Jahrestage aus der Geschichte der Stadt St.Gallen: Nach dem Krieg der grosse Aufschwung

2020 ist es 75 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Das war auch für St.Gallen ein epochales Ereignis. Der 8. Mai 1945 markiert den Zeitpunkt, als die Stadt anschickte, den Totalabsturz der Textilkrise in den 1920er-Jahren zu überwinden.

Reto Voneschen
Drucken
Teilen
Überlebende aus dem KZ Theresienstadt Anfang 1945 in einer Notunterkunft in der Stadt St.Gallen.

Überlebende aus dem KZ Theresienstadt Anfang 1945 in einer Notunterkunft in der Stadt St.Gallen.

Bild: Stadtarchiv St.Gallen

Es gibt Zeiten, in denen sich die grossen Jahrestage häufen. Und dann gibt es Jahre, die in dieser Beziehung eher durchschnittlich sind. 2020 könnte da für St.Gallen im Vergleich zu den unmittelbaren Vorjahren gar etwas unterdurchschnittlich ausfallen.

Jubiläen

50 und 75 Jahre im Einsatz für eine grünere Stadt

(vre) Eine Organisation, die 2020 «einen runden Geburtstag» feiern kann, ist der Naturschutzverein Stadt St.Gallen und Umgebung (NVS). Er wird am 18. Februar 50 Jahre alt. Die Party dazu findet am Sonntag, 28. Juni, statt, und zwar im Tal der Demut.

Der NVS-Anlass wird gemäss Präsidenten Robert Schmid zusammen mit der Feier für die Bachfreilegung im Tal der Demut stattfinden. Geplant ist ein Anlass für die ganze Familie mit Wettbewerb und Festwirtschaft. Die Details werden derzeit erarbeitet.

Grösste lokale Naturschutzorganisation der Schweiz

Gegründet wurde der städtische Naturschutzverein am 18. Februar 1970 im Restaurant Peter und Paul. Die Initiative dafür ging von Primarlehrer Christian Zinsli aus, der schon 1965 in St.Gallen eine Naturschutz-Jugendgruppe gegründet hatte. Anstoss dazu gab die Ausrufung des Europäischen Naturschutzjahrs.

Am Ende seines ersten Jahres zählte der Verein 135 Mitglieder. Diese Zahl erhöhte sich bis 1995 auf über 3200. Bereits in den 1980er- Jahren wurde der NVS so zur grössten lokalen Naturschutzorganisation der Schweiz. Heute zählt er immer noch respektable 2845 Mitglieder.

Auch der Botanische Garten St.Gallen kann jubilieren

Ein Zufall ist, dass eine zweite für die Stadtnatur wichtige Institution am 16. Juni 1945 ihren Spatenstich erlebt hat: Der Botanische Garten ist exakt 25 Jahre älter als der NVS, womit runde Geburtstage der beiden immer ins gleiche Jahr fallen.

Der Garten im Stephanshorn wird in diesem Jahr 75 Jahre alt. 1995 wurden die runden Jubiläen von NVS und Botanischem Garten noch gemeinsam begangen. In diesem Jahr gehen die beiden getrennte Festwege, wobei das Publikum an den Jubiläumsveranstaltungen zu einem schönen Teil das gleiche sein wird.

Als der Krieg in Europa zu Ende ging

Ein Ereignis, dem man hierzulande nicht gross gedenken wird, das aber dennoch von grosser Bedeutung für die jüngste Stadtgeschichte ist, jährt sich am 8. Mai zum 75. Mal: das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Dieses Ereignis hatte ähnlich wie schon vorher der Erste Weltkrieg (1914 bis 1918) einschneidende Auswirkungen für die Stadt.

Marktplatz und Bohl im Jahr 1932. Wo heute neben dem ehemaligen Hotel Hecht der Markt am Bohl steht, erhebt sich hier noch das alte Stadttheater.

Marktplatz und Bohl im Jahr 1932. Wo heute neben dem ehemaligen Hotel Hecht der Markt am Bohl steht, erhebt sich hier noch das alte Stadttheater.

Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde SG/ Sammlung Foto Gross

Nach 1945 begann nämlich der wirtschaftliche Wiederaufstieg, der in der Hochkonjunktur der 1960er- und frühen 1970er-Jahre mündete. Die Stadt erholte sich in dieser Zeit materiell und auch bezüglich Bevölkerungszahlen von der grossen Textilkrise. Psychologisch wirkte der wirtschaftliche Totalabsturz der 1920er-Jahre erheblich länger nach; er scheint in einzelnen Köpfen sogar bis heute noch nicht ganz überwunden.

Versorgungsengpässe und Ängste vor dem Luftkrieg

Die Kriegsjahre 1939 bis 1945 selber waren für die Stadt St.Gallen schwierig. Der Krieg schränkte die Versorgung mit Lebensmitteln und Kohle ein. Verdunkelung, Fliegeralarme und die allgemeine Unsicherheit hätten damals auf die Stimmung gedrückt, beschreibt Historiker Peter Müller in der Broschüre «Licht am Ende der Nacht» die damalige Situation. Nazi-Sympathisanten hätten Unruhe verbreitet. Vom Freudenberg aus habe man die nächtlichen Bombardierungen unter anderem von Friedrichshafen am süddeutschen Bodenseeufer mitverfolgen können.

Der Luftkrieg erreicht zwischen 1939 und 1945 eine zuvor nie gekannte Intensität. Britische und US-Luftstreitkräfte richteten dabei in der zweiten Kriegshälfte schwere Zerstörungen in deutschen Städten an, was auch in St.Gallen Ängste weckte. Im Bild eine B-17 «Flying Fortress» am 16. September 1944 über Ludwigshafen.

Der Luftkrieg erreicht zwischen 1939 und 1945 eine zuvor nie gekannte Intensität. Britische und US-Luftstreitkräfte richteten dabei in der zweiten Kriegshälfte schwere Zerstörungen in deutschen Städten an, was auch in St.Gallen Ängste weckte. Im Bild eine B-17 «Flying Fortress» am 16. September 1944 über Ludwigshafen.

Bild: Keystone

Das Ende des Krieges in Europa am 8. Mai 1945 war für die Stadtbevölkerung zuerst einmal eine grosse Erleichterung. Häuser wurden beflaggt, Schulen und Verwaltungsbüros blieben am Nachmittag geschlossen. Abends um 20 Uhr läuteten «an jenem herrlichen Frühlingstag» alle Kirchenglocken. In St.Laurenzen wurde zudem ein Dankgottesdienst abgehalten.

Das Ende des Aktivdienstes und politische «Aufräumarbeiten»

Schon im Mai wurden St.Galler Armee-Einheiten aus dem Aktivdienst entlassen und demobilisiert. Am 14. Mai defilierte etwa das Füsilier-Bataillon 79 durch die Stadt und gab auf dem Klosterplatz seine Fahne ab. Andere Einheiten folgten bis in den Sommer hinein.

1945 war auch von politischen «Aufräumarbeiten» geprägt: Das deutsche Konsulat auf dem Rosenberg wurde durchsucht und Propaganda- sowie Spionagematerial beschlagnahmt. Zudem wurden erste Massnahmen gegen Nazi-Sympathisanten ergriffen.

KZ-Überlebende, Flüchtlingskinder und US-Soldaten

Das ganze Jahr 1945 über war die Grenzstadt St.Gallen Durchgangsort für Überlebende aus Konzentrationslagern (unter anderem aus Bergen-Belsen, Theresienstadt, Mauthausen und Ravensbrück). Sie wurden hier meist für kurze Zeit in Notunterkünften und Notspitälern untergebracht, bevor sie weiterreisen konnten.

Überlebende aus dem KZ Mauthausen im Frühling 1945 im Notspital im St.Galler Waisenhaus auf dem Rosenberg.

Überlebende aus dem KZ Mauthausen im Frühling 1945 im Notspital im St.Galler Waisenhaus auf dem Rosenberg.

Bild: Stadtarchiv St.Gallen/ Familienarchiv von Feld

Ebenfalls kamen 1945 erste Züge mit Kindern aus den kriegführenden Ländern (unter anderem Frankreich und Holland) für Ferienaufenthalte in St.Gallen an. Und dann gab’s noch eine spezielle Art Feriengäste: Im Rahmen eines Ferienprogramms der US-Armee für ihre Offiziere und Soldaten in Europa besuchten bis Herbst 1945 ganze 2500 Amerikaner die Gallusstadt. Bis zum Abschluss des Programms waren es dann 6500.