Stadtentwicklung
Die Planung für ein neues Quartier in St.Gallen startet: Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten

Das Güterbahnhof-Areal ist eine der letzten Brachen der Stadt. Dort soll dereinst ein neues Quartier entstehen. Stadt und Kanton starten jetzt mit einer ersten Testplanung. Deren Grundlage: Der geplante Autobahnanschluss wird realisiert.

Julia Nehmiz
Drucken
Teilen
Güterbahnhof-Areal St.Gallen: Hier soll dereinst ein neues Quartier entstehen.

Güterbahnhof-Areal St.Gallen: Hier soll dereinst ein neues Quartier entstehen.

Bild: Andri Vöhringer

Es ist eine der letzten Brachen und Entwicklungsgebiete mitten in der Stadt: Das Güterbahnhof-Areal. Es soll überbaut werden. Wie, das ist schon lange ein Thema. 2007 scheiterte eine geplante Überbauung mit 250 Wohnungen, Büros, Läden, Restaurants, Tiefgarage sowie einer neuen Haltestelle der Appenzeller Bahnen an der Urne.

Still geworden ist es nie ums Areal. Mit dem Projekt «Engpassbeseitigung St.Gallen», das Bund, Kanton und Stadt mit dem Kanton Ausserrhoden und der Gemeinde Teufen ausgearbeitet haben, wird nun eine Überbauung des Güterbahnhof-Areals konkreter. Wie Kanton und Stadt gestern bekanntgaben, starten die beiden eine gemeinsame Testplanung. Um was geht es da im Detail? Pascal Hinder vom Tiefbauamt Kanton St.Gallen, Kantonsbaumeister Michael Fischer und Stadtplaner Florian Kessler beantworten die wichtigsten Fragen.

Was wird jetzt geplant?

Kurz gesagt: Die Entwicklung des Güterbahnhofs-Areals. Kanton und Stadt starten eine sogenannte Testplanung, sagt Pascal Hinder, Leiter Gross- und Spezialprojekt beim Tiefbauamt Kanton St.Gallen. Da wird nun aber kein Bebauungsplan ausgearbeitet, sondern ganz grundsätzlich geschaut, wie dieses Areal genutzt werden kann. Und zwar in Zusammenhang mit den geplanten Autobahnanschlüssen. Das sei die Aufgabe: herauszufinden, wie kann sich das Areal entwickeln, wenn die Autobahnanschlüsse kommen?

Wer plant die Entwicklung des Areals?

Kanton und Stadt haben die Testplanung gestartet. Daneben sind auch die SBB und die Appenzeller Bahnen mit im Boot. Denn: Sie betreiben nicht nur wichtige Bahn- und Gleisanschlüsse, sondern ihnen gehören auch Teile des zu überbauenden Areals. Die vier haben nun vier Architekturbüros mit der Testplanung beauftragt: Andy Senn Architekt aus St.Gallen sowie drei Zürcher Büros: agps Architektur, Christian Salewski & Simon Kretz Architekten und Yellow Z Urbanism Architecture. Die Architekturbüros entwickeln in Teams die Planungsvorschläge, ergänzt durch Verkehrsplanungs- und Landschaftsarchitekturbüros.

Die Appenzeller Bahnen verlegen derzeit auf dem Güterbahnhof-Areal neue Geleise.

Die Appenzeller Bahnen verlegen derzeit auf dem Güterbahnhof-Areal neue Geleise.

Bild: Marlen Hämmerli (7. Juli 2021)

Wie kann sich die Bevölkerung einbringen?

Es wird ein sogenanntes Sounding Board eingeführt. Dieses sei offen für viele, aber nicht für Einzelpersonen, sagt Stadtplaner Florian Kessler. Im Sounding Board werden Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden, Politik und Quartiervereinen sowie betroffene Grundeigentümerinnen und -eigentümer eingeladen, Inputs und Rückmeldungen zu geben.

Die breite Öffentlichkeit solle über die Medienberichterstattung informiert werden. Aufgrund der Stufe, auf der nun geplant werde, habe man dieses Vorgehen als zweckmässig beurteilt. Transparenz und Offenheit seien gegeben, da die Zwischenergebnisse diskutiert würden. Die Teilplanung erfolge in drei Etappen, sagt Kantonsbaumeister Michael Fischer. Nach jeder werde es ein Sounding Board geben, mit dem man Meinungen abholen und einfliessen lassen kann.

Kantonsbaumeister Michael Fischer.

Kantonsbaumeister Michael Fischer.

Bild: Michel Canonica (10. Juni 2021)

Warum darf nicht die ganze Bevölkerung mitreden?

Man habe diskutiert, die Testplanung für alle zu öffnen, sagt Pascal Hinder vom kantonalen Tiefbauamt. Doch in dieser frühen Phase sei es schwierig, das richtige Gefäss zu finden. Ein gutes Setting bei grossem Andrang wäre herausfordernd. Man habe sich für einen Mittelweg entschieden: über die Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden, Politik und Quartiervereinen würde man einen Teil der Bevölkerung abholen. Zu einem späteren Zeitpunkt werde sich das Projekt der breiten Bevölkerung stellen. Bei weiterer Planung werde es weitere Partizipationsschritte geben. Die Testplanung sei nun der Startschuss.

Wie lange dauert die Testplanung?

