Reportage

Jetzt packt auch der Golflehrer an: Wegen des Corona-Virus herrscht in der Migros-Betriebszentrale in Gossau Hochbetrieb

«So etwas wie jetzt habe ich noch nie erlebt», sagt der Leiter der Transportlogistik. In der Betriebszentrale der Migros in Gossau herrscht wegen der Corona-Krise zurzeit Hochbetrieb. Eine Reportage vom Förderband.

Michel Burtscher
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Derzeit überall gefragt: WC-Papier. In der Betriebszentrale werden sie an alle Filialen verteilt.

Derzeit überall gefragt: WC-Papier. In der Betriebszentrale werden sie an alle Filialen verteilt.

Michel Canonica

Während es draussen schon frühlingshaft mild ist, zeigt das Thermometer in der Halle der Migros-Betriebszentrale in Gossau zwischen vier und fünf Grad an. Guido Widrig steht auf einer riesigen, voll automatisierten Verteilmaschine neben einem Förderband, auf dem Plastikkisten voller Fleisch vorbeirattern: Voressen für St.Fiden, Hackfleisch für den «Rheinpark», Geschnetzeltes für Frauenfeld. Widrig, der Leiter der Warenlogistik, sagt:

«Wir haben eine turbulente Woche hinter uns.»
Guido Widrig, Leiter Warenlogistik

Guido Widrig, Leiter Warenlogistik

Michel Canonica

Die Betriebszentrale ist das Herzstück der Migros-Genossenschaft Ostschweiz. Von hier aus werden die Filialen – von Diepoldsau bis Winterthur und von Schaffhausen bis Thusis – jeden Tag mit Produkten beliefert: Fleisch, Früchte, Gemüse, Teigwaren, Dosen, Joghurt, Getränke, Hygieneartikel, WC-Papier und vieles mehr.

Die Waren kommen in Gossau an und werden dann gleich weiterverteilt. In den Hallen an der Industriestrasse herrscht also immer viel Betrieb, doch so viel wie in den letzten Tagen war hier noch selten los.

Das Herzstück der Migros Ostschweiz: die Betriebszentrale in Gossau. Dutzende Lastwagen bringen die Waren von hier in die Filialen.

Das Herzstück der Migros Ostschweiz: die Betriebszentrale in Gossau. Dutzende Lastwagen bringen die Waren von hier in die Filialen.

Michel Canonica

Fast doppelt so viele Waren wie sonst

Wegen der Corona-Krise kam es zu Hamsterkäufen, die Regale in den Läden blieben zeitweise leer. Wie gross der Ansturm auf die Ostschweizer Migros-Filialen war, zeigt ein Blick in die Statistik: 2019 verliessen pro Tag im Schnitt knapp 94000 Gebinde, also Kisten, mit frischen Produkten die Betriebszentrale. Vor Weihnachten, dem logistischen Höhepunkt des Jahres, waren es 153000. Am vergangenen Montag jedoch wurden 168940 Gebinde abgefertigt, also fast doppelt so viele wie sonst.

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Michel Canonica

«Für die Weihnachtszeit bereiten wir uns jeweils Monate im Voraus vor, besprechen uns mit den Filialen, Lieferanten und Transporteuren, damit alles klappt», sagt Widrig. Doch diese Woche explodierte die Nachfrage quasi über Nacht.

Daniel Balmer, Leiter Transportlogistik

Daniel Balmer, Leiter Transportlogistik

Michel Canonica

Daniel Balmer ist Leiter der Transportlogistik und arbeitet schon seit 35 Jahren bei der Migros. Er steht auf der Strasse zwischen den Hallen, hinter ihm fahren die Lastwagen durch, welche die Waren in die Filialen bringen. Dutzende sind es jeden Tag. Balmer erzählt von den anderen Krisen, bei denen er dabei war, etwa Chernobyl oder Sars, und sagt den Satz, der derzeit allen auf der Zunge liegt:

«So etwas wie jetzt habe ich noch nie erlebt.»

Doch trotzdem, so betont er, seien Produkte wie Teigwaren, Mehl oder WC-Papier nie ausgegangen. Auch Lieferanten beispielsweise aus Italien oder Spanien würden noch immer zuverlässig liefern. «Wir hatten nie einen Unterbruch in den Lieferketten», sagt Balmer. Zu den leeren Regalen in den Geschäften kam es nur, weil die Logistik nicht mehr Schritt halten konnte mit den Mengen, welche die Kunden gekauft hatten. Denn frische Lebensmittel müssen von den Filialen 24 Stunden im Voraus bestellt werden, der Rest gar 48 Stunden.

Unterstützung aus dem «Säntispark»

Vieles läuft in der Betriebszentrale automatisiert, in den Hallen reiht sich Förderband an Förderband. Maschinen übernehmen hier die Arbeit, beladen die Paletten mit der richtigen Anzahl Produkte, immer sortiert nach den Filialen. Auf den Gabelstapler genommen werden die Waren vor allem nach der Ankunft der Lastwagen, wenn sie ausgeladen werden, und vor der Abfahrt, wenn sie – anders sortiert– wieder eingeladen werden. Die Verteilmaschinen sind jedoch, auch wenn sie wie derzeit im 24-Stunden-Betrieb laufen, nicht auf Mengen wie in dieser Woche ausgelegt, wie Guido Widrig sagt.

Um die grosse Nachfrage zu bewältigen, arbeiten alle mit.

Um die grosse Nachfrage zu bewältigen, arbeiten alle mit.

Michel Canonica

Deswegen haben die Verantwortlichen der Betriebszentrale menschliche Unterstützung organisiert. Jene Mitarbeiter des orangen Riesen springen ein, die im Moment nicht arbeiten können, weil ihre Geschäfte schliessen mussten. Man sieht in den Hallen darum Angestellte in Obi-Jacken mit dem Gabelstapler herumfahren. Auch Mitarbeiter der Migros-Restaurants, Badmeister vom «Säntispark» oder ein Golflehrer vom Golfpark in Waldkirch helfen mit. Sie laden beispielsweise Gebinde mit Waren auf die Paletten, wenn die Maschinen nicht mehr nachkommen. Handarbeit wie früher also. Balmer sagt:

«Die Leute sind voll motiviert und wollen mithelfen.»

Mittlerweile hat sich die Situation in der Betriebszentrale wieder einigermassen normalisiert. Zwar verlassen noch immer etwa 30 Prozent mehr Waren als sonst die Hallen in Gossau, doch immerhin sind die Mengen stabil. Wie lange das so bleibt, ist indes unklar. Denn jedes Mal, wenn der Bundesrat wieder schärfere Massnahmen beschliesst, könnte es wieder zu einem Ansturm auf die Filialen kommen – und in der Betriebszentrale würden die Maschinen wieder heiss laufen. Daniel Balmer sagt: «Wir sind darauf vorbereitet.»