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"In Gossau gibt es starke Minderheiten" - der abtretende Stapi Alex Brühwiler im Gespräch

Stadtpräsident Alex Brühwiler gibt übermorgen Freitag seine Schlüssel fürs Rathaus weiter. Im Interview spricht er über Erfolge und Misserfolge in seiner 17 Jahre langen Amtszeit und nimmt Stellung zu verschiedenen Kritikpunkten.
Interview: Sebastian Schneider, Johannes Wey
Keine groben Fehler, aber kein Feldherr: Alex Brühwiler blickt auf seine Zeit als Gossauer Stadtpräsident zurück. (Bild: Ralph Ribi)

Keine groben Fehler, aber kein Feldherr: Alex Brühwiler blickt auf seine Zeit als Gossauer Stadtpräsident zurück. (Bild: Ralph Ribi)

Alex Brühwiler, mit wie vielen Gossauerinnen und Gossauern sind Sie per du?

Flig-Parlamentarier Alfred Zahner sagte mit 80 Prozent. Das war massiv übertrieben. Ich schätze, dass ich 2000 bis 3000 Stadtbewohner kenne. Ich habe aber weder jeden Namen präsent noch bin ich mit jedem per du. Sagen wir, dass es vielleicht 1000 Personen sind.

Gibt es von diesen 1000 auch jene, die heute nicht mehr mit Ihnen sprechen?

Nein. Zumindest habe ich nicht das Gefühl. Klar hat es in diesen 17 Jahren Amtszeit auch Auseinandersetzungen gegeben. Doch selbst dann gehe ich wieder auf die Leute zu. Dies ist Teil einer Professionalität, die man an den Tag legt. Man muss ja weiterhin miteinander in Kontakt bleiben.

Trotz der gepflegten Diskussionskultur. Kaum ein Entscheidungsträger in Gossau will über Sie sprechen, selbst wenn sie etwas Positives über Sie zu berichten hätten («Tagblatt» vom 24. Mai). Haben Sie eine Erklärung für diese Zurückhaltung?

Nicht wirklich. Bei Personen, die uneins waren mit mir oder umgekehrt, kann ich das Schweigen verstehen. Andere wollen sich vielleicht nicht exponieren.

Ihr ehemaliger Kollege und heutiger Regierungsrat Bruno Damann bildet mit seiner Kritik eine Ausnahme. Er sagte, Sie hätten mehr verwaltet als regiert.

Gossau war bereits erfolgreich unterwegs, als ich mein Amt antrat. Wenn man keine grossen Herausforderungen in Angriff nehmen muss, dann ist man vielleicht mehr am Verwalten als andere Stadtpräsidenten. Aber Verwalten heisst ja nicht, dass man inaktiv ist und die ganze Zeit nur in der Verwaltung sitzt. Und vergessen Sie nicht: Entscheiden kann man selten alleine.

Manche Themen bringt man in Gossau weder mit Regieren noch mit Verwalten wirklich vorwärts. Man denke an den Strassenverkehr, den Bau der Sana Fürstenland oder an das Entwicklungsgebiet Sommerau. Steht man sich in Gossau nicht zu oft selber im Wege?

In Gossau gibt es starke Minderheiten, die sich laut einbringen und die imstande sind, Stimmbürger zu mobilisieren. Tritt eine solche Minderheit auf den Plan, wird es schwierig, eine Mehrheit für sich zu gewinnen. Die Abstimmung zum Durchgangsplatz ist ein Beispiel dafür.

Bräuchte es nicht gerade darum einen Stadtpräsidenten, der als Feldherr in die Schlacht zieht und aus voller Überzeugung für die Vorlage kämpft?

Da habe ich ein anderes Verständnis. Ich habe wiederholt betont, dass es unsere Aufgabe als Stadtrat ist, gute und überzeugende Vorlagen auszuarbeiten. Dabei warf ich immer ein Auge auf eine seriöse und genaue Arbeit. Auch bei Vorlagen, die ich nicht vertreten musste. Dann gab es Abstimmungen, wie etwa die Zentrumsquerung 2007, die man hätte gewinnen müssen. Denn alle Parteien ausser der SVP waren dafür. Da ist es doch etwas kurz gegriffen, einfach zu sagen, dass der Feldherr fehlte.

