Jahrelanger Rechtsstreit um Goldacher Zentrumsüberbauung ist vom Tisch – nun gibt aber ein wertvolles Gemälde des Dorfheiligen im Gasthaus zum Schäfle zu reden

Bis vor Verwaltungsgericht und wieder zurück auf Feld eins: Die Zentrumsüberbauung in Goldach wurde zur Zangengeburt, nachdem sich ein Anwohner wegen seiner beiden Bäume wehrte, die wegen der Mehrfamilienhäuser gefällt werden müssen. Jetzt sorgt der Umgang mit einem Gemälde aus dem 17. Jahrhundert, das für die Überbauung abgebrochen wird, für Unverständnis.

Jolanda Riedener
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Das Goldacher Dorfzentrum wartet auf eine Erneuerung: 32 Mietwohnungen sollen hier entstehen.

Das Goldacher Dorfzentrum wartet auf eine Erneuerung: 32 Mietwohnungen sollen hier entstehen.

Bild: Tino Dietsche (Februar 2020)
  • Seit 2014 stehen die Bauvisiere für die Überbauung im Dorfzentrum.
  • Ein Nachbar erhob Rekurs gegen den Gestaltungsplan, zog diesen dann zurück und erhob eine Einsprache gegen die im Juni 2015 erteilte Baubewilligung. Das kantonale Baudepartement gab dem Anwohner damals recht und hob die Baubewilligung wieder auf. Grund war ein Formfehler: Gemeinderäte und Gemeindepräsident waren Mitglieder der Jury für einen Investorenwettbewerb der Überbauung.
  • Die Eigentümerin musste ihr Baugesuch darauf erneut einreichen. Der Anstösser liess nicht locker. Das kantonale Baudepartement wies seine Einsprache dieses Mal ab. 
  • Der Anwohner zog weiter ans kantonale Verwaltungsgericht. Dieses rügte in ihrem Entscheid die Gemeinde. Die Höhe der Überbauung sei nicht zulässig: Wegen nicht zwingend nötigen Oblichtern werde die zulässige Höhe um zehn Zentimeter überschritten.
  • Das Projekt musste erneut aufgelegt werden. Der Anwohner verzichtete auf eine erneute Einsprache. Allerdings ging eine andere Einsprache ein. Kürzlich ist auch diese bereinigt worden.

An die Bauvisiere im Goldacher Dorfzentrum haben sich die Einwohnerinnen und Einwohner längst gewöhnt. Umso erleichterter dürften Gemeinderat und Bevölkerung gewesen sein, als diese vor einigen Tagen endlich demontiert wurden. Seit mehreren Jahren wird die Überbauung durch einen Rechtsstreit blockiert. Der Inhaber des Nachbargrundstücks störte sich insbesondere daran, dass für die drei Mehrfamilienhäuser seine zwei über 50-jährigen Bäume hätten gefällt werden müssen.

Das kantonale Baudepartement wies seine Einsprache darauf ab. Dennoch zog er weiter vors Verwaltungsgericht. Dieses hatte der Bauherrin im März 2019 die Bewilligung entzogen. Das Gericht rügte in seinem Entscheid die Gemeinde: Geplante Oblichter hätten die Gebäudehöhe um zehn Zentimeter überschritten, was nicht zulässig sei. Das Projekt rückte damit zurück auf Feld eins. Ein Urteil, das auch beim Gemeindepräsidenten auf Unverständnis stiess. Dominik Gemperli sagte damals:

«Ein Entscheid, dem jede Verhältnismässigkeit fehlt.»
Goldacher Gemeindepräsident Dominik Gemperli.

Goldacher Gemeindepräsident Dominik Gemperli.

Bild: Ralph Ribi

So blieb der Gemeinde nichts Anderes übrig, als das Projekt erneut aufzulegen. Dieses Mal zog sich der langjährige Einsprecher zurück: Nachdem die Fortimo AG als Bauherrin mit dem Einsprecher eine privatrechtliche Vereinbarung traf. Allerdings ging bei der erneuten Auflage eine weitere Einsprache einer anderen Partei ein. Gemperli sagt:

«Inzwischen wurde auch diese bereinigt.»

Nach den Sommerferien werden die Arbeiten aufgenommen, heisst es auf Anfrage bei der Fortimo AG. Dabei komme es zu Umleitungen und kleineren Einschränkungen für Fussgänger.

