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Jahrbücher: Zuverlässige Chroniken des St.Galler Alltags mit Problemen

Jahrbücher sind eine Goldgrube für Historiker. Aktuellen Ausgaben mangelt es aber zunehmend an Leserinnen und Lesern. Jedes Mal, wenn die Rechnung nicht mehr aufgeht, verschwindet eine Publikation.
Reto Voneschen
Das legendäre Jahrbuch für die Stadt St.Gallen, die "Gallusstadt" erschien von 1946 bis 1996. 2012 versuchte der Appenzeller Verlag mit der neuen "Gallus-Stadt" die Reihe wieder zu beleben. Allerdings ohne Erfolg. Im Bild die Premiere des ersten neuen Bandes in der Buchhandlung Rösslitor. (Bild: Luca Linder)

Das legendäre Jahrbuch für die Stadt St.Gallen, die "Gallusstadt" erschien von 1946 bis 1996. 2012 versuchte der Appenzeller Verlag mit der neuen "Gallus-Stadt" die Reihe wieder zu beleben. Allerdings ohne Erfolg. Im Bild die Premiere des ersten neuen Bandes in der Buchhandlung Rösslitor. (Bild: Luca Linder)

Wie war das Kinderfest 1968? Wann wurden letztmals Saurier in freier Wildbahn in der Stadt St.Gallen gesichtet? Wer als Historiker Antworten auf solche Fragen sucht, ist in der Regel mit alten Jahrbüchern gut bedient.

Für Historiker sind solche Publikationen, deren Vorläufer es seit dem 19. Jahrhundert in vielen St.Galler Regionen und Städten gab und gibt, wahre Goldgruben an Informationen. Unter anderem kann man dort zwischen den Zeilen und in eingestreuten Reklamen auch viel über den Zeitgeist einer Epoche herauslesen.

Vom Kalender über die Mappe zum Jahrbuch

Die Kantonsbibliothek hat eine grosse Sammlung mit Jahrbüchern aus dem ganzen Kanton. In der Reihe «Entdecken in der Vadiana» haben Stephanie Arta und Remo Wäspi am Freitag die Geschichte des Genres sowie etliche dieser Buchreihen vorgestellt.

Der Ursprung der Jahrbücher liegt bei den Jahreskalendern wie etwa dem «Appenzeller Kalender», der seit 1722 bis heute erscheint. Früher waren solche Kalender neben der Bibel oft der einzige Lesestoff in einem Arbeiter- oder Bauernhaushalt. Kein Wunder also, dass solche Kalender auch im Kanton St. Gallen publiziert wurden.

Eine Sammlung alter "St.Galler Kalender" (Bild: Hannes Thalmann)

Eine Sammlung alter "St.Galler Kalender" (Bild: Hannes Thalmann)

Von 1838 bis 1848 gab es den «Neuen St.Galler Kalender – Der christliche Hausfreund». Von 1829 bis 1831 erschien der «Vaterländische St.Galler Kalender». Das langlebigste Produkt war der «St.Galler Kalender», den es von 1884 bis 1934 gab. Andere Vorläufer der Jahrbücher waren Schreibmappen (in St.Gallen gab es eine von 1887 bis 1929) und Jahresmappen (in St.Gallen von 1930 bis 1939).

Auch Jahrbüchern gehen Inserenten und Leser aus

Direkter Nachfolger der Stadtsanktgaller Jahresmappe wurde das erste Jahrbuch für die Stadt St. Gallen, die legendäre «Gallusstadt». Sie erschien von 1943 bis 1996 bei der Druckerei Zollikofer, die auch das «St.Galler Tagblatt» herausgab. Die Ursache für die Einstellung der Reihe in den 1990er-Jahren war typisch für das Ende vieler anderer Jahrbücher.

Der misslungene Relaunch: Nach den Bänden 2013, 2014 und 2015 wurde die neue "Gallus-Stadt" wieder eingestellt. Heute erscheint die "Gallus-Stadt" einmal im Jahr in Magazinform als Beilage zum "St.Galler Tagblatt". (Bild: Urs Bucher)

Der misslungene Relaunch: Nach den Bänden 2013, 2014 und 2015 wurde die neue "Gallus-Stadt" wieder eingestellt. Heute erscheint die "Gallus-Stadt" einmal im Jahr in Magazinform als Beilage zum "St.Galler Tagblatt". (Bild: Urs Bucher)

Sie waren von Anfang an Renditeobjekte von Druckereien und finanzierten sich über Werbung. Wenn diese ausblieb, ging die Rechnung nicht mehr auf und die Buchreihe wurde eingestellt. Zur fehlenden Werbung kam im Fall der «Gallusstadt» ein zweites typisches Problem: Die Zahl der Leser der Jahrbücher nahm stetig ab. Das wurde dem Versuch, die «Gallusstadt» 2012 neu zu lancieren, zum Verhängnis: Die Verkaufszahlen waren so tief, dass sich nicht einmal mehr Druck- und Vertriebskosten einspielen liessen.

