In St.Galler Wäldern werden jetzt Bäume gepflanzt, die dem Klimawandel besser widerstehen können

Auch die St.Galler Wälder bekommen die Klimaerwärmung zu spüren. Fachleute gehen etwa davon aus, dass die Fichte oder Rottanne innert 70 bis 100 Jahren verschwunden sein wird. Die Ortsbürgergemeinde St.Gallen trifft konkrete Gegenmassnahmen.

Reto Voneschen
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An den jeweiligen Standort angepasste Bäume sind bei Neupflanzungen Trumpf: Die am Donnerstagnachmittag unterhalb der Waldegg gepflanzten Schwarzerlen sollen helfen, den nassen Rutschhang zu stabilisieren. (Bilder: Ralph Ribi - 31. Oktober 2019)

An den jeweiligen Standort angepasste Bäume sind bei Neupflanzungen Trumpf: Die am Donnerstagnachmittag unterhalb der Waldegg gepflanzten Schwarzerlen sollen helfen, den nassen Rutschhang zu stabilisieren. (Bilder: Ralph Ribi - 31. Oktober 2019)

Es ist neblig-feucht unterhalb der Waldegg. Durch Bäume und Nebel ist die gleichnamige Ausflugsbeiz nur schemenhaft auf dem Hügel zu erahnen. Die St.Galler Stadt- und Kantonsgrenze zu Ausserrhoden verläuft nur wenige Meter über der Stelle im Wald, an der am Donnerstagnachmittag eine Gruppe eifrig mit Hacken, Jungpflanzen, Pfählen, Drahtgeflecht und Wildschutzhüllen aus grünem Plastik hantiert.

Marc Guion, Chef der St.Galler Funk-Niederlassung.

Marc Guion, Chef der St.Galler Funk-Niederlassung.

Hier leisten die Angestellten der St.Galler Niederlassung des deutschen Versicherungsbrokers Funk samt Chef Marc Guion einen Einsatz im Wald. Sie pflanzen auf 1400 Quadratmetern Fläche, auf der nach Sturmschäden Fichten und Weisstannen weichen mussten, 620 neue Bäume und Sträucher.

In die Neupflanzung werden samt Pflege in den ersten fünf Jahren 15'000 Franken investiert. Die Kosten übernimmt ebenfalls die Funk-Gruppe aus Anlass ihres 140-jährigen Bestehens. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Hamburg engagiert sich zu diesem Jubiläum weltweit mit Aktionen gegen die Klimaerwärmung. Unter anderem hat der immer noch als Familienunternehmen geführte Betrieb  in Myanmar das Pflanzen von 140'000 Mangroven-Bäumen ermöglicht.

Folgen des Klimawandels im St.Galler Wald abfedern

Die Pflanzaktion unterhalb der Waldegg findet vor einem ernsten Hintergrund statt: Sie ist eine Massnahme, die die Ortsbürgergemeinde St.Gallen mit Blick auf die Folgen des Klimawandels trifft. In ihren Wäldern werden gemäss den Forstverantwortlichen Urban Hettich und Patrik Hollenstein punktuell Neupflanzungen mit Baumarten vorgenommen, die den Veränderungen, die der Klimawandel mit sich bringt, besser widerstehen als heute gängige Arten, vor allem die Fichte oder Rottanne (siehe Zweittext).

Ein kleiner Wild- oder Vogelkirschbaum wird mit einem Verbissschutz ausgestattet. Dies, damit sich Rehe und Hirsche nicht an ihm gütlich tun können.

Ein kleiner Wild- oder Vogelkirschbaum wird mit einem Verbissschutz ausgestattet. Dies, damit sich Rehe und Hirsche nicht an ihm gütlich tun können.

So schaffe man Stützpunkte, von denen aus die resistenteren Baumarten sich mit dem Verschwinden anderer Bäume durch Versamung ausbreiten könnten. Gepflanzt wurden im «Samenreservor» unter der Waldegg je 200 Lärchen und Winterlinden, 125 Schwarzerlen und 75 Wild- oder Vogelkirschen. Der Waldrand wurde zudem durch zwanzig Sträucher (Vogelbeere, Schwarzdorn und Pfaffenhütchen) ökologisch aufgewertet.

Im Pflanzeinsatz waren am Donnerstagnachmittag 15 Angehörige der St.Galler Niederlassung der Funk-Gruppe sowie zwei Forstarbeiter der Ortsbürgergemeinde St.Gallen. Letztere vermittelten unter anderem das Wissen, wie man einen jungen Baum richtig pflanzt.