Der Dorfheilige ging beinahe vergessen

Der Überbauung weichen muss unter anderem das Gasthaus zum Schäfle. Teile des Restaurants, zum Beispiel die Bohlendecken, stammen aus dem 17. Jahrhundert, heisst es in einem Bericht vom März 2019 des Restaurators und Kirchenmalers Klaus Engler. Er untersuchte die historische Substanz des Hauses aus eigenem Antrieb und ohne Bezahlung. «Die Fortimo hat mein Angebot gerne angenommen», sagt er. Auch die Denkmalpflege habe Interesse gezeigt.

Sucht eine neue Bleibe: Der heilige St.Mauritius ist Patron der Katholischen Kirche Goldach. Das Gemälde stammt aus dem 17. Jahrhundert.

Sucht eine neue Bleibe: Der heilige St.Mauritius ist Patron der Katholischen Kirche Goldach. Das Gemälde stammt aus dem 17. Jahrhundert.

Bild: Klaus Engler

Mit dem Umbau des «Schäfle» in den 60er-Jahren hatte Klaus Englers Vater damals ein Bildnis des St.Mauritius – Patron der Katholischen Kirche Goldach – restauriert. Deshalb wusste er von der Existenz des Wandgemäldes. Hätte er nicht darauf aufmerksam gemacht, wäre das historisch wertvolle Stück in Vergessenheit geraten.

Die barocke Malerei ist zeitlich zwischen 1740 und 1760 einzuordnen. Von diesem Maler oder der Werkstätte sind bisher nur Fragmente bekannt, schreibt Engler im Bericht. Kleinregionen seien im Gegensatz zu anderen Regionen in Appenzell Inner- und Ausserrhoden oder im Toggenburg noch wenig erforscht.

Noch ist unklar, was mit dem Dorfheiligen geschieht

Laut Klaus Engler würde der Ausbau des Gemäldes gut 3000 Franken kosten. Allerdings ist trotz bevorstehender Abbrucharbeiten noch nicht geklärt, was mit dem Werk passiert. Auf Anfrage bei der Fortimo bestätigt die Bauherrin, dass die Demontage nicht sehr aufwendig sei:

«Aktuell laufen noch Abklärungen, ob die Denkmalpflege dieses Bild möchte oder ob es zum Abbruch freigegeben wird.»

Wer die Kosten für den Ausbau übernimmt, sollte das Gemälde gerettet werden, sei noch offen.

Das Wandgemälde des St.Mauritius wurde beim Umbau in den 60er-Jahren mit einem Fenster sichtbar gemacht.

Das Wandgemälde des St.Mauritius wurde beim Umbau in den 60er-Jahren mit einem Fenster sichtbar gemacht.

Bild: Klaus Engler

Unter der neuen Wand blieben allerdings noch weitere Wandmalereien verborgen, wie diese Blumenvase:

Im Gegensatz zum heiligen Mauritius ist das Gemälde der Blumenvase beschädigt.

Im Gegensatz zum heiligen Mauritius ist das Gemälde der Blumenvase beschädigt.

Bild: Klaus Engler

Vorwurf des Denkmalpflegers: Verhalten der Fortimo enttäuscht

Moritz Flury-Rova, Stellvertretender Leiter der Denkmalpflege des Kantons St.Gallen.

Moritz Flury-Rova, Stellvertretender Leiter der Denkmalpflege des Kantons St.Gallen.

Bild: PD

Anders tönt es bei der kantonalen Denkmalpflege St.Gallen: Das Gemälde werde auf jeden Fall gerettet. Momentan kläre man ab, wohin das Werk gehen könnte, sagt Moritz Flury-Rova, stellvertretender Leiter der kantonalen Denkmalpflege, auf Anfrage. Sollte sich kein Abnehmer finden lassen, werde es vorübergehend beim Kanton eingelagert.

Das sei aber eine Notlösung. «Ideal wäre es, das Gemälde an seinem Ursprungsort zu belassen», sagt Flury-Rova. Etwa, wenn es im Neubau der Fortimo einen Platz finden könnte. Flury-Rova sagt:

«Dass die Firma dafür keinerlei Hand bietet, ist enttäuschend.»

Im Gespräch sei man derzeit auch mit der Katholischen Kirche. Aus Sicht des Denkmalpflegers wäre sie ebenfalls ein geeigneter Abnehmer: «So könnte der Dorfheilige in Goldach bleiben.»

Grundsätzlich verfügt die Denkmalpflege auch über rechtliche Grundlagen, damit geschützte Objekte an ihrem Ort erhalten bleiben. Beim vorliegenden Fall habe eine Interessensabwägung aber ergeben, dass das Gasthaus Schäfle nicht schützenswert sei. Das Wertvollste am Haus sei aber eindeutig das Gemälde.

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