Inklusion
Der Stadtrat fährt mit dem Rollstuhl durch St.Gallen – und spürt die Schwierigkeiten des Alltags einer beeinträchtigten Person

Cem Kirmizitoprak leitet die Beratungsstelle Inklusion St.Gallen. Er sagt, die Stadt gebe sich barrierefreier, als sie wirklich ist. Das zeigt er dem Stadtrat im Rahmen einer ungewöhnlichen Rundfahrt.

Renato Schatz
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Die Mitglieder des Stadtrates erfahren, wie es ist, im Rollstuhl zu sitzen.

Die Mitglieder des Stadtrates erfahren, wie es ist, im Rollstuhl zu sitzen.

Bild: Renato Schatz

«Herr Jans, ist alles in Ordnung?», fragt ein älterer Mann den St.Galler Stadtrat, der bei der Ampel vor dem Tibits sitzt. Ja, er sitzt. Er sitzt im Rollstuhl, trägt Anzug und darüber eine orange Sicherheitsweste.

Peter Jans ist nicht verletzt oder beeinträchtigt. Wenn er wollte, könnte er aufstehen. Doch das können nicht alle Menschen. Cem Kirmizitoprak kann das nicht, er leidet an zerebraler Tetraspastik, weshalb Arme und Beine gelähmt sind. Der Leiter der Beratungsstelle Inklusion macht deswegen mit den fünf Stadträten eine Rundfahrt durch St.Gallen. Er sagt: «Die Stadt präsentiert sich barrierefreier, als sie wirklich ist.» Das will er zeigen. Zuerst im Rathaus.

«Die Stadt sollte sich anpassen, nicht die Menschen»

Zweiter Stock, mehrere Schalter, wo Formulare ausgefüllt werden. Wer im Rollstuhl sitzt, erreicht kaum die Tischplatte. Kirmizitoprak sagt: «Die Stadt sollte sich anpassen, nicht die Menschen.» Jans: «Stimmt schon.» Es dauert, bis alle via Lift den Weg ins Erdgeschoss gefunden haben. «Die Polizei ist übrigens informiert», sagt Kirmizitoprak und lacht. Sonja Lüthi: «Und die Ambulanz?»

Via SBB-Schalter geht es zum Busperron. Kirmizitoprak nennt die Laderampen der neuen Busse «Stolpersteine». Denn: «Wenn die Rampe für die Rollstühle ausgefahren ist, gibt es eine Art Autostopper, über den man nur schwer drüberfahren kann.» Ein Chauffeur erklärt, dass dieses Problem erst im November behoben werden könne. «Solche Probleme gibt es manchmal bei neuen Sachen», sagt Jans. Kirmizitoprak: «Das sind eure Busse, nicht meine.»

Türen gehören im Alltag von Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern bisweilen zu echten Hindernissen.

Video: Renato Schatz

Manche Türen sind schwierig zu öffnen

Marktplatz, Kommen und Gehen und Warten, wie immer. Viele Leute also. Eine Frau sagt zu ihrer Kollegin: «Ist das nicht …?» Ja, das ist sie: Maria Pappa. Die Stadtpräsidentin ist Schlusslicht der sechsköpfigen Rollstuhlgruppe. Einmal kollidiert sie mit der Bordsteinkante. Sie wird mehrfach erkannt und manchmal auch geschoben.

Einmal will Pappa eine Flügeltür passieren, die für Rollstuhlfahrer nur mit viel Kraft und Geschick zu öffnen ist. Jemand will helfen, doch Kirmizitoprak greift ein. «Nein, man muss allein klarkommen.» Nun geht auch Kirmizitoprak durch. Die Türflügel schlagen an den Rollstuhl. «Die Chance, dass etwas kaputtgeht, ist gross», sagt Kirmizitoprak.

Während dieser Rundfahrt entsteht aber auch etwas. Kirmizitoprak sagt ein paar Stunden später, dass ihm zwei Stadträte bereits in Mails erklärt hätten, wie sich die Situation für Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer konkret verbessern könne.