Jugendkrawall um Schnulzen-Rocker: Vor 60 Jahren gingen in Rorschach Kantonsschülerinnen und Lehrlinge wegen Peter Kraus auf die Strasse

Nicht erst heute wird demonstriert: Jugendliche gingen vor 60 Jahren vor dem Rorschacher «Palace» wegen Schlagersänger Peter Kraus auf die Strasse.

Otmar Elsener
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Spruchbänder, Sprechchöre, verstärkte Polizei: Einen solchen Protest hat es auf den Strassen von Rorschach bereits vor 60 Jahren gegeben. Und das alles wegen eines deutschen Schnulzen-Rockers, der in der Hafenstadt auftreten sollte.

Wie kam es zu diesem legendären Krawall? Empört erfahren einige Kantonsschüler und Lehrlinge, dass der Schlagersänger Peter Kraus in Rorschach ein Konzert geben soll. Ausgerechnet dieser Schnulzensänger, dessen Musikstil bei ihnen verpönt ist. Sie lieben den echten Rock & Roll aus den USA, hören selber begeistert Platten wie «Rock Around The Clock» von Bill Haley und «Tutti Frutti» von Little Richard. Ihr Elternhaus und ihre Schulen sind noch geprägt von der deutschfeindlichen Stimmung nach dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Unschweizerisch sei dieser Schlagerkitsch aus Deutschland. Ihre Entrüstung wird bestärkt von teils elitären Lehrern und Erziehern, die klassische Musik schätzen und abschätzig über diese erotisierenden deutschen Schlager urteilen.

Kam vielerorts gut an – aber in Rorschach nicht bei allen.

Kam vielerorts gut an – aber in Rorschach nicht bei allen.

Bild: PD

Was tun, um der Bevölkerung zu zeigen, dass längst nicht alle so schlagerverseucht sind wie allgemein angenommen? Die Stimmung ist angeheizt. Spontan beschliessen sie:

«Wir machen eine Demo.»

Einer von ihnen ist Dekorateur-Lehrling und zeichnet und malt Plakate. Ihre Gruppe findet rasch mehr Anhänger. Irgendeiner schreibt anonym Briefe, in denen mit Eiern und Tomaten werfen, zerschlagenen Fenstern und Stinkbomben gedroht wird. In der Nacht vor dem Konzert fahren sie mit dem Lieferwagen eines Vaters durch die Stadt und hängen an den Häusern so hoch als möglich Plakate auf. Man soll die nicht herunterreissen können. Die Ortstafel Rorschach am Hauptbahnhof wird mit dem Schriftzug «Ohne Peter Kraus» überklebt. Jemand sieht die Burschen, liest die Fahrzeugnummer und denunziert die Täter bei der Polizei. Gespannt erwartet die Bevölkerung in der Stadt den Samstagnachmittag. Man hofft, dass die am gleichen Abend stattfindende Abendunterhaltung des Stadtturnvereins die explosive Lage etwas entschärfen wird.

Frauen fuchteln mit Regenschirmen

Harmlos fängt es am Samstagmorgen an. Die Polizei ist vorbereitet. Sie hat Verstärkung von der Stadtpolizei St.Gallen angefordert. Zusammen mit Arbeitern vom Bauamt räumen sie alle Plakate schnellstens ab. Die Jugendlichen, die den Anlass besuchen wollen, sollen nicht aufgewiegelt werden. Man will in Rorschach keinen Krawall. Doch am frühen Nachmittag bahnt sich Aufruhr an. An der Mariabergstrasse versammelt sich allmählich viel erwartungsvolles, neugieriges Volk.

Die Kraus-Gegner formieren einen Zug und marschieren mit Transparenten und im Sprechchor singend Richtung Kino Palace. Der Gruppe von überzeugten Demonstranten schliessen sich Junge an, die immer überall dabei sind, wenn etwas los ist. Der einsetzende Regen hält niemanden ab. Der Zugang zum Kino ist mit Seilen abgesperrt. Die laut grölenden Demonstranten werden von den jugendlichen Peter-Kraus-Fans empfangen, die Mehrzahl Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren. Die Polizei beobachtet die Szene aufmerksam und schaut vorläufig zu. Da und dort gibt es ein ungefährliches Ringen. Einige ältere Frauen aus der Peter Kraus freundlich gesinnten Menge fuchteln mit ihren Regenschirmen. Es fallen erregte Worte. Die Köpfe sind auf beiden Seiten erhitzt.

Nun schreitet die Polizei ein und will beschwichtigen. Ein Spruch auf einem der Transparente, der die Polizei verspottet, erzürnt die Beamten derart, dass sie alle Spruchbänder einsammeln. Die Plakatträger werden als «Rädelsführer» verhaftet, auf den nahen Polizeiposten im Amtshaus geführt. Dort werden sie befragt, aber wieder freigelassen. Die Polizei will die Situation nicht eskalieren lassen.

