Je ländlicher, desto weniger Konfessionslose: In diesen St.Galler Gemeinden treten am meisten Einwohner aus der Kirche aus

Die Anzahl Mitglieder bei den Landeskirchen sinkt im Wahlkreis St.Gallen. Besonders 25- bis 30-Jährige treten aus, wenn sie zum ersten Mal richtig Steuern zahlen müssen. Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Die Evangelischen verlieren mehr Mitglieder als die Katholiken.

Roger Fuchs
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Klassische Leistungen wie Rituale halten Menschen nicht mehr zwingend in der Kirche. (Bild: Benjamin Manser / 3. März 2017)

Klassische Leistungen wie Rituale halten Menschen nicht mehr zwingend in der Kirche. (Bild: Benjamin Manser / 3. März 2017)

Auch wenn zwei Drittel aller Kirchenmitglieder das facettenreiche Engagement der Kirchen durchaus wahrnehmen, den eigentlichen Kern in einer Kirchgemeinde machen im Durchschnitt nur 15 Prozent aller Kirchenmitglieder aus. Dies bilanziert Urs Winter-Pfändler. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut. Diese Institution mit Sitz in St.Gallen ist sozusagen die Forschungsstation der katholischen Kirche. Wenn Winter-Pfändler mit sinkenden Kirchenmitgliederzahlen konfrontiert wird, überrascht ihn dies nicht. Doch bei der Interpretation des landesweiten Phänomens gelte es differenziert hinzuschauen.

Im Grundsatz hält er fest, dass klassische Leistungen wie die Rituale oder Sakramente die Menschen nicht mehr zwingend in der Kirche halten. Auch das Geld spielt eine Rolle. Urs Winter-Pfändler sagt:

«Die höchsten Austrittsraten verzeichnen wir bei den 25- bis 30-Jährigen, die zum ersten Mal richtig Steuern zahlen müssen.»

In diesem Moment würden sich viele fragen, wofür sie sich im Leben einsetzen wollten.

Allerdings gibt es bei diesem Punkt auch grosse schweizweite Unterschiede, was mit den verschiedenen Finanzierungssystemen der öffentlich-rechtlichen Kirchen zu tun hat. In den Kantonen Wallis und Waadt beispielsweise werden die Landeskirchen über Beiträge der öffentlichen Hand finanziert. In einem solchen Kanton ist gemäss dem Wissenschafter der ökonomische Anreiz für einen Kirchenaustritt deutlich kleiner.

Regionales bildet sich auch auf kantonaler Ebene ab

Die sinkende Tendenz an Kirchenmitgliedern zeigt sich auch bei der Entwicklung der Anzahl Katholiken und Reformierten im Wahlkreis St.Gallen. Weshalb aber in ländlichen Gemeinden wie Andwil oder Waldkirch der prozentuale Anteil an christlich Gläubigen in der Bevölkerung grösser ist als in Wittenbach oder Gaiserwald, lässt sich erklären. «Städtische Gebiete sind tendenziell konfessionsloser als ländliche Regionen», so Urs Winter-Pfändler.

Das lasse sich auch auf kantonaler Ebene erkennen: In St.Gallen machen die Konfessionslosen mit 18,5 Prozent die drittgrösste Gruppe hinter den Katholiken und Reformierten aus (Stand 2017). Im Kanton Basel Stadt − also einer wirklich städtischen Einheit − sind die Konfessionslosen mit 49,6 Prozent die grösste Gruppe. Im Kanton Zürich würde das ländliche Zürcher Oberland noch einiges kompensieren, so Winter-Pfändler. Massnahmen wegen sinkender Mitgliederzahl und weniger werdender Seelsorgerinnen und Seelsorger haben die Landeskirchen längst eingeleitet und verschiedentlich umgesetzt. Augenfällig sind die zu Seelsorgeeinheiten zusammengeführten Pfarreien.

Statistik zu den Katholiken und Reformierten im Wahlkreis St. Gallen / Religionszugehörigkeit im Kanton SG

Statistik zu den Katholiken und Reformierten im Wahlkreis St. Gallen / Religionszugehörigkeit im Kanton SG

So individuell die Motivation sein kann, dass jemand der Kirche den Rücken kehrt, so individuell ist es auch, ob jemand in der Institution verbleibt. Dabei spielt nicht nur die familiär erlebte Kirchentradition mit hinein, sondern auch der unterschiedlich gewichtete Gemeinschaftsaspekt.

Andere wiederum erwarten von der Kirche Orientierungshilfe bei zentralen Sinnfragen. Urs Winter-Pfändler verweist in diesem Kontext auf die Brüchigkeit des Lebens. Gelte es unerwartet mit einer Krankheit umzugehen oder ein schwieriges Lebensereignis wie eine gebrochene Partnerschaft zu verarbeiten, könne die Religion auf einmal wieder eine Rolle spielen. «Persönlich hat man in einem solchen Moment die Situation nicht mehr im Griff und so betet man zu Gott, dass er doch für das Beste schaue», sagt Winter-Pfändler.

Nicht zu vergessen jene, die das Diakonische hoch gewichten und die Leistungen der Kirchen für Benachteiligte anerkennen und deshalb verbleiben. Schliesslich bleiben noch die persönlichen Werte und Ideale. Kommen beispielsweise Missbrauchsfälle ans Tageslicht, die das eigene Wertebild erschüttern, können schnell Zweifel an der Kirche aufkommen.

Evangelische verlieren mehr pro 1000 Einwohner

Doch welche der Landeskirchen hat denn nun mehr zu kämpfen? Mit den Prozentverlusten im Wahlkreis St.Gallen vor Augen, ist man versucht, die Katholiken zu nennen. Urs Winter-Pfändler jedoch korrigiert. Betrachtet man den Kanton St.Gallen über einen längeren Zeitraum, verlieren die Evangelisch-reformierten pro 1000 Einwohner und Jahr in den allermeisten Jahren mehr Mitglieder als die Katholiken.

Vielleicht könnte die Kirchenstruktur − es ist gemäss Urs Winter-Pfändler nicht empirisch erhärtet − den Katholiken eine Hilfe sein. Die Reformierten kennen weder Lehramt noch Papst. Im Zentrum steht die Bibel. «Bei den Katholiken kann man sich zwar über den Papst aufregen, doch auch solches lässt Bindung entstehen.» Nicht zu vergessen die Jugendarbeit. Die Ministrantenpastoral führt Tausende junger Menschen früh ans kirchliche Gemeindeleben heran.