Immer mehr Geschäftsleute buchen eine Wohnung statt ein Hotel: In kaum einer anderen Stadt ist das Airbnb-Angebot so stark angestiegen wie in St.Gallen

St.Gallen ist eine jener Städte, in denen das Airbnb-Angebot am stärksten angestiegen ist. Vorerst kein Grund zur Sorge, sagen Experten.

Diana Hagmann-Bula
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Auch Geschäftsleute kommen in St.Gallen immer häufiger in einem Airbnb-Zimmer unter.

Auch Geschäftsleute kommen in St.Gallen immer häufiger in einem Airbnb-Zimmer unter.

Benjamin Manser

Jeffrey ist 22 Jahre alt und hat zwei Jobs. Tagsüber bedient er in einem Geschäft in der Innenstadt Kunden. In seiner Freizeit vermietet er auf der Internetplattform Airbnb drei Wohnungen in der Nähe des Stadtparks. Gerade ist er dran, zwei weitere Appartements auszustatten, um sie anbieten zu können.

Er sei schon viel gereist, ist in seinem Gastgeberprofil zu lesen. «Einer meiner Lebensträume ist es, die Hälfte der Länder auf dieser Welt bereist zu haben, ehe ich sterbe.» Im vergangenen Oktober hat er Airbnb selber wieder einmal als Tourist genutzt und in Tel Aviv für ein paar Tage in einer Privatwohnung gelebt. Nun wolle er Gastfreundschaft zurückgeben, schreibt er auf der Plattform weiter. Mit «hochkomfortablen Appartements zu einem fairen Preis».

Ein zweites Standbein baue er sich mit Airbnb auf, sagt er am Telefon. Und ja, auch daran verdienen wolle er. In keiner der fünf Bleiben wohnt er selber. Ist sein Vermieter darüber informiert? Jeffrey, der anonym bleiben möchte, sagt:

«Es ist im Vertrag geregelt, dass ich die Wohnungen untervermiete. Ich nehme dem Vermieter schliesslich auch Arbeit ab.»

Er spezialisiere sich auf Geschäftsleute, die durchschnittlich eine bis zwei Wochen bleiben würden. Leute vom Theater, Kongressbesucher und so.

Von der simplen Idee zum Geschäftsmodell

Jeffrey ist nur einer der Anbieter, die das Airbnb-Angebot in der Stadt erweitern. Gemäss dem Lausanner Start-up Itafel gehört St.Gallen zu jenen Schweizer Städten, in denen die Anzahl angebotener Wohnungen am stärksten zugenommen hat: von 111 auf 191, also um 172 Prozent. Das Unternehmen hat Daten für 19 Städte gesammelt. Vor St.Gallen liegt mit einer Zunahme um 222 Prozent nur noch Veysonnaz. 2018 zählte Itafel in der Walliser Stadt noch 133 Airbnb-Wohnungen, Ende 2019 schon 295. Auf Platz drei folgt mit einem Anstieg um 141 Prozent (515 auf 728 Wohnungen) Zermatt.

1964 Wohnungen werden in Zürich vermietet und damit schweizweit am meisten. Die Anzahl Angebote ist in der Limmatstadt aber leicht zurückgegangen, ebenso in Basel und Bern. In Basel und Zürich zieht Airbnb bereits Gasttaxen ein. Bern will den Übernachtungsvermittler in der Altstadt begrenzen. Das soll die Freude am Geschäft mindern. Denn viele Nutzer sehen Airbnb unterdessen als schnellen Verdienst. Dabei startete die Plattform 2008 ganz harmlos. Die Idee: Wer in die Ferien fährt, ermöglicht anderen Ferien – indem er ihnen während seiner Abwesenheit die Wohnung überlässt.

Auch eine Chance für Hotels

In St.Gallen denkt man über Regeln für Airbnb und Co. nach, hat aber noch keine festgelegt. «Wir sind dran und beobachten mit Argusaugen», fasst Thomas Kirchhofer, Direktor von St.Gallen-Bodensee Tourismus, die aktuelle Lage zusammen. «Die Plattform ist nicht nur eine Konkurrenz für Hotels, wie es immer heisst. Sie ist auch eine Chance», sagt er. Die Website ermögliche Destinationen, einen anderen Markt zu erschliessen, an ein anderes Publikum zu gelangen. Eines, das stärker auf die Kosten achtet.

