Im Gossauer Marstal kracht es in der alten Pulverfabrik auch heute noch

Das Marstal im Süden von Gossau war einst ein gefährlicher Ort: Die alte Pulverfabrik forderte mehrere Leben.

Vanessa Mengel
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Die Pulverfabrik im Marstal wurde 1874 endgültig geschlossen.

Die Pulverfabrik im Marstal wurde 1874 endgültig geschlossen.

Bild: Michel Canonica

Fast täglich schlängelt sich im Abendverkehr eine grosse Autokolonne die Herisauerstrasse Richtung Appenzellerland hoch. Was viele Autofahrer nicht wissen: Unmittelbar vor der Ortsausfahrt zu ihrer Rechten liegt das geschichtsträchtige Marstal.

Heute handelt es sich dabei um ein idyllisches Fleckchen mit Weiher und Glatt:

Bild: Michel Canonica

Im 19. Jahrhundert war es jedoch der wohl gefährlichste Ort in Gossau: Eine Pulverfabrik forderte dort einige Leben. Weit ab von den damaligen Gossauer Stadtgrenzen stellte sie Spreng-, Jagd-, Kanonen-, Musketen- und Scheibenpulver her.

Drei Brüder lieben die Gefahr

Josef Löhrer, einer von drei Brüdern aus Waldkirch, war es, der die Pulvermühle 1832 im Marstal eröffnete. Das Handwerk gelernt hatte er bei seinem Bruder Johannes, der in St.Josephen ebenfalls eine Pulvermühle betrieb. So heisst es in einem Artikel von Josef Denkinger aus den «Oberberger Blättern» 1988/89. Auch der dritte Bruder, Jakob Anton, war gelernter Pulvermacher und unterhielt in Salzburg eine Mühle.

Die Pulverherstellung war mit hohem Risiko behaftet: «Pulverstoff ist hoch entzündlich und explosiv, weshalb bei den Brüdern regelmässig die Pulverstampfen in die Luft flogen», erzählt Karl Schmuki, Historiker und pensionierter stellvertretender Stiftsbibliothekar.

«Dabei kamen zahlreiche Menschen ums Leben.»

Rohstoffe aus fernen Ländern

1831 zog Löhrer mit seiner Frau, Anna Maria Krapf aus St.Josephen, zur Miete beim Müller J. B. Andres in die Zellersmühle ein. Von Johann Klingler erwarb er im Oktober 1831 das nahegelegene Grundstück, auf dem er später seine Pulverfabrik baute, heisst es in den «Oberberger Blättern».

Bereits 1832 startete die Produktion. Für die Pulverherstellung wurde sizilianischer Stangenschwefel, Pflanzenkohle und chemisch gereinigter Chilesalpeter benötigt. Es gibt Vermutungen, Löhrer habe Salpeter in der hiesigen Salpeterhöhle abgebaut. Dem widerspricht ein Artikel des «Glattblatts» 2009. Dort heisst es, Löhrer habe ägyptischen und ostindischen Salpeter aus Marseille und Venedig importiert.

In privaten Aufzeichnungen und Geschäftsbüchern hielt Löhrer Details zur Pulvermühle fest. «Seine Geschäfte liefen erfolgreich, florierte doch ab 1830 der Strassenbau. Für die Sprengungen wurde viel Pulver benötigt», erklärt Schmuki.

1832 notierte Löhrer den Verkauf von total 43 Zentnern Schiesspulver. Bis 1837 wuchs sein Geschäft auf insgesamt 415 Zentner Spreng-, Schiess- und Scheibenpulver jährlich an, wie diverse Quellen belegen. Mittels einer neuen Pulverstampfe war er fortan in der Lage, täglich 400 Pfund Pulver zu verarbeiten.

Der gefährliche Transport der fertigen Ware erfolgte per Pferd und Wagen und kostete ein Drittel der Einnahmen, schreibt das «Glattblatt». Sogar im südlichen Tessin hatte Löhrer Kunden, die er über die Firma Baur & Cie. bis Chur beliefern liess, heisst es weiter.

Explosionen fordern Leben

So lukrativ das Geschäft auch war, so gefährlich war auch die Arbeit in der Pulvermühle. Anhand Löhrers Notizen und diverser Zeitungsberichte sind bis zur Produktionseinstellung neun Explosionen dokumentiert. Davon fünf mit reinen Sachschäden sowie vier mit Todesopfern.

1842 starb als Erster der «Jüngling Franz Anton Frank von Appenzell», heisst es im Gossauer Sterbebuch. Er habe sich bei einer Explosion schwer verbrannt und sei 21 Stunden später den Verletzungen erlegen.

Der Meister besiegelt seinen Tod

Im November 1843 ereignete sich gemäss «Appenzeller Zeitung» eine sechste, sehr heftige Explosion, die die Seitenwände und das Dach der Fabrik zerbersten liess. Löhrer selbst und ein Gehilfe bezahlten dabei mit dem Leben. Der «St.Gallische Wahrheitsfreund» schrieb unverhohlen: «Beide Leichname trugen schauerliche Gewaltspuren an sich.»

Löhrer hinterliess eine Witwe und drei minderjährige Kinder. Nach seinem Tod wurde die Fabrik samt Grundstück an seine Brüder verkauft. 1850 ging alles in den Besitz der Eidgenossenschaft über. Die Geschäftsführung übernahm Major Kohler, Gründungsmitglied und erster Präsident der Feldschützengesellschaft Gossau. Es folgten drei weitere Explosionen, wovon zwei mehrere Opfer forderten. 1874 stellte die Pulverfabrik den Betrieb endgültig ein.

Heute probt eine Rockband auf dem Grundstück

Bis 1979 wechselte das Areal mehrfach den Besitzer und wurde von diversen Firmen unter anderem für die Karton-, Seifen- und Kosmetikproduktion genutzt.

Auch heute wird es immer wieder laut im Marstal, aber ohne Gefahr für Leib und Leben: So befinden sich auf dem Grundstück der Proberaum der Rockband Piero Nero und die Hobbyschmiede von Peter Preisig:

Peter Preisig in seiner Schellenschmiede.

Peter Preisig in seiner Schellenschmiede.

Bild: Michel Canonica