Isabel Schorer: «Ich kandidiere 2020 nicht für die St.Galler Stadtregierung»

Isabel Schorer hat die vergangenen neun Jahre die Stadtsanktgaller Standortförderung geleitet. Jetzt geht sie in die Privatwirtschaft. Im Interview spricht sie über das Ladensterben und den Steuerfuss. Und sagt, warum sie sich in zwei Jahren nicht um die Nachfolge von Stadtpräsident Thomas Scheitlin bewerben will.

David Gadze
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Isabel Schorer in der Marktgasse. Sie ist als Leiterin der Standortförderung der Stadt St.Gallen auf Ende November zurückgetreten. (Bild: Urs Bucher - 29. November 2018)

Isabel Schorer in der Marktgasse. Sie ist als Leiterin der Standortförderung der Stadt St.Gallen auf Ende November zurückgetreten. (Bild: Urs Bucher - 29. November 2018)

Isabel Schorer, Sie ziehen sich nach neun Jahren als Leiterin der St.Galler Standortförderung zurück. Wenn Sie retour schauen auf das Geleistete, welche Note geben Sie sich selber?

Ich würde meine Arbeit als «erfolgreich» bezeichnen. Aus verschiedenen Gründen. Diese Dienststelle wurde damals neu geschaffen. Von Beginn an und während der gesamten neun Jahre lag mein Fokus darauf, Projekte anzustossen, sie gemeinsam mit anderen zu realisieren und zum Erfolg zu führen.

Zum Beispiel?

Das Startfeld ist heute eine Institution, die sich etabliert hat. Am Anfang war es ein weisses Blatt Papier auf meinem Pult, heute die Anlaufstelle für Start-ups und Innovationen. Auch «IT St.Gallen rockt» ist erfolgreich unterwegs. Ein zentrales Anliegen meiner Arbeit war, dass Wirtschaft und Verwaltung gemeinsam an Themen arbeiteten. Das war sicher auch ein wichtiger Teil des Erfolgs.

«Erfolgreich» könnte man übersetzen mit «gut» – das entspricht etwa der Schulnote 5. Was fehlt denn zu einer 6, also zu einem «sehr gut»?

Man müsste andere Personen fragen, was sehr gut war oder eben nicht. Ich glaube, erfolgreich gearbeitet zu haben. Ich habe meine Arbeit immer mit viel Leidenschaft und Engagement gemacht. Die Benotung überlasse ich anderen.

Das wichtigste Projekt der Standortförderung in den vergangenen zwei Jahren war «Zukunft St.Galler Innenstadt», welches insbesondere gegen das Ladensterben ankämpft. Die Standortförderung hat diese Problematik sehr spät angepackt.

Dieser Strukturwandel und insbesondere die Geschwindigkeit war so nicht vor­auszusehen. Wir sind bei weitem nicht die einzige Stadt, die mit dieser Herausforderung kämpft. All die Auftritte und Präsentationen, die ich andernorts hatte, haben mir gezeigt, dass wir das Thema in der ganzheitlichen Form früher angegangen sind als andere Städte. Viele übernehmen unser Konzept, beginnen aber erst jetzt mit der Analyse. Wir haben sie vor eineinhalb Jahren abgeschlossen und sind nun in der Umsetzungsphase.

Trotzdem: Die leeren Ladenlokale in der Innenstadt deuten darauf hin, dass man die Zeichen der Zeit zu spät erkannt oder zu spät darauf reagiert hat.

Ich glaube, man hat sich rechtzeitig dieses Themas angenommen. Und die Resultate der Anstrengungen sind bereits sichtbar: In der Innenstadt gibt es heute 20 Prozent weniger Leerstände bei Ladenflächen als im Frühling – und zwar nicht dank Pop-Up-Shops, sondern dank langfristiger Vermietungen. Wir haben einen Zehn-Punkte-Plan, es braucht aber seine Zeit, bis er umgesetzt ist.

Zur Person

Isabel Schorer wurde am 7. August 1978 in St.Gallen geboren. Sie ist die Tochter des ehemaligen FDP-Stadtrats Peter Schorer (1981–1996). Nach einem Master in Business Administration (2004) und einem Master of Advanced Studies in Communi­cation Management (2007) übernahm sie 2009 die Leitung der städtischen Standortförderung. Ab Januar 2019 ist sie Standortleiterin der Kommunikationsagentur «Yjoo by Farner» in St.Gallen und Geschäftsleitungsmitglied bei Farner. Seit 2016 sitzt sie für die FDP im Kantonsrat. Isabel Schorer lebt mit ihrem Partner und dessen Zwillingen in St.Gallen. (dag)

Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf für die Standortförderung in den kommenden Jahren?

Ein Thema, das wir dieses Jahr in Angriff genommen haben und das man jetzt forcieren muss, ist das Standortmarketing. Die Wahrnehmung St.Gallens muss man verbessern. Die Stadt war am Zurich Economic Impulse präsent, wir haben den Digitaltag erstmals in St.Gallen durchgeführt. Es braucht auch die Diskussion über die verschiedenen Organisationen und deren Zusammenarbeit, also zwischen den Standortförderungen von Stadt und Kanton, der Region sowie St.Gallen-Bodensee-Tourismus.