Im Pflanzeinsatz waren am Donnerstagnachmittag 15 Angehörige der St.Galler Niederlassung der Funk-Gruppe sowie zwei Forstarbeiter der Ortsbürgergemeinde St.Gallen. Letztere vermittelten unter anderem das Wissen, wie man einen jungen Baum richtig pflanzt.

Nach dem Preisschock der Klimawandel

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Schweizer Waldwirtschaft bereits grundlegend verändert. Hauptursache war die Entwicklung des Holzpreises. So ist der noch in den 1970er-Jahren äusserst lukrative Wirtschaftszweig heute auf die Beiträge zur Abgeltung seiner vielfältigen ökologischen und gesellschaftlichen Leistungen angewiesen, um kostendeckend arbeiten zu können.

Ein Fichten-Borkenkäfer. (Bild: Keystone)

Ein Fichten-Borkenkäfer. (Bild: Keystone)

In den nächsten Jahrzehnten stehen auch der St.Galler Waldwirtschaft nochmals tief greifende Veränderungen bevor. Die Ursache liegt bei der Klimaerwärmung. Sie setzt der Fichte oder Rottanne, heute einem der wichtigsten Wirtschaftsbäume, massiv zu. Nach Meinung von Fachleuten ist davon auszugehen, dass die Fichte in der Höhenlage St.Gallens in den kommenden 70 bis 100 Jahren verschwindet. Und das ist gemäss Hettich und Hollenstein eine konservative Schätzung; es gibt Anzeichen, dass es allenfalls gar noch schneller gehen könnte.

Weg von der Aufforstung, hin zur Naturverjüngung

Urban Hettich, Leiter Forst und Liegenschaften bei der Ortsbürgergemeinde St.Gallen.

Urban Hettich, Leiter Forst und Liegenschaften bei der Ortsbürgergemeinde St.Gallen.

Früher wurde ganze Fichtenwälder am Stück aufgeforstet. Sie wurden mit dem Wachsen der Bäume systematisch genutzt: In einer ersten Phase wurden zum Auslichten Christbäume geschnitten. In der nächsten Phase wurden die ausgelichteten Bäumchen zu Pfählen etwa für die Landwirtschaft verarbeitet. Wenn die Rottannen gross genug – im Jargon «erntereif» – waren, wurden sie gefällt und ihre Stämme landeten in der Sägerei.

Patrik Hollenstein, Leiter Forstbetrieb und Revierförster bei der Ortsbürgergemeinde St.Gallen.

Patrik Hollenstein, Leiter Forstbetrieb und Revierförster bei der Ortsbürgergemeinde St.Gallen.

Vom Menschen angelegte Monokulturen sind heute weitgehend out; Naturverjüngung heisst das Prinzip. Man lässt die Bäume nach dem Holzschlag wachsen, ergänzt sie allenfalls durch einzelne Arten, die nicht von selber auftauchen. Natürlich gewachsene Bäume sind in der Regel stärker als gepflanzte. Der Wald ist vielfältiger und damit auch widerstandsfähiger gegen Kapriolen des Wetters (Hitze, Stürme) oder Schädlinge. Nicht zuletzt ist er aber auch ökologischer, bietet mehr Pflanzen- und Tierarten Lebensraum.

Trockenheit stresst Bäume und fördert Borkenkäfer

Schon heute stelle man fest, dass im Zuge der Klimaerwärmung die Sommer tendenziell trockener und mehr Niederschläge im Winter fallen würden, sagte am Donnerstag am Rand der Pflanzung von jungen Bäumen Urban Hettich von der Ortsbürgergemeinde St.Gallen. Wasser, das in der Vegetationsruhe falle, nütze dem Baum nichts zum Wachsen. Trockenheit stresse ihn. Damit werde er anfälliger gegen Schädlinge.

Und ausgerechnet zur Fichte gehört ein Schädling, der bei warmem Wetter am fruchtbarsten ist. Es ist der Fichten-Borkenkäfer oder Buchdrucker. Mit der Klimaerwärmung müsse man künftig von drei Käfergenerationen pro Jahr ausgehen, sagt Urban Hettich. Was rein quantitativ zum Problem wird: Jedes Käferweibchen aus der ersten Generation bringt es so in einem Sommer auf etwa 3375 Nachkommen. Die wiederum überwintern zum schönen Teil und produzieren im nächsten Sommer selber Nachkommen. (vre)

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