Sie hätten sich Ihr Leben in der Politik auch einfacher machen können. Sie hätten der grössten Partei, der CVP, beitreten können.

In Sachthemen war ich mit der CVP nicht immer einig. Daher überrascht es mich, dass mir eine CVP-Nähe nachgesagt wird. Vielleicht rührt es daher, dass ich einst als Präsident der katholischen Kirchgemeinde wirkte und irgendwie die Erwartung bestand, dass ich früher oder später der CVP beitrete.

Mit einer Fraktion im Hintergrund hätten Sie gewisse Vorlagen vielleicht besser durchbringen können.

Das glaube ich nicht. Die Unterstützung durch die eigene Partei ist keine Selbstverständlichkeit. Umgekehrt kann man die Unterstützung für Vorlagen auch ohne das entsprechende Parteibüchlein erhalten.

Sie wurden fünf Mal als Stadtpräsident gewählt. Und nie wurden Sie ernsthaft angegriffen. Hat Sie das überrascht?

Nein. Wer einmal gewählt ist, hat gute Chancen auf eine Wiederwahl, sofern ihm keine kapitalen Fehler unterlaufen.

Der vergangene Wahlkampf um Ihre Nachfolge hat einen Graben in Gossau aufgerissen ...

Ich kommentiere den Wahlkampf nicht. Generell halte ich mich mit Äusserungen zur Gossauer Politik zurück – wie es sich für einen abtretenden Stadtpräsidenten gehört.

Dann schauen wir wieder auf Sie. Was sind bezüglich Stadtentwicklung Ihre grössten Würfe?

Das war zu Beginn das Stadtentwicklungskonzept, das unter anderem die Überbauung Perron 3 ermöglichte. Ausserdem setzten wir auf ein Bevölkerungswachstum von lediglich rund 0,5 Prozent pro Jahr. Sodann gibt es viele schöne Einzelprojekte, die in meiner Zeit verwirklicht wurden. Insgesamt hat Gossau eine Entwicklung durchgemacht, die sich sehen lässt.

Im Perron 3 gibt es fast immer unvermietete Flächen.

Gewerbenutzungen sind derzeit überall schwierig, man sieht es in vielen Städten. Das Perron 3 mit den gut vermieteten Wohnungen war letztlich das absolut richtige Projekt am richtigen Ort.

In Ihren 17 Jahren entstanden viele Konzepte. Zu viele Papiertiger?

Ich bin gegen Schnellschüsse. Lieber einmal ein Konzept mehr, das nur zur Hälfte umgesetzt wird, als operative Hektik. Ein Konzept gibt die Richtung vor und ruft nach Massnahmen. Diese sind nie abschliessend und nie vollständig.

Sie hinterlassen Ihrem Nachfolger einen gesunden Finanzhaushalt. Betrachten Sie dies als eine Ihrer grösseren Errungenschaften?

Ich habe immer auf die Finanzen geachtet. Dass Gossau so gut dasteht, ist aber nicht mein Verdienst.

Sondern wessen?

Gossau liegt auf der Achse Rorschach-Wil, was per se ein Standortvorteil ist.

Und was war Ihre grosse Leistung?

Das ist schwierig zu sagen, da in der Politik immer verschiedene Akteure mitwirken. Immerhin bin ich ohne grosse Havarien über die Runde gekommen.

Haben Sie sich schon einmal geschämt für Gossau?

Nein.

Die Stichworte sind Solar-Debakel, Winterdienst, Spuckverbot oder der Bus fürs Oberdorf.

Ja, es hat in meiner Zeit auch ein paar kommunikative Pannen gegeben. Entscheide waren im Einzelfall nicht immer über alle Zweifel erhaben oder zumindest etwas gar einfach gestrickt.

Was war Ihre grösste Niederlage: die gescheiterte Fusion mit Andwil oder der abgelehnte Durchgangsplatz?

Ich habe früh gelernt, Entscheide zu akzeptieren. Wenn das Parlament oder die Stimmbürger mir nicht gefolgt sind, suchte ich nach der zweitbesten Lösung.

Welche Baustellen hinterlassen Sie Ihrem Nachfolger?

Die Richtplanung und der Masterplan Sportanlagen sind noch nicht umgesetzt und beim Haus der Kultur gibt es noch zu tun. Bei allen drei Geschäften bedaure ich es ein bisschen, dass ich nicht mehr dabei sein werde.

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