Die Antworten auf die Eingangsfragen finden sich natürlich in der «Gallusstadt»-Chronik. Das Kinderfest 1968 fand am 26. Juni statt. Die Vorführungen auf der Kinderfestwiese wurden aber ab 14 Uhr verregnet und am nächsten Tag nachgeholt. Im Bürgli-Schulhaus tschutteten die Schulbuben gegen ihre Lehrer; der Schulleiter amtete als Schiedsrichter.

Abtransport der illegal aufgestellten Saurier-Eisenplastik aus dem Grabenpärklein. (Bild: Archiv "St.Galler Tagblatt")

Abtransport der illegal aufgestellten Saurier-Eisenplastik aus dem Grabenpärklein. (Bild: Archiv "St.Galler Tagblatt")

Der bisher letzte Saurier in St.Gallen wurde am 18. April 1995 durch die Stadt aus dem Grabenpärklein abtransportiert. Dort hatte ihn ein Künstler in Form einer Eisenplastik in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an Ostern aufgestellt.

Jahrbücher aus der Vadiana im Netz unter: www.digishelf.de/bodenseezeitschriften

Eine Region mit zwei Jahrbüchern

Nicht nur eines, sondern gleich zwei Jahrbücher sollen diesen Sommer und Herbst in Werdenberg erscheinen. Dies nachdem das «Werdenberger Jahrbuch» fürs laufende Jahr wegen interner Streitigkeiten nicht, wie üblich im Herbst des Vorjahres publiziert werden konnte.

Das «Werdenberger Jahrbuch» ist qualitativ hochstehend. Es arbeitet pro Ausgabe jeweils ein lokalgeschichtliches Thema ausführlich, wissenschaftlich und gut illustriert auf. Herausgegeben wird es von der Historisch-Heimatkundlichen Vereinigung der Region Werdenberg (HHVW).

Trägerschaft und Redaktion gerieten sich in die Haare

Die neue Führung des HHVW und die langjährige Redaktion des Jahrbuchs haben sich über der Form zerstritten, die das «Werdenberger Jahrbuch» künftig haben soll. In Zusammenhang mit einem Jahrbuch ist diese Eskalation bis zum Streit aussergewöhnlich. Anderseits zeigt die «Affäre» beispielhaft die Probleme auf, mit denen solche Publikationen heute kämpfen.

Auslöser für den Konflikt im Werdenbergischen sind die Kosten der bisherigen Publikation, die dem HHVW angesichts stagnierender Mitglieder- und Verkaufszahlen zu hoch sind. Dazu kamen Kompetenz- und andere Streitigkeiten, wie Remo Wäspi bei der Jahrbuch-Vorstellung in der Reihe «Entdecken in der Vadiana» erläuterte. Die bestehende Jahrbuch-Redaktion wollte an ihrem bisherigen Erfolgsrezept festhalten. Die Finanzprobleme hätten ihrer Meinung nach mit zusätzlichen Sponsoring-Anstrengungen gedeckt werden können.

Neuer Verein, neues Jahrbuch

Als Folge des Krachs wurde im Juni 2017 die Gesellschaft für Werdenberger Geschichte und Landeskunde (WGL) gegründet. Sie will «eine wissenschaftlich fundierte Publikationsreihe» herausgeben. Der erste Band ihrer «Werdenberger Geschichte/n» erscheint dieser Tage und ist den ersten fünfzig Jahren des 19. Jahrhunderts gewidmet.

Bei der HHVW hat eine neue Redaktion fürs «Werdenberger Jahrbuch» ihre Arbeit aufgenommen. Sie besteht aus drei jungen Historikerinnen. Der 32. Band soll im September zum Thema «Kindheit» erscheinen.

Und wie’s weitergeht? Remo Wäspi von der Kantonsbibliothek weiss es nicht. Jetzt gebe es in Werdenberg zwei Vereine mit Jahrbüchern, während andere Gegenden ohne oder mit stark abgemagerten Publikationen leben müssten. Ob das Nebeneinander im Werdenbergischen ein Dauerzustand wird, ist nicht absehbar. Immerhin sprechen die beiden Vereine den gleichen Pub­likumskreis an. (vre)

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