Interview
«Das Thema Tod wird oft verdrängt oder mit Zuckerguss übergossen»: Der St.Galler Kabarettist Joachim Rittmeyer über seine Rolle als sterbender Altstar, Streicheleinheiten und sein Coronakind

In seinem neuen Stück spielt Joachim Rittmeyer einen erfolglosen Komiker, der auf der Bühne seinen eigenen Tod inszenieren will. Im Interview erzählt er, warum ihn dieses Thema packt, warum eine Krähe eine wichtige Rolle spielt und warum er seine Heimatstadt St.Gallen vor über 40 Jahren verlassen hat.

Melissa Müller
Merken
Drucken
Teilen
«Das Stück ist ein Coronakind»: Der preisgekrönte Kabarettist Joachim Rittmeyer.

«Das Stück ist ein Coronakind»: Der preisgekrönte Kabarettist Joachim Rittmeyer.

Bild: Coralie Wenger

Sie spielen in Ihrem neuen Stück einen erfolglosen Komiker, der auf der Bühne seinen eigenen Tod inszenieren will. Was interessiert Sie am Thema Tod?

Joachim Rittmeyer: Das hat mich schon ganz früh interessiert. Das Thema Altersheim hat mich auf der Bühne schon mit 30 Jahren beschäftigt. Dem Thema Tod kommt man nur mit Komik bei. Es zieht sich wie ein roter Faden durch mein Schaffen. Beim neuen Stück ist der drohende Tod der Anlass, die berufliche Existenz zweier Bühnenmenschen zu retten.

Flogen die Fetzen zwischen Ihnen und Ihrem Bühnenpartner Patrick Frey bei den Proben ebenso wie im Stück?

Das gab's schon. Reibungen sind inbegriffen bei einer solchen Zusammenarbeit. Patrick Frey ist sehr zupackend und direkt. Unsere Komödie spielt mit verschiedenen Ebenen. Mal ist das fiktive, mal das reale Publikum gemeint. Das Stück ist ein Coronakind. Es ist im Homeoffice entstanden, wo wir gleichzeitig am Manuskript gearbeitet haben. Das war ein Spass.

Ein Schwank über den Tod in der Pandemie, die zahllose Todesopfer gefordert hat - ist das nicht fragwürdig?

Es ist gerade jetzt richtig! Es gibt nie einen falschen Zeitpunkt für das Thema Tod. Es wird aber meist massiv verdrängt. Oder es wird mit Zuckerguss übergossen. Bei der Arbeit am Stück ist unsere eigene Situation eingeflossen. Wir sind beide 70, da ist man am Thema Tod ein Stück näher als ein junger Mensch. Meine Figur will ihr Leben dort beenden, wo es stattfindet: Auf der Bühne, umgeben von Zeugen. Ihre berufliche Existenz ist gefährdet. Aber auch der Manager hängt am Tropf des Komikers. Auch bei ihm geht es um die Existenz. Da sagen sich die beiden: Das könnte man doch als Stoff verwerten.

Auch eine Krähe aus Stoff spielt im Stück eine tragende Rolle. Haben Sie einen speziellen Bezug zu Vögeln?

Nein, aber Patrick. Seine Mutter hat eine Vogelpflegestation geführt. Er hat die Krähe aufwendig herstellen lassen. Das war technisch tricky. Meine Lieblingsstelle im Stück ist da, wo ich meinem Manager sage, wie es gesundheitlich um mich steht. Da ist der Vogel wichtig. Er flattert dazwischen und kräht. Es ist ein Schmerzensruf.

Joachim Rittmeyer in seinem Daheim in Delemont.

Joachim Rittmeyer in seinem Daheim in Delemont.

Bild: Alex Spichale / SON

Wie ist es, nach der langen Zeit endlich wieder auf der Bühne vor Livepublikum spielen zu dürfen?

Wir haben das Stück ja im Herbst kurz im Casinotheater Winterthur gespielt. Dann kam der Shutdown. Wir haben es eingefroren und gestern in der Kellerbühne wieder aufgetaut. Ich habe es genossen, die Aura des Publikums zu spüren, Menschen, die sich freuen. Es gibt noch wacklige Stellen im Stück. Das Abwickeln dieser Komödie ist komplex. Es war toll, sich hinein zu stürzen. Etwas zu machen für die Leute.

Sie werden diesen Juni mit dem Salzburger Ehrenstier ausgezeichnet, einem der bedeutendsten Preise im deutschsprachigen Raum. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Es ist eine Wertschätzung. Ich bin dankbar, dass ich seit 1974 meine eigenen Welten auf der Bühne gestalten und davon leben kann. Mit Familie. Preise sind Streicheleinheiten, die man früher noch mehr gebraucht hätte als jetzt, wo man an sich glaubt.

Wie ist es, in Ihrer alten Heimat St.Gallen aufzutreten?

Das St.Galler Publikum bezeugt mir viel Akzeptanz. Umarmungen sind aber nicht immer ideal für eine Entwicklung. Ich bin in den Siebzigern weggegangen von St.Gallen, weil ich mehr Widerstand brauchte. Ich wollte durch den Tiefschnee laufen. In Basel kannte mich niemand. Das Zurückkommen nach St.Gallen habe ich aber immer sehr genossen.

Joachim Rittmeyer, Patrick Frey: «Der letzte Piepser»;9./10./11./12. Juni, Kellerbühne St.Gallen. Es gibt im Moment für alle fünf Vorstellungen noch freie Plätze.