Industriedenkmal in der Wissbachschlucht produziert Strom für 90 Haushalte

Ein Kleinwasserkraftwerk in der Flusslandschaft liefert seit bald 130 Jahren Strom für Gossau.

Johannes Rutz
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Das Kleinwasserkraftwerk in der Wissbachschlucht bei Degersheim ist ein eigentliches Industriedenkmal. Es stammt aus den Anfängen der Elektrifizierung und ist prägend für den oberen Lauf des Wissbaches. Das um 1892 erbaute Kleinwasserkraftwerk war der Initiative der Familie Klingler aus Gossau zu verdanken. Sie leitete den Strom über 3,5 Kilometer zur Haslenmühle bei Gossau. Noch heute existiert die Freileitung. Sie überquert Tobel, Hügel, Bäche, Wiesen und unterquert die SBB-Bahnlinie. Abnehmerin des Stroms ist aber keine Mühle mehr. Er wird bei der Haslenmühle ins Netz der Gemeinde Gossau eingespiesen.

Unterhalt ist im Winter anspruchsvoll

«Der Unterhalt kann insbesondere im Winter, wenn an den Drähten Eisregen und nasser Schnee ansetzt, anspruchsvoll werden», sagt der gegenwärtige Besitzer des Kleinwasserkraftwerkes, der Elektroingenieur Hans Bieri aus Kradolf-Schönenberg. Er hat grosse Erfahrung mit Wasserkraftwerken, beschäftigt er sich doch schon seit den 1980er-Jahren mit deren Erneuerung und Automatisierung. Auch war er Vorstandsmitglied der Schweizerischen Vereinigung der Kleinwasserkraftwerke.

70 Prozent Produktionssteigerung

Seine Firma, die Bieri Energie GmbH, kaufte das Kleinwasserkraftwerk im Jahr 2005. Es befand sich damals in einem schlechten Zustand, sodass die neuen Eigentümer grosse Anstrengungen zur Erneuerung unternahmen. Allein für Stützmauern, Verankerungen und Verstrebungen wurden zwei Tonnen Zement verbaut.

Es gelang dem Unternehmen, mit dem alten Generator und der alten Turbine, einer Francis-Turbine System Rieter aus den 1960er-Jahren, die Produktion um 70 Prozent zu steigern. Turbine und Generator befinden sich im länglichen Gebäude in der weit ausladenden Aushöhlung am Aufgang zur Treppe. Die markante Druckleitung, die neben der steilen, gedeckten Treppe des Wanderweges durch die enge Schlucht führt, hat eine Länge von 150 Metern und eine beachtliche Fallhöhe von 27,2 Metern. Bei der Begehung ist der Wissbach wegen ununterbrochener Regenfälle ein reissender Fluss. Bei der oberen Staumauer wird eine Wassermenge von 4,6 Kubikmeter pro Sekunde gemessen – ein Spitzenwert. Der Weiher mit einer Fläche von 9200 Quadratmetern ist langsam am Verlanden, wird jedoch immer noch als Ausgleichsbecken benützt. Wie Turbinenwart Reinhard ­Tobler erklärt, ist das Jahr 2019 wassermässig durchschnittlich verlaufen im Vergleich zum Vorjahr, das sehr trocken war. Auch die Defizite des heissen Sommers von 2003 sind inzwischen kompensiert. Am besten für das Wasserkraftwerk sind regelmässige und massvolle Regen im Herbst. Im Frühjahr absorbiert die Natur viel Wasser.

Die Konzession läuft aus

Im Winterhalbjahr, bei Vegetationsstillstand und aufgrund der Tatsache, dass das Wasser von Höhen zwischen 700 und 1000 Metern herkommt und zum Teil als Schnee zurückbehalten wird, können rund 60 Prozent des Stroms produziert werden. Dann also, wenn er am nötigsten gebraucht wird. Das Kleinwasserkraftwerk ist für 60 Tage Volllast dimensioniert und ausgelegt. Dank der kostendeckenden Einspeisevergütung kann das Kraftwerk wirtschaftlich betrieben werden. Es produziert jährlich 350000 bis 420000 Kilowattstunden Strom, was dem Verbrauch von 70 bis 90 Haushalten entspricht. Wegen der auslaufenden Konzession und verschärfter Umweltvorschriften stellt sich nun – trotz angestrebter Energiewende – die Frage des Rückbaus.