Am Donnerstag findet eine erste Begehung des Areals mit den vier Architekturbüros statt. Dann werden ab Herbst in mehreren Workshops in einem breiten Gremium die Lösungen diskutiert, sagt Pascal Hinder. Vor dem Sommer 2022 soll die Testplanung abgeschlossen sein und die erarbeiteten Möglichkeiten sollen vorgestellt werden.

Wer bestimmt, was letztlich auf dem Güterbahnhof-Areal geplant wird?

Vorerst ein breites Gremium. In diesem Gremium seien Vertreterinnen und Vertreter aus Kanton und Stadt sowie Expertinnen und Experten aus dem Bereichen Verkehr, Freiraum und Stadtplanung, sagt Pascal Hinder.

Warum entscheidet die Stadt nicht alleine, was mit dem Areal geschieht?

Der Autobahnanschluss ist ein Bundesvorhaben, das in Zusammenarbeit mit Kanton und Stadt mit Einbezug der Grundeigentümerinnen SBB und Appenzeller Bahn geplant wird. Für den Zubringer Güterbahnhof liegt die Leitung beim kantonalen Tiefbauamt.

Der geplante Autobahnzubringer auf dem Güterbahnhof-Areal muss mit einer künftigen baulichen Entwicklung des Areals koordiniert werden, sagt Stadtplaner Florian Kessler. Auf städtischer Ebene seien das Tiefbauamt und die Stadtplanung involviert. Auf kantonaler Ebene nebst dem Tiefbauamt noch das Hochbauamt sowie das Amt für Raumentwicklung und Geoinformation. Die breite Aufstellung sei wichtig, um gemeinsam gute, interdisziplinäre Lösungen für das Areal zu finden.

Stadtplaner Florian Kessler.

Stadtplaner Florian Kessler.

Bild: Urs Bucher (16. Oktober 2014)

Gegen den Autobahnanschluss formiert sich bereits Widerstand. Was, wenn der Anschluss nicht kommt?

«Diese Frage können wir zurzeit nicht beantworten», sagt Kantonsbaumeister Michael Fischer. Der Autobahnzubringer sei ein wesentliches Element, um das städtische Verkehrsnetz künftig zu entlasten. Im Moment sei der Autobahnzubringer die Grundvoraussetzung für die Testplanung. Man wolle herausfinden, wie die Autobahnanschluss-Zubringer gestaltet werden können, damit eine gute, zukunftstaugliche, städtebauliche Entwicklung des Areals möglich werde. Stadtplaner Florian Kessler sagt: Wenn kein Autobahnanschluss kommen würde, wäre dies eine grundlegende Anpassung der Rahmenbedingungen und es wäre eine neue Planung erforderlich.

Wer zahlt die Testplanung?

Die Kosten der Testplanung in Höhe von einer halben Million Franken trage vollumfänglich das Tiefbauamt des Kantons St.Gallen, sagt Pascal Hinder. Dies weil der Auslöser der Planung der Autobahnanschluss sei. Die Stadt sei im Moment personell beteiligt.

Werden die beauftragten Architekturbüros konkrete Pläne erarbeiten, wie das Areal einst aussehen soll?

Bei der Testplanung gehe es darum, Entwicklungsmöglichkeiten für einen urbanen, hochwertigen, zentral gelegenen Arbeits- und Wohnraum auszuloten. Es sei kein Projektwettbewerb, sagt Stadtplaner Florian Kessler. Es werden keine detaillierten Projektpläne ausgearbeitet. Erarbeitet werde, wie das Zusammenspiel von Gebäuden, Nutzung und Freiräumen gestaltet werden kann.

Wo könnten die Zugänge zum Quartier sein, wie viel Wohnfläche, Freifläche, Fläche für Arbeit und Gewerbe könnte es geben. Und eben, wie können die Autobahnanschlüsse ins neue Quartier eingewoben werden. «Mein Anspruch ist, dass ein hochwertiges Stadtquartier entstehen wird», sagt Kessler. Ein lebenswertes, durchmischtes, lebendiges, urbanes Quartier, das vielfältige Nutzungen zulasse. Mit attraktivem Wohnraum und guten öffentlichen Räumen.

Wohnen auf dem Güterbahnhof-Areal: Das soll unabhängig von der Testplanung möglich werden. Die Visiere zeigen an, wo Mikrowohnungen geplant sind.

Wohnen auf dem Güterbahnhof-Areal: Das soll unabhängig von der Testplanung möglich werden. Die Visiere zeigen an, wo Mikrowohnungen geplant sind.

Bild: Marlen Hämmerli (7. Juli 2021)

Was passiert mit dem Zoll- und Lagergebäude der SBB?

Auch das ist Teil der Testplanung, sagt Kantonsbaumeister Michael Fischer. Das Gebäude ist zwar schützenswert. Nicht nur, weil es ein Zeitzeuge ist – es entstand zu Zeiten des Stickereibooms, erbaut 1900-1904, wurde für Export und Import genutzt. Sondern auch, weil es architektonisch von Bedeutung sei, sagt Fischer. Die Testplanung werde aber schliesslich zeigen, ob eine Interessensabwägung zwischen dem Erhalt des Gebäudes und der Nutzung des ganzen Potenzials des Areals notwendig sei.

Aktuelle Nachrichten