Abtwil will keine Steingärten: Private Gartengestaltung wird zum Politikum

Viele Vorgärten gleichen monotonen Steinwüsten. Einige Gemeinden wollen diesen Trend stoppen.

Melissa Müller
Merken
Drucken
Teilen

«My home is my castle» – das nehmen manche Gartenbesitzer wörtlich und errichten ums Eigenheim einen Sichtschutz wie eine Festungsmauer. Wer sich die Hände nicht schmutzig machen will, lässt einen Steingarten anlegen. Die graue Einöde sorgt jedoch für Aufregung. Biologen, Politiker, Imker und Klimaspezialisten wollen den Trend stoppen, da damit weitere Grünflächen verschwinden. Wird der Boden durch einen Steingarten versiegelt, gebe es darin kaum mehr Insekten oder Bodenlebewesen und somit auch keine Nahrung für Kleintiere und Vögel.

In einem naturnahen Garten finden Hunderte Tierarten Nahrung und Lebensraum. (Bild: Andrea Stalder)

In einem naturnahen Garten finden Hunderte Tierarten Nahrung und Lebensraum. (Bild: Andrea Stalder)

Die Ausserrhoder Gemeinde Heiden hat kürzlich Gestaltungsrichtlinien für Gärten erlassen. Nicht erwünscht sind: mit Folie versiegelte Steingärten, mit grobem Schotter gefüllte Metallkörbe, Mauern aus chinesischen Granitklötzen und massive Sichtschutzwände. Dabei geht es auch ums Ortsbild: Steingärten passten nicht ins Appenzellerland. Eine klare Ansage, die schweizweit für Auf­sehen sorgt.

Gaiserwald bekennt Farbe

Die Gemeinde Gaiserwald verkauft in Abtwil Einfamilienhaus-Bauland mit Alpsteinblick. Eine von vielen Bedingungen: Im Garten sollen einheimische Pflanzen eine wichtige Rolle spielen, flächige Steingärten sind nicht erwünscht – die Bauherren müssen das bereits im Bewilligungsverfahren belegen.

Die private Gartengestaltung wird je länger, je mehr zum Politikum. Sogar der Bundesrat sieht Schottergärten als Problem. Er hat sich für einen Vorstoss der Schaffhauser SP-Nationalrätin Martina Munz ausgesprochen. Sie fordert, dass Schottergärten einer Bewilligungspflicht unterstellt werden.

Solche Gärten wie hier vor einem Schulhaus in Weinfelden sind Naturschützern ein Dorn im Aug. (Bild: Andrea Stalder)

Solche Gärten wie hier vor einem Schulhaus in Weinfelden sind Naturschützern ein Dorn im Aug. (Bild: Andrea Stalder)

Wittenbacher wollen ­Steingarten entfernen

Die Gemeinde Wittenbach hat ein abschreckendes Beispiel direkt vor der Haustür: «Wir haben einen Steingarten vor dem Gemeindehaus», sagt Daniel Worni vom Wittenbacher Tiefbauamt.

«Der muss weg und durch eine menschen- und tierfreundlichere Gestaltung ersetzt werden. Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen.»

Denn Wittenbach will umweltfreundlicher werden. Eine Arbeitsgruppe erarbeitet ein Grünkonzept; bereits im Oktober wolle man erste Ideen besprechen. Dazu gehört, dass man die Tempo-30-Zonen mit einheimischen Büschen begrünen will.

Rasenroboter schreddert Igel

Am schlimmsten seien ohnehin die «Rasenroboter, die alles, was lebt, kaputtschnetzeln», findet Daniel Worni. Sie schreddern Blindschleichen, Kröten und Igel. Das häufige Mähen verhindert zudem, dass sich Blüten bilden – etwa von Klee. Damit entfällt eine Nektarquelle für Insekten. Unter dem Insektensterben leiden zahlreiche Vögel. Ein Verbot von Rasenrobotern sei in Wittenbach jedoch nicht geplant.

Junge Igel bilden eine Kugel, statt zu fliehen. So fallen sie Rasenrobetern zum Opfer. (Bild: Susann Basler)

Junge Igel bilden eine Kugel, statt zu fliehen. So fallen sie Rasenrobetern zum Opfer. (Bild: Susann Basler)

Vorschriften zur Gartengestaltung gehen den meisten Gemeindepräsidenten zu weit. Man wolle nicht wie in Heiden vorgehen, sagt Urs Salzmann, der Kommunikationsverantwortliche der Stadt Gossau.

