In St.Gallen bleibt die S-Bahn eine Sorgenbahn

Der Kanton hat von einem externen Beratungsbüro untersuchen lassen, ob im Westen der Stadt St.Gallen ein Viertelstundentakt der S-Bahn möglich wäre. Das Ergebnis ist ernüchternd, eine schnelle Lösung nicht in Sicht.

David Gadze
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Ab 2021 halten am Bahnhof Bruggen vier S-Bahnen pro Stunde und Richtung. Allerdings fahren dann – wie heute bereits in Winkeln – jeweils zwei Züge praktisch hintereinander. (Bild: Ralph Ribi/3. September 2018)

Ab 2021 halten am Bahnhof Bruggen vier S-Bahnen pro Stunde und Richtung. Allerdings fahren dann – wie heute bereits in Winkeln – jeweils zwei Züge praktisch hintereinander. (Bild: Ralph Ribi/3. September 2018)

Die Verbindungen der S-Bahn St.Gallen im Westen der Stadt sind ungenügend. Zwar halten seit dem Fahrplanwechsel im Dezember am Bahnhof Winkeln vier Züge pro Stunde, am Bahnhof Bruggen ist dies auf Ende 2021 vorgesehen. Doch im Abschnitt zwischen St.Gallen und Gossau fahren die S1 (St.Gallen – Wil) und die S5 (St.Gallen–Weinfelden) in beiden Richtungen praktisch hintereinander. Aus den jeweils vier Zügen pro Stunde werden so de facto zwei. Und daran dürfte sich so bald nichts ändern. Das hat der Kanton St.Gallen gestern mitgeteilt.

Ein unabhängiges Planungsbüro habe untersucht, ob sich die Abfahrtszeiten der S1 und der S5 in St.Gallen beziehungsweise in Gossau so verschieben lassen, dass ein Viertelstundentakt resultiere, sagt Patrick Ruggli, Leiter des Amts für öffentlichen Verkehr. Bedingung dafür sei allerdings gewesen, die Infrastruktur nicht auszubauen – also namentlich kein drittes Gleis zwischen St.Gallen Winkeln und Gossau zu verlegen. Dieses würde gemäss Ruggli «mehrere hundert Millionen Franken» kosten. Der Bund beurteile das Kosten-Nutzen-Verhältnis dieser Massnahme als negativ und habe das dritte Gleis deshalb im Ausbauschritt 2035 nicht eingeplant.

Shuttle zwischen St.Gallen und Gossau als Option

Die Untersuchung habe nun ergeben, dass sich die Abfahrtszeiten unter diesen Voraussetzungen nicht verschieben liessen, sagt Ruggli. Denn in jenem Korridor fahren auch Fernverkehrs- und Güterzüge.

«Der ganze Zugverkehr ist dort auf zwei Gleisen eingequetscht.»

Ausserdem würden sich sonst die Züge am St.Galler Hauptbahnhof bei der Ein- und Ausfahrt behindern. Der Kanton hat deshalb untersuchen lassen, ob allenfalls ein Shuttle zwischen St.Gallen und Gossau einen Viertelstundentakt ermöglichen und so die Situation entschärfen könnte.

Das Resultat: Ein Shuttle wäre realisierbar – aber ebenfalls nicht ohne Infrastrukturausbau. Es bräuchte in der Sommerau in Gossau eine neue Wendeanlage. «Der Kanton könnte das selber bezahlen», sagt Ruggli. Aber Investitions-, Betriebs-, Unterhalts- und Abschreibekosten würden 20 bis 30 Millionen Franken betragen. Folglich müsste der Kantonsrat den Kredit bewilligen. Ob der das machen würde, ist eine andere Frage. In der Septembersession 2018 hat der Kantonsrat die Regierung beauftragt, das S-Bahn-System im ganzen Kanton zu überprüfen und mittelfristig neu zu konzipieren. Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden spätestens 2023 vorgelegt. Die Erkenntnisse der abgeschlossenen Studie zum Viertelstundentakt für die Stadtbahnhöfe Winkeln und Bruggen fliessen zusammen mit Begehren aus anderen Regionen in die geforderte Überprüfung und Optimierung des kantonalen S-Bahn-Systems ein.

Finanzielle Beteiligung der beiden Städte?

Kommt hinzu: Der Betrieb des Shuttles würde nochmals rund drei Millionen Franken pro Jahr kosten – nebst den Kosten für die S1 und die S5. Die beiden Linien hätten heute einen «akzeptablen» Kostendeckungsgrad, sagt Ruggli. Bei der S5 sei er aber bereits zu tief für einen durchgehenden Halbstundentakt.

Die Frage ist nun, ob der Shuttle dazu beitragen würde, dass aufgrund der Attraktivitätssteigerung mehr Personen die S-Bahnen benützen, oder ob er die bestehenden Linien konkurrenzieren würde. Bei Angebotsausbauten müssten die Zielvorgaben betreffend des Kosten-Nutzen-Verhältnisses erreicht werden, sagt Ruggli. Diese sehen einen Kostendeckungsgrad von 45 Prozent vor. Das heisst, dieser Anteil müsste allein durch den Verkauf von Billetten erwirtschaftet werden. «Es ist unwahrscheinlich, dass wir diesen Wert erreichen.» Entweder müsste also die Politik die Bedingungen für den Kostendeckungsgrad senken oder der Kanton andere Finanzierungsmöglichkeiten finden. «Denkbar wäre eine finanzielle Beteiligung der Städte St.Gallen und Gossau, die von einem Shuttle profitieren würden, oder auch der Betriebe im Industriegebiet.»

Eine Verbesserung gibt es erst in einigen Jahren

Die SBB werden laut Patrick Ruggli unabhängig davon mit dem Bundesamt für Verkehr (BAV) und dem Kanton Verbesserungen beim Knoten St.Gallen prüfen. Klar sei jetzt schon, dass die S1 und die S5 künftig in einem «10-20-Minuten-Takt» fahren werden, also beispielsweise jeweils um XX.02, XX.12, XX.32 und XX.42 Uhr. Diese Anpassung dürfte aber frühestens in zehn Jahren kommen.

Gedulden müssen sich auch die Anwohner in Haggen, bis dort wieder vier Züge pro Stunde fahren – allerdings nicht ganz so lange wie jene in Winkeln und in Bruggen. Im Januar 2018 reichte das Volkswirtschaftsdepartement beim BAV den Änderungsantrag ein, den Regioexpress zwischen St.Gallen und Herisau am Bahnhof Haggen halten zu lassen. Die Antwort erwartet der Kanton im Herbst. Sollte sie positiv ausfallen, ist eine Einführung dieses zusätzlichen Halts gemäss Ruggli auf den Fahrplanwechsel im Dezember 2021 realistisch.

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