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In St.Gallen beginnt für über 700 St.Galler Mädchen und Buben der Kindergarten. Schuldirektor Markus Buschor: «Sie gehen auf wie eine Blume»

17 Familien in der Stadt behalten ihr Kind daheim, obwohl es das Kindergartenalter erreicht hat. Experten raten zu einem anderen Weg.
Diana Hagmann-Bula
Mit dem Kindergarteneintritt beginnt für viele Buben und Mädchen heute ein neuer Lebensabschnitt. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Mit dem Kindergarteneintritt beginnt für viele Buben und Mädchen heute ein neuer Lebensabschnitt. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Es gibt Kinder, die würden gerne schon mit drei Jahren in den Kindergarten gehen, weil die älteren Gschpänli davon schwärmen. Und es gibt Kinder, die blieben lieber bei Mama. Auch mit fünf. Für alle gilt: In St. Gallen stehen Mädchen und Buben, die vor dem 31. Juli ihren vierten Geburtstag gefeiert haben, ab heute so früh auf, dass sie um 8 oder um 8.50 Uhr die Chindsgilehrerin begrüssen können.

Die Krux mit dem Stichtag: Fast-Fünfjährige und Kaum-Vierjährige spielen, singen, lachen, raufen zusammen. Nur rund zwölf Monate Altersunterschied trennen sie, und doch Lichtjahre. Zumindest in diesem Lebensabschnitt. Manche Kinder backen schon selber Kuchen, andere machen noch in die Windeln. «Wir wissen, dass bei Kindergartenbeginn nicht alle Kinder gleich weit sind», sagt der St.Galler Schuldirektor Markus Buschor. Doch ein Stichtag dränge sich aus organisatorischen Gründen auf.

Innert Wochen vom Nichtredner zum Plauderer

727 Kindergartenanmeldungen hat die Stadt im Januar verschickt. 18 Elternpaare stellten das Gesuch, ihr Kind ein Jahr länger daheim behalten zu dürfen. Der schulpsychologische Dienst klärte die betroffenen Mädchen und Buben ab. Die Dienststelle Schule und Musik bewilligte letztlich 17 der 18 Anträge. Somit werden in der Stadt 2,3 Prozent aller potenziellen Kindergärtler zurückgestellt. Zum Vergleich: In Gossau ist es jedes 10. Kind.

Die St.Galler Quote pendelte in den vergangenen acht Jahren zwischen 1,9 und 2,5 Prozent. Klar, er verstehe die Sorge der Eltern um ihr schüchternes Kind, das untergehen könne in der Gruppe, sagt Bu­schor. «Aber erst in der Gemeinschaft lernt es, seinen Platz zu finden und sich zu behaupten.» Der Bub braucht noch Hilfe, um in die Schuhe schlüpfen zu können? «Kein Grund, ihn zurückzubehalten. Ich bewundere unsere Kindergärtnerinnen um ihre Geduld in dieser Sache.» Buschor beruhigt. Und verweist auf Kinderarzt Remo Largo. Dieser betont in seinen Büchern stets, wie einzigartig jedes Kind ist. Der Schuldirektor sagt dazu:

«Manche reden beim Eintritt kaum, ein paar Wochen später bereits wie ein Buch. Sie gehen auf wie eine Blume.»

Manchmal liegt den elterlichen Bedenken das eigene Befinden zugrunde: «Loslassen fällt nicht immer leicht.» Unterbewusst könne das zur Unterschätzung der Kleinen führen. Fällt es hingegen dem Kind schwer, sich von Papa und Mama zu trennen, ist es laut Buschor Aufgabe der Eltern, den Nachwuchs für das Neue zu motivieren. «Mitleid ist ein schlechter Ratgeber. Kinder spüren das und tun sich entsprechend schwer, sich im Kindergarten wohlzufühlen.»

Kinder lernen viel mehr von Kindern als von Erwachsenen

Auch die Entwicklungspädiaterin Anette Lang-Dullenkopf empfiehlt, sich bei Kindern auf der Kippe nach vorne zu orientieren. «Sie lernen viel mehr von Kindern als von Erwachsenen», betont Lang-Dullenkopf, die das Zentrum für Kinderneurologie, Entwicklung und Rehabilitation am Ostschweizer Kinderspital leitet. Zwar sei es bei Kindern, die in Sprache, Selbstständigkeit und emotionaler Entwicklung deutlich zurückliegen, sinnvoll, sie noch ein Jahr daheim zu behalten.

«Wirkt ein Kind aber nur leicht unreif, plädieren wir für Förderung statt Rückstellung. Es kann den heilpädagogischen Kindergarten besuchen oder ein Freiwilliger begleitet es im Unterricht. Diese Bezugsperson hilft ihm, besser als erwartet anzukommen.»

Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm geht noch weiter: Sie fordert einen flexiblen Kindergarteneintritt – mit Eingewöhnung wie in Kindertagesstätten. Solche individuellen Modelle seien bereits möglich, betont Schuldirektor Markus Buschor. «Nur machen Eltern davon in der Regel keinen Gebrauch.»

Mit Altersvorsprung zu besseren Noten?

Gemäss Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, entscheiden sich Eltern immer häufiger auch aus strategischen Gründen, ihr Kind zurückzubehalten. «Bei Promotionsentscheiden, wo entschieden wird, wer ins Gymnasium, in die Sekundar- oder die Realschule kommt, kann ein solcher Altersvorsprung der ausschlaggebende Punkt sein, warum ein Schüler besser ist als die Kollegen», sagte er gegenüber der «Sonntagszeitung». Nicht weil das Kind intelligenter, sondern weil es in der Entwicklung weiter sei.

Anette Lang-Dullenkopf führt deutsche Studien an, die belegen, dass bei Klassenjüngsten häufiger ADHS diagnostiziert werde als bei älteren Gschpänli. Das sei jedoch keine Rechtfertigung dafür, ein Jahr mit dem Kindergarteneintritt zuzuwarten, sagt sie. «Viel besser beobachtet man als Eltern aufmerksam, wie es dem Kindergartenneuling ergeht. Und reagiert sofort, falls das Kind plötzlich wieder das Bett nässt, schlecht schläft oder viel schreit.» Das Kind rausnehmen? Davon rät Lang-Dullenkopf ab: «Das würde seinem Selbstbewusstsein schaden.» Stattdessen sollten Erwachsene Verständnis dafür aufbringen, dass es nicht immer lustig ist, die oder der Kleinste zu sein. Eine Extraportion Kuscheln hilft. Und Eltern, die ihrem Kind Zeit geben.

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