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Im Textilmuseum steht eine Handstickmaschine, nur noch wenige können sie bedienen

Maria Weber führt zwei- bis dreimal pro Woche die Handstickmaschine im Textilmuseum vor. Obwohl sie das seit zehn Jahren tut, wird es ihr nicht langweilig.
Marlen Hämmerli
Mit der Kurbel bewegt Maria Weber die Wagen, mit dem Pantografen verschiebt sie den Stoff. (Bild: Hanspeter Schiess - 4. Juli 2019)

Mit der Kurbel bewegt Maria Weber die Wagen, mit dem Pantografen verschiebt sie den Stoff. (Bild: Hanspeter Schiess - 4. Juli 2019)

Im Textilmuseum steht eine riesige Handstickmaschine: 1,2 Tonnen schwer, 2,25 Meter lang. Nur noch vier Personen können sie bedienen. Maria Weber ist eine von ihnen. Zwei- bis dreimal pro Woche sitzt sie am linken Ende der Maschine. Derzeit stickt sie Regenschirme, Rosensträusse und andere Blumenmotive, die im Museumsshop als Karten verkauft werden. Gleichzeitig erklärt Weber jeder Besucherin und jedem Besucher die Funktionsweise der Handstickmaschine. Auch dem Paar, das ihr an diesem Nachmittag über die Schulter blickt.

Mit der rechten Hand dreht Weber an der Kurbel und bewegt so die beiden Wagen auf die Stoffbahn zu und von ihr weg. Vorne an den Wagen sitzen Klammern, sogenannte Kluppen. Gerade halten die Kluppen des hinteren Wagens die 52 Nadeln, stechen sie durch den Stoff und in die Kluppen des vorderen Wagens. Dieser fährt zurück und zieht den Faden durch den Stoff.

So stickt Maria Weber Stich um Stich 52 Regenschirme. Insgesamt verfügt die Handstickmaschine über 156 Nadeln und Kluppen. Weil aber das Regeschirm-Motiv so gross ist, ist nur jede dritte Kluppe besetzt.

Maria Weber schneidet die Verbindungsfäden an den gestickten Regenschirmen ab. (Bild: Hanspeter Schiess - 4. Juli 2019)

Maria Weber schneidet die Verbindungsfäden an den gestickten Regenschirmen ab. (Bild: Hanspeter Schiess - 4. Juli 2019)

Viele Besucher sind 
branchenkundig

Mit Leidenschaft führt Maria Weber die Handstackmaschine vor und erklärt präzise, wie sie funktioniert. Seit zehn Jahren tut sie dies – ohne Spur von Müdigkeit oder Langeweile. Das Weitergeben des Handwerks ist offenbar ihr Antrieb: «Für mich ist es jedes Mal, als würde ich es das erste Mal erklären. Ich bemerke, was interessiert und gehe darauf dann ein.» Manche schauten nur kurz, andere seien sehr interessiert.

Maria Weber im Textilmuseum

Maria Weber führt die Handstickmaschine bis auf wenige Ausnahmen jeden Donnerstag- und Freitagnachmittag, 12 bis 17 Uhr, vor. Zusätzlich ist Weber einen Samstag im Monat im Textilmuseum. Hier geht es zu den Daten.

Einmal sei ein Mann mit einem Aufnahmegerät gekommen. Er wollte den Ton der Saurer-Maschine aufnehmen. Das Rollen, das Klappern und Rauschen der Wagen. «Alle ringsherum mussten still sein. Auffallend ist, dass viele Besucher branchenkundig sind oder die Stickmaschine noch aus der Kindheit kennen.» Auch Weber stammt aus der Textilbranche. Fast ihr gesamtes Berufsleben arbeite sie im Export.

Obwohl im Ausstellungsraum immer etwas los ist: Weber ist voll bei der Sache. Bewegt die Wagen, setzt Stich um Stich. «Es ist wie Autofahren. Ich bin konzentriert, auch wenn ich rede.» Damit Weber keinen Stich vergisst, zählt sie sie ab.

«Mein Lehrmeister hat so was natürlich nicht nötig.»

Webers Lehrmeister ist zugleich ihr Cousin. Bernhard Hollenstein brachte ihr bei, die Maschine zu bedienen, als sein Bruder die Stelle im Textilmuseum aufgab. Derzeit gibt Hollenstein das Wissen an seine Tochter und eine Mitarbeiterin des Museums weiter.

Passenderweise ist die Maschine im Textilmuseum eine Schulmaschine. Übliche Handstickmaschinen waren doppelt so lang und mit 312 Nadeln ausgestattet. «Die Bedienung zu lernen braucht Zeit, auch weil das Motiv kopfverkehrt auf den Stoff übertragen wird», sagt Weber. Am Musterbrett hängt das Regenschirm-Motiv sechsmal vergrössert. Mit einem Pantografen setzt Weber fest, wo sie den nächsten Stich setzt. Bewegt sie den Pantografen nach links, bewegt sich der Stoff zwischen den Wagen nach rechts.

Die Handstickmaschine ist eigentlich keine Maschine

Hin und wieder reisst ein Faden, weil er ständig durch den Stoff gezogen und ausgedünnt wird. «Es ist noch immer viel Handarbeit», sagt Weber, während sie eine neue Nadel mit Faden einsetzt. Ohne Geschick und Muskelkraft produzierte die Maschine nichts, deshalb bezeichneten die Sticker die Handstickmaschine als Werkzeug. Das Bedienen war Männerarbeit. Die Hilfsarbeiten erledigten Kinder, in den Fabriken Frauen.

Ab 1850 wurden die Handstickmaschinen in grosser Zahl produziert. Erst 40 Jahre später kam die Fädelmaschine auf den Markt. Mit dieser sind die 156 Nadeln in fünf Minuten eingefädelt. Von Hand würde es etwa zwei Stunden dauern.

Die Fädelmaschine gehört quasi zur Ausrüstung: Damit fädelt Maria Weber den Faden in die Nadeln ein. Ohne würde das Einfädeln der 156 Nadeln zwei Stunden dauern. (Bild: Hanspeter Schiess - 4. Juli 2019)

Die Fädelmaschine gehört quasi zur Ausrüstung: Damit fädelt Maria Weber den Faden in die Nadeln ein. Ohne würde das Einfädeln der 156 Nadeln zwei Stunden dauern. (Bild: Hanspeter Schiess - 4. Juli 2019)

Die Nadeln werden heute nicht mehr produziert. «Dafür müsste erst wieder Werkzeug hergestellt werden.» Und wenn die Handstickmaschine kaputt geht? «Es geht nichts kaputt», sagt Weber. In den zehn Jahren riss nur einmal ein Riemen. Ab und zu ölt Weber die Maschine. «Das reicht.» Ans Aufhören denkt die 69-Jährige noch lange nicht.

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