Der Mörschwiler Gemeinde­präsident Paul Bühler meint: «Aufgrund weniger unschöner Beispiele schon wieder neue Gesetze und Reglemente zu fordern, scheint mir schon fragwürdig.»

Doch natürlich gefalle ihm eine schöne Blumenwiese besser als ein toter Steinhaufen.

Der Aufschrei der Naturschützer, dass Insekten mangels Futterangebot aussterben, ist auch in Muolen angekommen. Die Gemeinde hat die Broschüre «Eine Idee wächst» herausgegeben, mit Tipps für Gartenbesitzer, um die einheimische Biodiversität zu fördern. Eine lobenswerte Idee, findet der Häggenschwiler Gemeindepräsident Hans-Peter Eisenring: Der Staat oder die Gemeinde könne Anreize setzen, dass ökologisch gestaltete Gärten wieder in Mode kommen. Darum werde sich auch in Häggenschwil eine Arbeitsgruppe mit sinnvoller Gestaltung von Gärten befassen. Ein Reglement brauche es aber nicht, findet Eisenring: «Wir haben schon genug Vorschriften.»

Umfrage: Gemeinden wollen Steingärten verhindern – Ihre Meinung?

Hinweis für unsere App-Nutzer: Klicken Sie auf «Dieses Element anzeigen», um zur Umfrage zu gelangen.

Ehrenkodex für ­Gartenbaufirmen

Sandro Parissenti, der Gemeindepräsident von Berg, findet Verbote ebenfalls nicht förderlich. Allerdings hat die Gemeinde Berg ein Merkblatt zur Bepflanzung erarbeitet. Darin steht, dass man anstelle invasiver Neophyten einheimische Pflanzen bevorzugen sollte. Sollte der Steingärten-Trend noch stärker um sich greifen, müsste ein entsprechendes Reglement geprüft werden.

Nur Broschüren abzugeben reiche nicht, sagt Raimund Rodewald, der Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. «Gestaltungsrichtlinien sind wichtige Instrumente, es braucht aber auch einen Ehrenkodex der Gartenbaufirmen. Wirksam wäre auch eine Bewilligungspflicht in der Ortsplanung.»

Auch wenn die meisten Gemeinden noch auf Broschüren statt auf Verbote setzten: Wer seinen Garten mit Steinen zudecken will, könnte in Zukunft auf Widerstand stossen.

«Garten verwildern lassen»

Nie mehr jäten, pflanzen und giessen: Das hofft mancher Hausbesitzer, der sich für einen Schottergarten entscheidet. Um Bewuchs zu verhindern, wird der Boden mit einem Vlies oder einer Plane bedeckt. Darauf wird Kies oder Schotter verteilt, damit Pflanzen keine Wurzeln schlagen können. So pflegeleicht seien Schottergärten aber gar nicht, sagt Gartenbuchautorin Eveline Dudda. «Das Unkraut kommt früher oder später wieder auf, weil sich zwischen den Steinen Laub und Staub ansammelt und Humus bildet», weiss die Rheintaler Agronomin. Später kämen Samen dazu und es spriesse wieder. «Dann greifen die meisten, die sich die Hände nicht dreckig machen wollen, auch noch zur Herbizidspritze.» Doch was viele nicht wissen: Auf Plätzen, Wegen, Dächern und Terrassen ist der Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln verboten.

Pro Natura zeichnet regelmässig die schönsten Naturgärten aus, um die Artenvielfalt zu fördern. (Bild: Barbara Hettich)

Pro Natura zeichnet regelmässig die schönsten Naturgärten aus, um die Artenvielfalt zu fördern. (Bild: Barbara Hettich)

Biologe Ulf Soltau postet auf seiner satirischen Facebook-Seite «Gärten des Grauens» Bilder von «Schotterwüsten, Kunstrasen, sterilen Krüppelkoniferen und naturfeindlichen Psychopathengärten aller Art» – demnächst bringt er ein Buch dazu heraus. Damit will er niemandem schlechten Geschmack vorwerfen, sondern auf die Umweltfolgen hinweisen. Sein Vorschlag: Hände in den Schoss legen und den Garten ums Haus ruhig etwas verwildern lassen. Eveline Dudda empfiehlt Leuten, die keine Lust auf Gartenarbeit haben, pflegeleichte Stauden, die einmal im Jahr zurückgeschnitten werden. Oder Bodendecker mit attraktivem Laub. Ihr Tipp: sich von Gärtnern oder Naturgärtnerinnen professionell beraten lassen. Sie wissen, welche Pflanzen zu welchem Standort passen.