In St.Gallen gibt es eine neue Führung zu starken Frauen - Start ist im September

Das Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte bietet in der Stadt neu einen Frauenrundgang an.

Marlen Hämmerli
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Jolanda Schärli steht vor dem Fachwerkhaus, in dem Anna Schlatter-Bernet lebte.

Jolanda Schärli steht vor dem Fachwerkhaus, in dem Anna Schlatter-Bernet lebte.

Bild: Ralph Ribi

Parolen und Reden zum Frauenstreik – das genüge nicht, dachte sich Jolanda Schärli. «Es bitz» Programm sollte den Tag abrunden und so organisierte sie zum 14. Juni 2019 erstmals einen Frauenrundgang. Bei den Besucherinnen und Besuchern stiess dieser auf Begeisterung: Toll sei er, einfach super.

Für alle, die vor einem Jahr nicht dabei waren oder die ihn nochmals erleben wollen: Das Archiv für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz nimmt die Führung auf in sein Programm. Dies auch als kleine Vorschau auf eine Ausstellung im Historischen und Völkerkundemuseum (HVM), die das Frauenarchiv gestaltet hat.

Der Rundgang findet dieses Jahr zweimal statt



Die Historikerin Jolanda Schärli führt am 29. August, 17 Uhr, den Frauenrundgang zum ersten Mal dieses Jahr durch. Treffpunkt ist am Bärenplatz. Die Führung findet nur bei schönem Wetter statt. Über die Durchführung informiert das Frauenarchiv auf seiner Website.

Ein zweites Mal findet der Rundgang am 10. September, 18 Uhr, statt. Die Teilnahme kostet 15 Franken. Gruppen können den Rundgang unter 071 222 99 64 buchen. 

Rundgang wird Teil eines Rahmenprogramms

Denn nächstes Jahr ist es 50 Jahre her, dass das Frauenstimmrecht in der Schweiz eingeführt wurde. An dieses Ereignis erinnert das Frauenarchiv mit der Ausstellung, die von Februar bis September dauern wird. Den Frauenrundgang wird Jolanda Schärli, die im Museum in der Bildung und Vermittlung arbeitet, dann als Rahmenprogramm weiterführen.

Der Rundgang dauert eine Stunde, führt vor allem durch die nördliche Altstadt und stellt acht Frauen aus den vergangenen 200 Jahren vor. «Ich wollte anhand der Lebensgeschichten der Frauen allgemeine Themen aufgreifen», sagt Schärli.

Unter anderem spricht die Historikerin über Religion und die Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert. Ausgangspunkt ist das Leben von Anna Schlatter-Bernet. Auf sie stiess Schärli immer wieder, als sie noch am Studieren war. Und Schlatter-Bernet hatte in ihrem Leben viele Briefe verfasst: über 1000. Ihr Netzwerk war ausgedehnt.

Zum einen pflegte sie Kontakte zu anderen Anhängerinnen und Anhängern der Erweckungsbewegung. Die reformierte Schlatter-Bernet korrespondierte aber auch mit katholischen Theologen. Ein guter Bekannter war etwa Johann Michael von Sailer, der Bischof von Regensburg. «Er hat sie regelmässig besucht, was jedes Mal einen Skandal ausgelöst hat, da sie nicht derselben Konfession angehörten», sagt Jolanda Schärli.

Dort, wo heute die GBS ist, wohne Anna Schlatter-Bernet

Die Familie Schlatter wohnte an der Kugelgasse hinter der Kirche St.Laurenzen. Dort, wo sich heute ein Teil des Gewerbliches Berufs- und Weiterbildungszentrums (GBS) befindet. Am Fachwerkhaus prangt unter einem Fenster eine Tafel. «Ich dachte immer, darauf stände Anna Schlatter-Bernets Name», sagt Schärli. Falsch gedacht, auf der Tafel wird ein Enkel oder Sohn von ihr erwähnt.

Natürlich ist auch die Gleichberechtigung und die Geschlechtsvormundschaft Thema auf dem Rundgang. Bis 1912 wurden Frauen mit der Heirat entmündigt. So gründete Carolina Zollikofer zwar 1856 den Zolli-Bolli. Sie konnte dies jedoch nur unter Zustimmung ihres Vormunds tun. Da ihr Mann psychisch krank war, wurde ihr ein Verwandter als Vormund zur Seite gestellt.

Das Telefon hüten und die Doktorarbeit schreiben

Die Frauenporträts für die Führung hat Schärli aus dem Buch «Blütenweiss bis rabenschwarz» entnommen, eine Publikation des Frauenarchivs. Sie erschien 2003 auf das Kantonsjubiläum hin, parallel zur offiziellen neunbändigen Kantonsgeschichte. Damals war Jolanda Schärli bereits im Frauenarchiv tätig. Vor zehn Jahren mietete sie sich einen Arbeitsplatz im Archiv. Hütete das Telefon und schrieb an ihrer Doktorarbeit. Heute ist die 52-Jährige Mitglied im Vorstand und arbeitet an kleineren Projekten mit.

Den Frauenrundgang hat Schärli vor einem Jahr auch organisiert, um zu zeigen: Man sollte immer eine Ahnung von der Vergangenheit haben, wenn man die Zukunft gestalten will. Es gab schon früher Frauenbewegungen. Sei es die Neue Frauenbewegung, die ab den 1970-er Jahren zahlreiche Projekte initiierte, die unsere heutige Gesellschaft nachhaltig beeinflussten, oder die Alte Frauenbewegung, wo Frauen schon vor 100 Jahren für mehr Gerechtigkeit im Gesetz oder für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit kämpften oder mit zahlreichen sozialen Projekten den fehlenden Sozialstaat ersetzten.

Es gibt weitere Rundgänge zu Frauen in St.Gallen

Wobei es nicht der erste Frauenrundgang der Stadt ist. Alexandra Lindner führte bis vor kurzem ebenfalls an historische Orte, wo Frauen in der Stadtgeschichte Spuren hinterlassen haben. St.Gallen-Bodensee Tourismus hat einen Rundgang «Geschichten starker Frauen» im Programm. Anna Schlatter-Bernet findet auch in diesem Rundgang Erwähnung. Zudem werden Wiborada und Frida Imboden-Kaiser, die Gründerin des Kinderspitals erwähnt.

Den Rundgang gibt es seit 2008. «Man wollte Führungen speziell für Frauen schaffen», sagt Tobias Treichler, Vizedirektor von St.Gallen-Bodensee Tourismus auf Anfrage. Aus Rückmeldungen sei klar geworden, dass gerade Frauen sehr interessiert seien an Themenführungen. Entsprechend ist der Rundgang nun besonders bei Frauenvereinen beliebt.

Tobias Treichler, Vizedirektor von St.Gallen-Bodensee-Tourismus.

Tobias Treichler, Vizedirektor von St.Gallen-Bodensee-Tourismus.

Bild: PD

Gut möglich also, dass auch die Führung des Frauenarchivs auf Begeisterung stösst. Denn ob er auch nach 2021 im Programm bleibt, ist derzeit noch offen.

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