In St.Gallen sind mehrere Überbauungen komplett aus Holz in Planung - wie der Stadtrat Holzbau fördert

Stadtparlamentarier fordern, dass die Stadt den Holzbau fördert. Doch diese tut das bereits.

Marlen Hämmerli
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Die Ortsbürgergemeinde plant im Waldacker eine Überbauung komplett aus Holz.

Die Ortsbürgergemeinde plant im Waldacker eine Überbauung komplett aus Holz.

Visualisierung: PD

Veronika Meyer wählt deutliche Worte: «Der Stadtrat ist mutlos.» Die Grüne-Stadtparlamentarierin möchte, dass St.Gallen in einem Bericht prüft, den Holzbau zu fördern. Ausserdem soll die Stadt abklären, inwiefern sie in der Bauordnung festschreiben kann, dass Holzbau wo immer möglich dem Betonbau vorgezogen wird. Mit einer aktiven Baupolitik könne St.Gallen zu einer Vorzeigestadt des Holzbaus werden.

Dazu hat Meyer ein Postulat eingereicht – gemeinsam mit Ines Schroeder Helm (SVP), Thomas Brunner (GLP), Franz Eggmann (SP), Helen Thoma (CVP) und 29 Mitunterzeichnenden. Der Vorstoss ist für die nächste Sitzung vom 25. Februar traktandiert. Der Stadtrat beantragt dem Stadtparlament, das Postulat für nicht erheblich zu erklären. Diese Antwort habe sie frustriert, sagt Meyer.

«Der Stadtrat will sich nicht mal überlegen, wie der Holzbau gefördert werden könnte. Wie soll da das CO2-Ziel erreicht werden?»

Stadt will bis 2050 klimaneutral werden

Die Stadt will den Ausstoss an Kohlenstoffdioxid bis 2050 auf eine Tonne pro Kopf und Jahr senken. Es zeichnet sich ab, dass sie dies nicht erreicht. Heute liegt der Ausstoss bei rund fünfeinhalb Tonnen. Trotzdem hat sich der Stadtrat ein noch ehrgeizigeres Ziel gesteckt: Bis in dreissig Jahren soll St.Gallen klimaneutral sein. Das Stimmvolk entscheidet am 17. Mai, ob ein entsprechender Grundsatzartikel in die Gemeindeordnung aufgenommen wird.

Vor diesem Hintergrund will Meyer auf den Holzbau setzen. «Bei der Betonherstellung entstehen wahnsinnige CO2-Emissionen.» Beton besteht unter anderem aus Zement. Zement wiederum aus Zementklinker. Dafür wird Kalk bei über 1400 Grad gebrannt. Das Brennmaterial, aber auch der Kalk, setzen dabei CO2 frei. In der Schweiz entstehen so gemäss Wikipedia neun Prozent aller menschgemachten Emissionen.

Holz hingegen ist in der Produktion klimafreundlich. Zudem bindet es CO2, solange das Holz nicht verbrennt oder verfault. Der Stadtrat bestreitet diese ökologischen Vorteile nicht. In der Postulatsantwort schreibt er: «Bauholz kann einen wichtigen Beitrag zur Zielerreichung des Energiekonzepts 2050 leisten.»

Auch der Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS), an dem sich die Stadt orientiert, beurteilt Holz im Vergleich zu Beton positiv. Planerinnen, Ingenieure und Unternehmen experimentieren, um die Nachteile von Holz im Brandschutz und in der Erdbebensicherheit wettzumachen. Bereits werden erste Hochhäuser aus Holz gebaut.

Viele Holzwerkstoffe sind beschichtet

Im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung müssten neben der CO2-Bilanz jedoch auch andere Aspekte betrachtet werden, schreibt der Stadtrat. Viele Holzwerkstoffe seien beschichtet und innovative Holzkonstruktionen meist nur in Verbindung mit Stahl oder Beton möglich

Für eine «Holzbaupflicht» in der Bauordnung fehle zudem die Grundlage in den übergeordneten Gesetzen von Kanton und Bund. Durch eine solche Pflicht würde überdies die Eigentumsgarantie in unzulässiger Weise eingeschränkt, da andere Materialien nicht mehr eingesetzt werden könnten. Diese Aussagen stören Meyer besonders. «Wir möchten, dass weitestgehend mit Holz gebaut wird und nicht vollständig.» Dass der Stadtrat keinen Bericht verfassen möchte, sei enttäuschend.

Jedoch kann der Stadtrat die Forderung der Postulantinnen und Postulanten nachvollziehen, wie er schreibt. Er fördere heute schon den Holzbau. So nimmt die Stadt Einfluss als Bauherrin, Bauträgerin und Eigentümerin. Die Dienststelle Umwelt und Energie sowie das Amt für Baubewilligungen sensibilisieren zudem Bauträgerinnen und Bauträger für die Aspekte der Nachhaltigkeit und die Einsatzmöglichkeiten von Holz.

Mehrere Gebäude aus Holz sind in Planung

In der Stadt steht bereits mindestens ein Gebäude aus Holz. Ein Mehrfamilienhaus wurde 2018 mit dem Prix Lignum ausgezeichnet. Einzig der Liftschacht besteht aus Beton.

Das Wohnhaus an der Rappensteinstrasse hat den ersten Preis des Prix Lignum gewonnen. Es besteht bis auf den Liftschacht komplett aus Holz.
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Auf dem Stadtsägeareal ist eine Überbauung geplant, die bis aufs Untergeschoss aus Holz besteht.
Die Ortsbürgergemeinde plant im Waldacker Neubauten mit insgesamt 110 Wohnungen. Die Gebäude werden komplett aus Holz gebaut. Baustart ist im Frühling 2020.

Das Wohnhaus an der Rappensteinstrasse hat den ersten Preis des Prix Lignum gewonnen. Es besteht bis auf den Liftschacht komplett aus Holz.

Bild: Ralph Ribi (8. Oktober 2018)

Die Ortsbürgergemeinde St.Gallen plant gleich zwei Überbauungen. Zum einen will sie auf dem Stadtsägeareal einen Neubau aus Holz realisieren. Nur das Untergeschoss wird betoniert. Zum anderen plant sie auf dem Areal Waldacker eine Überbauung komplett aus Holz, inklusive Treppenhäusern und Liftschächten. Noch bis morgen Mittwoch liegt ausserdem das Baugesuch für die Frongartenstrasse 9 auf. Anstelle des ehemaligen italienischen Konsulats ist ein 25 Meter hohes Gebäude aus Holz geplant.

Ein Wohncampus aus Holz auf dem Stadtsägeareal

Auf dem Stadtsägeareal ist eine neue Überbauung für 50 Millionen Franken geplant. Im Siegerprojekt «Klafter» gibt es sowohl Platz für Studierende als auch für Familien.
Christoph Renn