Gegen 17:00 Uhr beginnt sich der Saal zu füllen. Die Polizisten kontrollieren alle, die den damals 21-jährigen Peter Kraus singen hören wollen. Nur Harmlose werden eingelassen. Sogar der Redaktor des «Nebelspalters» wird auf faule Eier und Tomaten abgetastet. Der Tagblatt-Berichterstatter wird gefragt, ob er Wurfgeschosse auf sich habe. Der Saal ist bald bis auf den letzten Platz besetzt. Die Musikrevue geht los und verläuft zur grossen Überraschung störungsfrei. Einzig hie und da wird an die Türen gepoltert. Der Polizeischutz im Saal muss nicht eingreifen. Die mehrheitlich weiblichen Besucher sind von «Sugar Baby» und anderen Kraus-Hits begeistert und werfen Blumen und Briefchen. Sie verhalten sich artig und erhalten Autogramme. Vor dem Saal bleibt es trotz des Regens laut. Es wird erregt über Wert und Unwert der Aufführung diskutiert. Das Getose ist zeitweise bis in den Saal zu hören.

Am Schluss vermeidet Peter Kraus eine Konfrontation mit den Gegnern und verlässt unter Polizeischutz das «Palace» durch den Hinterausgang. Vor dem Saal zerstreut sich die Menge. Der befürchtete grössere Krawall bleibt aus und dies gilt auch für eine Reportage des eigens angereisten Reporters des «Blicks»: Seine Kamera streikt.

Milde Strafen für harmlose «Rechtsbrecher»

Die beiden Rorschacher Zeitungsredaktionen standen eindeutig auf Seite der jungen Demonstranten. Ihre Berichte über die Musikrevue waren aus ihrer Sicht vernichtend. Peter Kraus wurde als «Sängerknäblein» betitelt. Ein Journalist schrieb: «Nicht viel! Aus der Sicht eines Fans müssten wir mit einem Loblied beginnen. Als nüchterner Bürger können wir nur sagen: Viel Lärm um nichts».

Ein grosser Teil der Bevölkerung teilte diese Meinung nicht. Eltern und Jugendliche verteidigten in Leserbriefen einige Tage später den Musikanlass. Es ergab sich eine grundsätzliche Diskussion über Schlager mit dem Resultat, es sei falsch, alle Schlager in gleicher Weise zu verurteilen. Viele «Evergreens» würden noch zu allen Zeiten mit der gleichen Freude angehört. Ein Vater verteidigte Schlager mit Hazy Osterwalds «Kriminal-Tango» und vermutete erwachsene Drahtzieher hinter der jugendlichen Aktion. Eine Siebzehnjährige schrieb: «Über Geschmack lässt sich streiten. Aber dass man seiner Antipathie derart Ausdruck gibt, nützt uns Jungen nichts. Das Brüllen und Pfeifen und Spruchbandhalten war nutzlos. Viele Rorschacher empören sich über dieses Benehmen.» Eine Mutter meinte:

«Wie können wir unsere Kinder für gute Musik interessieren, wenn wir ihnen mit solchem Zynismus begegnen?»

Die Polizei wurde gelobt, sie habe väterlich für Ruhe und Ordnung gesorgt. Den harmlosen «Rechtsbrechern» gegenüber zeigten sich die Behörden grosszügig. Man verzieh ihnen, dass sie nicht wussten, dass Plakatanschlagen strafbar ist, und dass sie die Polizei nicht vorgängig über den Demonstrationsmarsch orientiert hatten. Ihre milde Strafe: am Ende des nächsten Jahrmarkts die Marktstände abzubauen. Einer der Bestraften erinnert sich: «Von allen Initianten erschienen wir nur zu zweit am frühen Morgen um fünf für die Strafarbeit.»

Die Rorschacher Demo hat dem Schlagerstar Peter Kraus in seiner Karriere nicht geschadet. Seine Schlager, besonders diejenigen im Duo mit Conny Froboess z.B. «Ich möcht’ mit dir träumen» wurden erfolgreiche Evergreens. Just in diesem Jahr wäre er, mittlerweile 81-jährig, im März in der OLMA Halle in St.Gallen aufgetreten. Wegen der Coronakrise ist der Anlass auf den 5. September verschoben worden. Ob dann zu den Zuhörern noch betagte Leute aus der Bevölkerung am See gehören werden, die vor 60 Jahren als jugendliche Gegner oder als Fans an der legendären Palace-Peter-Kraus-Demonstration beteiligt waren?