Thomas Kirchhofer, Direktor St.Gallen-Bodensee Tourismus.

Thomas Kirchhofer, Direktor St.Gallen-Bodensee Tourismus.

Bild: Mareycke Frehner

«Wichtig ist, dass die Plattform nicht die Preise festlegt und die Hoteliers sich mit ihren Tarifen nicht nach unten anpassen müssen. Die Situation hat sich diesbezüglich wieder entspannt», meint Kirchhofer. Er stellt im Tourismus gerade eine Hybridisierung fest:

«Die verschiedenen Arten der Beherbergung verschmelzen.»

Geschäftstüchtige Private würden Zimmer mit hotelähnlichem Standard anbieten, Hotels ihre Zimmer ohne Frühstück und Wäschewechsel. Auf derselben Plattform. Was Airbnb-Kunden schätzen, ist die Privatsphäre, mehr Platz, die Freiheit, nicht zwischen 7.30 und 10 Uhr zum Frühstück antreten zu müssen. Hotels reagieren gemäss Kirchhofer und bieten vermehrt selber Appartements an, auch in St.Gallen. «Vom Drei-Sterne- bis Superior-Bereich gibt es unterdessen solche Angebote.»

Immer mehr Geschäftsleute buchen eine Wohnung

Richtete sich die Plattform Airbnb zu Beginn an Private, will sie unterdessen auch Geschäftsleute anziehen. In sechs Pilotstädten in den USA, England und Australien arbeitet der Wohnungsvermittler mit der Plattform Wework zusammen; dort lassen sich nun gleichzeitig Wohnung und Arbeitsplatz in einem nahen Co-Working­-Space buchen.

Kirchhofer bestätigt, dass auch in St.Gallen immer mehr Geschäftsleute in einer Wohnung statt im Hotel unterkommen. Der Touristiker will Kongressteilnehmer immer wieder mit einem Mobility-Ticket von den Vorzügen der Region überzeugen. Früher liess er das Geschenk aufs Hotelbett legen. «Heute höre ich die Hoteliers sich gegenseitig fragen: Wo sind die denn? Bei mir nicht. Bei dir? Auch nicht?» In den privaten Wohnungen würden Geschäftsleute vom Radar verschwinden.

Angst vor dem Ausverkauf der Heimat sei in St.Gallen dennoch nicht angebracht. «Es gibt zwar auch hier schon Häuser mit bis zu zehn Airbnb-Wohnungen. Aber noch fühlen sich die meisten Einheimischen nicht durch Touristen mit Rollkoffern gestört.»

St.Galler haben Lieblingsbeiz noch für sich

In Barcelona ist genau dies allerdings bereits der Fall. Auf Transparenten an Balkonen wettern Einheimische über zu knappen Wohnraum und überteuerte Mietpreise, auch in die Höhe getrieben durch Airbnb. «Von Auswärtigen, die hier in der Stadt ihre Masterarbeit schreiben und dazu eine Wohnung mieten, weiss ich, dass auch einige St.Galler Airbnb-Anbieter finanziell unterdessen kräftig zugreifen», sagt Christian Laesser, Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St.Gallen.

Christian Laesser, HSG-Professor.

Christian Laesser, HSG-Professor.

Bild: Urs Bucher

Problematisch werde Airbnb aber erst, wenn der Wohnraum Einheimischer für Touristen aufgehoben werde und ohnehin rar sei. «In Zürich ist das der Fall, in St.Gallen nicht.» Mit Transparenten wie in Barcelona müsse hier vorerst nicht gerechnet werden. Wege, Airbnb zu regulieren, gäbe es viele, so Laesser.

«Wegen der immer unterschiedlicheren Nutzung von Immobilien ist die Situation aber schwierig zu regulieren. Was ist noch wohnhaft? Was nicht mehr?»

Auf Airbnb bezahlen die Fremden für Privatsphäre, nehmen sie dem Gastgeber, der in der Wohnung bleibt, aber auch. Nicht einmal mehr sein Lieblingsrestaurant hat er für sich. Sogar dort wimmelt es in beliebten Städten von Airbnb­Touristen. In die St.Galler Lieblingsbeiz stürmt (noch) keine Horde Reisender mit Rollkoffern. Laesser: «Für einmal hilft St.Gallen die periphere Lage und dass die Stadt nicht der Hotspot ist, wo alle hinwollen.»