In welche Richtung soll sich die Stadt Gossau in den nächsten Jahrzehnten entwickeln? Diese Strategien schlagen Winterthurer Studierende vor

Architekturstudentinnen und -studenten der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften haben sich mit der baulichen Weiterentwicklung der Stadt Gossau befasst und vier Strategien dafür ausgearbeitet. Die Arbeit der 15 Studierenden sei ein «erfrischender Diskussionsbeitrag», sagt Stadtpräsident Wolfgang Giella.

Michel Burtscher
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Die Studierenden aus Winterthur erkundeten die Stadt Gossau mit dem Auto, dem Velo oder zu Fuss.

Die Studierenden aus Winterthur erkundeten die Stadt Gossau mit dem Auto, dem Velo oder zu Fuss.

Benjamin Manser (4. März 2017)

Mit dem Auto, dem Velo oder zu Fuss waren die Architekturstudentinnen und -studenten der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Gossau unterwegs. Im Zentrum und in den Aussenquartieren. Sie schauten sich Häuser an, Strassen, Wege und Plätze. Das Ziel der Winterthurer Studierenden: Die Stadt kennenzulernen und danach Ideen für eine mögliche bauliche Weiterentwicklung auszuarbeiten.

Daraus sind eine über 100-seitige Broschüre mit dem Titel «Städtebauliche Strategien für Gossau» und eine Ausstellung im Andreaszentrum entstanden, die am Montagabend eröffnet wurde. Diese Visionen für zukünftige Projekte würden «unkonventionellen und zwanglosen Denkansätzen» entspringen, schreibt die Stadt, seien aber wertvolle Anregungen für die Entwicklung von Gossau.

Es sind Visionen, die einige Dinge ausblenden

Die Ergebnisse seien spannend, sagte der Gossauer Stadtpräsident Wolfgang Giella an der Vernissage der Ausstellung. Man verstehe sie als «erfrischenden Diskussionsbeitrag». «Sie zeigen, was aus heutiger Sicht möglich wäre und wie Gossau in 40 oder 50 Jahren aussehen könnte.» Und zwar unabhängig von Einschränkungen wie den Besitzverhältnissen der betroffenen Grundstücke, den politischen Gegebenheiten oder dem Bevölkerungswachstum.

René Haefeli, Stadtentwickler Gossau.

René Haefeli, Stadtentwickler Gossau.

Bild: PD

Ins gleiche Horn blies auch Stadtentwickler René Haefeli: Gossau sei eine gute Bühne für eine solche Arbeit, sagte er, denn die Stadt habe noch viel Potenzial für Veränderungen. Die Studierenden würden eine neue Sicht auf die Stadtentwicklung bringen, einen Blick von aussen. Das sei spannend. Haefeli betont:

«Die Ergebnisse sind schlüssig, wenn auch ein bisschen vogelfrei.»

Ist Gossau ein Dorf oder eine Stadt?

Vier Strategien mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten haben die Winterthurer Studierenden entwickelt. Die Titel dieser Strategien: «Langsam verknüpfen«, «Neue Vorstadt West», «Schussfaden» und «Bahnhofsquartier». Die Strategie «Schussfaden» beispielsweise hat zum Ziel, dass Gossau städtischer wird, «publikumsorientierte Nutzungen» quer durch die Stadt verknüpft werden und sich Gossau zur Studentenstadt entwickelt. Eine Reihe von Beobachtungen deute an, dass sich Gossau noch in einem Zustand zwischen Dorf und Stadt befinde, schreiben die Studierenden dazu.

Das öffentliche Leben scheine dem Durchgangsverkehr und dem Parkieren untergeordnet. Zudem fehle es vielerorts an räumlicher und funktionaler Dichte. In der Broschüre heisst es:

«Wer am Bahnhof ankommt, fühlt sich nicht in einer Stadt.»

Darum – so die Idee – soll die Bahnhofstrasse neu gestaltet werden als übergeordnete Fussgänger- und Veloverbindung. Zwischen dem Bahnhof und dem Freiraum der Bundwiese sehen die Studierenden zudem ein grosses Potenzial, um Nutzungen zu intensivieren und baulich zu verdichten. Und südlich der Bahngleise sollen die Bildungs- und Sportnutzungen zu einem «Campus» weiterentwickelt werden.

Die Haldenstrasse im Fokus

Ziel der Strategie «Langsam verknüpfen» wiederum ist unter anderem, dass die nördlichen Aussenquartiere besser ins Stadtgefüge eingebunden werden, attraktive und sichere Verbindungen für Radfahrer und Fussgänger sowie erschwinglicher Wohnraum für vielfältige Nutzergruppen entstehen. Denn eine Zentralitätsanalyse habe gezeigt, dass die Quartiere am nördlichen Stadtrand nur schwach ins lokale Netzwerk eingebunden sind. Die Strategie konzentriert sich deshalb auf das Potenzial der Parallelstrassen, die in gewisser Distanz zu den Hauptachsen verlaufen – etwa die Haldenstrasse.

Diese soll, schreiben die Studierenden, als quartierinternes Rückgrat für den Langsamverkehr umgestaltet werden. Zudem soll über Umnutzungen und Ersatzneubauten auf kleinen Parzellen neuer Wohnraum entstehen. Eine Idee ist ein Neubau des Migros-Supermarkts, durch den eine Verbindung zwischen der St.Galler- und der Haldenstrasse hergestellt und ein öffentlicher Treffpunkt im Quartier etabliert wird. Der Grossverteiler soll kombiniert werden mit einer offenen Struktur von marktähnlichen Kleinbauten, in denen beim Bäcker, Früchte-, Gemüse- und Blumenladen lokale Produkte eingekauft werden können.

Die Angst vor der inneren Verdichtung nehmen

Die Studienautoren haben verschiedene Orte identifiziert mit Potenzialen für «zukünftig richtungsweisende, städtebauliche» Projekte, wie sie schreiben: Dazu gehören unter anderem die zentrale Zone mit dem Marktplatz, der Bundwiese und der Mooswiese, das Quartier um den Bahnhof, der Sport- und Bildungscampus südlich der Bahnlinie und die Haldenstrasse als Schwelle zu den nördlichen Stadtteilen.

Wolfgang Giella, Stadtpräsident Gossau.

Wolfgang Giella, Stadtpräsident Gossau.

Ralph Ribi

Wolfgang Giella sagte an der Vernissage, die Ergebnisse könnten helfen, den Leuten die Angst vor der inneren Verdichtung zu nehmen und zeigen, dass diese auch zu Verbesserungen führen könne. Es seien viele gute Ideen zusammengekommen. Ob die Projekte jemals so umgesetzt werden, sei eine andere Frage, so Giella. Konkrete Pläne dafür gibt es keine. Der Stadtpräsident sagte:

«Die Studierenden haben eine mögliche Zukunft für Gossau gezeigt – es könnte aber auch ganz anders kommen.»

Die Ausstellung im Andreaszentrum ist an folgenden Tagen geöffnet: Mittwoch, 28. Oktober, und Donnerstag, 29. Oktober, Montag, 2. November und Mittwoch, 4. November, jeweils von 18 bis 20 Uhr sowie am Samstag, 31. Oktober, von 10 bis 12 Uhr.