In Wittenbach predigt ein Esel: Das bieten die Kirchgemeinden in der Region St.Gallen den Gläubigen an Ostern

Gottesdienste sind zurzeit zwar verboten. Doch Ostern fällt nicht gänzlich aus, wie die Kirchgemeinden beweisen.

Melissa Müller
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Für den Gossauer Pfarrer Andy Givel ist die Liturgie der Osternacht jeweils ein Höhepunkt des Jahres.

Für den Gossauer Pfarrer Andy Givel ist die Liturgie der Osternacht jeweils ein Höhepunkt des Jahres.

Lisa Jenny

Der katholische Gossauer Pfarrer Andy Givel freut sich eigentlich immer auf Ostern. Doch dieses Jahr will sich die Vorfreude nicht so recht einstellen. Öffentliche Gottesdienste sind zurzeit tabu – abgesehen von Abdankungen im engsten Familienkreis. Dabei ist die Liturgie der Osternacht für Givel jeweils ein Höhepunkt des Jahres.

Zu Beginn ist die Kirche dunkel, nur die Osterkerze brennt. Dreimal erklingt der Ruf «Christus, das Licht der Welt». Danach wird eine Kerze herumgereicht, alle Kirchenbesucher zünden sich ihre Kerzen an. Nach und nach wird das Gotteshaus erhellt, erfüllt von Psalmen, Liedern und Weihrauch. Andy Givel sagt:

«Dieses Gemeinschaftserlebnis kann man nicht ersetzen.»

Viele Kirchgemeinden bieten im Internet Übertragungen an den Kar- und Ostertagen an. Die katholische Kirchgemeinde Gossau verzichtet jedoch darauf. «Aus der Kathedrale St.Gallen wird täglich ein Gottesdienst übertragen. Das reicht», sagt Pater Andy Givel. Er verweist auch auf die kirchliche Website abgesagt-zugesagt.ch, auf der Kurzfilme, Impulse und Musik abgerufen werden können.

Übertragung von Gottesdiensten kostet viel

Professionelle Aufnahmen mit Ton und Bild seien kostspielig. Rund 12000 Franken müsste man für die Übertragung von vier Gottesdiensten zahlen. Givel sagt:

«Wir geben dieses Geld lieber für Soziales aus.»

Dazu gehören Essensabgaben, aber auch die Beratung von Menschen, die etwa ihre Arbeit verloren haben. «Wenn jemand in eine Notlage gerät, bezahlen wir gewisse Rechnungen», sagt Andy Givel.

Die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Gossau-Andwil sendet via Livestream-Gottesdienst direkt aus der Kirche Haldenbüel. Zudem animiert sie Jugendliche am Samstag vor Ostern via Whatsapp zum Innehalten. Ein Handy und eine Kerze, mehr brauche man dafür nicht. Um 19.15 Uhr können sie während rund 40 Minuten eine interaktive Einstimmung aufs Osterfest erleben.

Ältere Kirchbürger haben Mühe mit digitalen Angeboten

Herbert Weber, Vorsteher der Evangelischen Kirchgemeinde Gossau-Arnegg

Herbert Weber, Vorsteher der Evangelischen Kirchgemeinde Gossau-Arnegg

PD

Um 20 Uhr läuten dann in Gossau die Kirchenglocken. Sehr viele katholische und reformierte Kirchbürgerinnen und Kirchbürger hätten dieses Ritual in ihren Tagesablauf integriert, sagt Kirchgemeindepräsident Herbert Weber. Vielfach werde dabei das Vaterunser still vor sich hin gebetet.

Viele ältere Kirchgänger haben jedoch Mühe mit digitalen Angeboten. «Einige können die ständig auf sie einprasselnden News nicht einordnen und fühlen sich einsam», sagt Herbert Weber. Hier könne ein Telefongespräch viel bewirken. «Wenn wir merken, dass jemand einsam ist, setzen wir ihn auf eine Liste und rufen ein paar Tage später wieder an.»

80 Gossauer Jugendliche wollen helfen

Oft tröste Betroffene allein schon die Tatsache, dass ihnen jemand zuhört. Manchmal könne einen auch ein Zitat aus der Bibel stärken. Herbert Weber mag den Spruch:

«Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt.»

Es sei für die älteren Gossauerinnen und Gossauer auch schön, zu wissen, dass junge Menschen für sie da sind.

Die ökumenische Jugendhilfe hat in Gossau Teenager zusammengetrommelt, die für Leute aus der Risikogruppe Einkäufe tätigen oder den Hund spazieren führen. «Wir dachten, es würden sich höchstens 20 melden», sagt Weber. Zu seiner Überraschung meldeten sich aber 80 Teenager. «Es war ein Run.»

Kirchliche Witze heitern die Gläubigen auf

Das Gemeinschaftserlebnis in der Kirche sei unersetzlich, sagt auch Johannes von Heyl, der Präsident der Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Tablat. «Es bleibt uns aber nichts anderes übrig, als auf digitale Kanäle auszuweichen.» Bei Übertragungen aus der evangelischen Kirche Rotmonten schalten Hunderte Teilnehmer zu. «Das Bedürfnis nach Gottesdiensten ist erstaunlich gross», stellt von Heyl fest.

Johannes von Heyl, Präsident der Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Tablat

Johannes von Heyl, Präsident der Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Tablat

Nik Roth

Die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Wittenbach-Bernhardzell verschickt auch kreative ökumenische Rundbriefe. Zum Palmsonntag war etwa die amüsante Predigt eines Esels zu lesen. Nebst spirituellen Themen heitern auch Witze die Leserinnen und Leser auf. Etwa dieser: Es predigt der junge Pfarrer:

«Wenn ich einen Betrunkenen aus einer Bar kommen sehe, erkläre ich ihm: Das ist der falsche Weg, kehre um!»

Solche Newsletter kommen gut an. Sogar ein Empfänger aus Neuseeland bedankte sich via E-Mail bei den Wittenbacher Autoren Bettina Mittelbach und Christian Leutenegger. Fazit der Pfarrpersonen:

«Nicht nur Viren verbreiten sich also weltweit, sondern auch gute Nachrichten.»