Lockt man denn mit einem Digitaltag wirklich neue Firmen nach St.Gallen?

Im November fand erstmals in St.Gallen der Digitaltag statt. (Bild: PD - 21. November 2018)

Im November fand erstmals in St.Gallen der Digitaltag statt. (Bild: PD - 21. November 2018)

Ein Thema am Digitaltag war E-Sport. Das hat sehr viele Start-ups und junge Menschen angezogen, auch am St.Galler Stand am Zürcher Hauptbahnhof, wo sie sich über das St.Galler Angebot in diesem Bereich informieren konnten. Das sind potenzielle Zuzüger. Wir hatten auch entsprechende Anfragen von Firmen, die sich hier niederlassen wollen.

Das Bevölkerungswachstum ist seit 2015 rückläufig. Woran harzt es?

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Antworten liefern soll unter anderem die Wohnraumstrategie, welche die Stadtplanung gemeinsam mit der Standortförderung seit dem Frühling erarbeitet. Die Suche nach den Gründen braucht aber Zeit. Es ist wichtig, dass es keine Schnellschüsse gibt.

Wäre eine Steuersenkung ein solcher Schnellschuss?

Die Attraktivität eines Standortes definiert sich aus vielen unterschiedlichen Faktoren. Der Steuerfuss gehört auch dazu. Ich persönliche finde es relevanter, dass die Stadt St.Gallen eine gute Infrastruktur sowie gute Kultur- und Freizeitangebote hat, als auf Biegen und Brechen eine Steuersenkung zu erzwingen. Die Standortförderung ist aber in erster Linie dazu da, um Firmen anzusiedeln und Arbeitsplätze zu schaffen, um damit das Steuersubstrat nachhaltig zu steigern. Das ist uns gelungen.

Es gab aber auch namhafte Wegzüge. Merck hat die Europazentrale von Sigma-Aldrich aufgegeben oder der Sportartikelhersteller Jako seinen Schweizer Hauptsitz nach Rorschacherberg verlegt.

Isabel Schorer mit Thomas Scheitlin. Beide sitzen für die FDP auch im Kantonsrat. Schorer wird aber im Herbst 2020 aber nicht zu den Ersatzwahlen für den dann aller Voraussicht nach zurücktretenden St.Galler Stadtpräsidenten Scheitlin antreten. (Bild: Regina Kühne - 19. September 2018)

Isabel Schorer mit Thomas Scheitlin. Beide sitzen für die FDP auch im Kantonsrat. Schorer wird aber im Herbst 2020 aber nicht zu den Ersatzwahlen für den dann aller Voraussicht nach zurücktretenden St.Galler Stadtpräsidenten Scheitlin antreten. (Bild: Regina Kühne - 19. September 2018)

Es hat sich stark verändert, welche Firmen sich hier ansiedeln. Als ich bei der Standortförderung angefangen habe, zogen vor allem grosse Unternehmen mit ganzen Belegschaften hierher. Heute kommen eher kleinere Firmen, die mit wenig Personal beginnen und dann wachsen. Das sieht man etwa bei den Firmen im Startfeld. Sie brauchen ein Biotop, in dem sie gedeihen können. Dann ist das Risiko viel kleiner, dass sie wegziehen. Hier liegt also die Chance für St.Gallen. Um noch attraktiver zu werden, müsste man aber die ganze Region stärken – Stichwort Metropolitanraum. Die Ostschweizer Kantone müssen zusammenstehen, auch für den Schweizer Innovationspark in St.Gallen.

Die St.Galler Bewerbung als Standort für den nationalen Innovationspark ist aber krachend gescheitert.

Man sollte unbedingt einen weiteren Versuch wagen. Wir haben optimale Voraussetzungen. So ist Startfeld etabliert und gross genug, um als Nukleus für einen Innovationspark zu dienen.

Frau Schorer, Sie gehen nun in die Privatwirtschaft. Ihr Name fällt immer wieder, wenn es 2020 um die Nachfolge der FDP für Stadtpräsident Thomas Scheitlin geht. Kandidieren Sie in zwei Jahren?

Nein, ich stehe nicht zur Verfügung. Ich möchte mich vorerst auf meine neue Stelle und auf mein Kantonsratsmandat konzentrieren.

Sie figurieren aber auf der Liste der FDP-Frauen für die Nationalratswahlen vom Herbst 2019.

Ich habe mich bewusst für diese Liste und nicht für die Hauptliste der FDP entschieden. Ich will helfen, Stimmen zu holen, um die zwei Sitze zu verteidigen – oder gar einen dritten zu gewinnen.

Sie wollen gar nicht gewählt werden?

Nein. Das ist nicht meine erste Priorität. Ich möchte meinen Beitrag leisten und Wahlkampferfahrung sammeln. Und ich möchte junge Frauen motivieren, in die Politik zu gehen. Aber ich habe momentan nicht die Ambition, Nationalrätin zu werden. Wenn es doch so käme, müsste ich nochmals über die Bücher.

Sie schliessen aber nicht aus, zu einem späteren Zeitpunkt für den Stadtrat zu kandidieren?

Das tue ich auf keinen Fall. Ein Exekutivamt wäre sicher spannend. Ich bin aber jung genug, um mich allenfalls noch zu einem späteren Zeitpunkt vollamtlich der Politik widmen zu können.