.

Geisslein springen im Garten herum

Das 77-köpfige Team lässt sich aber einiges einfallen, um der Routine ein Schnippchen zu schlagen: Kürzlich luden sie Clownin Pepita ein, welche die Herzen mit ulkigen Zaubertricks eroberte. Ein paar Tage später sprangen im Garten der geschützten Dementenwohngruppe plötzlich vier junge Geisslein herum. «Da gab es viele strahlende Gesichter» sagt Gaby Abenhaim. Die betagten Bauernfrauen hätten sich ganz besonders an den Zicklein erfreut, die dem Sohn einer Angestellten gehören.

Beten und singen auf der Terrasse

Allgemein müssten die Mitarbeiter jetzt mehr leisten, sagt Abenhaim. Etwa frisieren sie die Bewohnerinnen und Bewohner und schneiden ihnen die Zehennägel, weil ­Pedicure und Coiffeurtermine ausfallen.

Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bringen ihr Keyboard, ihre Handorgel oder ihre Gitarre ins Pflegeheim mit und musizieren mit den Leuten. «Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl», sagt Gaby Abenhaim. Auch der religiöse Beistand sei den Bewohnern in dieser Zeit enorm wichtig. Der katholische Pfarreileiter Urs Kuster schaut zwei Mal pro Woche vorbei. Dann wird draussen auf der Terrasse gemeinsam gebetet und gesungen.

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