In der Ulrichskirche in Wittenbach läutet die tiefste Glocke, wenn ein Mann stirbt, die zweittiefste für eine Frau und die höchste für ein Kind

Mit dem Endläuten wird auch in der Pfarrei St. Ulrich in Wittenbach verkündet, dass jemand gestorben ist. Je nachdem, wie die Glocken erklingen, erfährt man zudem, ob es sich dabei um einen Mann, eine Frau oder ein Kind handelt. Was früher als Kommunikationsmittel diente, ist heute in erster Linie ein Zeichen der Würde.

Perrine Woodtli
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Die Kirche St. Ulrich auf dem Wittenbacher Dorfhügel.

Die Kirche St. Ulrich auf dem Wittenbacher Dorfhügel.

Bild: Nik Roth (25. Februar 2020)

Es ist ein Geräusch, das einen von den frühen Morgenstunden bis in die Nacht begleitet: Das Glockengeläut der Kirchen. Die Kirchglocken erinnern aber nicht nur an die Tageszeit und die Gläubigen ans Beten und an die Gottesdienste, sie überliefern auch Informationen. So teilen sie mit, wenn jemand aus der Pfarrei gestorben ist. Aus- oder Endläuten wird diese alte Tradition genannt, die sowohl die katholischen als auch die reformierten Kirchen kennen.

Besonders bei dieser Tradition ist, dass es für verstorbene Männer, Frauen und Kinder unterschiedliche Klangfolgen gibt. Auch die katholische Kirche St. Ulrich in Wittenbach praktiziert dies. Stirbt ein Mann, wird mit der tiefsten der insgesamt sechs Glocken geläutet, bei einer Frau mit der zweittiefsten. Die kleinste Glocke erklingt beim Todesfall eines Kindes.

Christian Leutenegger

Christian Leutenegger

Bild: Ralph Ribi

Ist die Kinderglocke vom Ulrichsturm zu hören, kann es sein, dass es sich um ein Sternenkind handelt. So werden jene Kinder genannt, die vor, während oder bald nach der Geburt sterben. Diese Glocke erklinge glücklicherweise nur selten, sagt Christian Leutenegger, Diakon der Pfarreien St. Ulrich und St. Konrad in Wittenbach.

Er kenne einige Kirchgemeinden, die diese Männer-, Frauen- und Kinderglocken auch heute noch pflegen. «In der Stadt St. Gallen aber, wo ich früher gearbeitet habe, gab es das beispielsweise nicht», sagt er.

«Das liegt vielleicht daran, dass dort zu viele Menschen wohnen und das Gebiet viel grösser ist.»

Vielleicht, sagt Leutenegger, sei diese Tradition in manchen Regionen auch im Rahmen der Diskussionen um das Kirchengeläut abgeschafft worden.

Wer gestorben ist, verrät die Glocke nicht

Der Brauch hat seinen Ursprung in einer Zeit, in der Uhren, Todesanzeigen und Internet noch Fremdwörter waren. «Das Endläuten mit den verschiedenen Glocken hatte früher das Ziel, die Gläubigen in der Kirchgemeinde zu informieren», sagt Leutenegger. Wobei die Informationen bei diesem altmodischen Kommunikationsmittel doch eher beschränkt seien, ergänzt er schmunzelnd.

«Man hört vielleicht, dass ein Mann gestorben ist. Um wen genau es sich handelt, verrät einem die Glocke aber nicht.»

Heute seien das Endläuten und die verschiedenen Glocken viel mehr ein Zeichen der Würde und der Ehrerweisung.

Es gibt aber durchaus noch Menschen, die dem Endläuten bewusst zuhören - und dann wissen wollen, wer denn nun verstorben ist. Etwa zweimal im Jahr würde jemand nach dem Endläuten in der Pfarrei anrufen, um sich über den Todesfall zu erkundigen, sagt der Diakon.

«Sofern die Angehörigen uns nicht um Geheimhaltung gebeten haben, geben wir Auskunft.»

Gleiche Klänge an der Beerdigung

Das Endläuten in der Kirche St. Ulrich erfolgt jeweils anstelle des üblichen 11-Uhr-Läutens, des sogenannten Angelusläuten. Das Angelusläuten ist in der katholischen Kirche das morgendliche, mittägliche und abendliche Läuten der Kirchenglocken, bei dem das Angelusgebet gebetet wird. Die Angehörigen der Verstorbenen können aber auch wünschen, auf das Endläuten zu verzichten. Hat die Familie nichts dagegen, ertönen die Totenglocken am Tag nach der Todesmeldung.

Auch bei der entsprechenden Abdankungsfeier beginnt das Kirchengeläut jeweils wieder mit der entsprechenden Glocke.

Den Verstorbenen an Allerheiligen gedenken

Die Verstorbenen werden nicht nur mit dem Endläuten und an ihrer Beerdigung geehrt, sondern auch an diesem Sonntag, an Allerheiligen. In der Ulrichskirche findet eine Totengedenkfeier statt - wenn auch wegen Corona in veränderter Form. Die Pfarrei hat alle Angehörige jener 45 Menschen, die zwischen November 2019 und Mitte Oktober 2020 verstorben sind, eingeladen.

Der Gottesdienst wird dieses Jahr laut Leutenegger auf rund 15 Minuten verkürzt und am Nachmittag mehrmals wiederholt.

«Er ist so gestaltet, dass man jederzeit dazustossen und selber bestimmen kann, wie lange man bleiben will.»

Die Namen der Verstorbenen werden gelesen, es gibt ein Vaterunser sowie ein Segensgebet und Musik. «Dank des angesagten milden Wetters können die Leute über den ganzen Nachmittag verteilt die Gräber auf dem Friedhof besuchen oder in der Kirche verweilen.» Freiwillige würden darauf achten, dass nie mehr als 50 Personen in der Kirche seien.

Das Seelsorgeteam wird zudem wie üblich alle Gräber mit Weihrauch und Weihwasser gemeinsam segnen.