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«Im Kühlschrank ist noch Teig für 3000 Gipfeli»: Ein entlassener Mitarbeiter der Gossauer Bäckerei Gehr packt aus

Der Konkurs der Gossauer Traditionsbäckerei Gehr wühlt auf. 43 Mitarbeiter stehen auf der Strasse. Die Geschäftsleitung sagt lediglich, dass der Betrieb «aus wirtschaftlichen Gründen» geschlossen wurde.
Sandro Büchler
Ein Bild aus besseren Zeiten: Seit Donnerstag ist der Ofen bei der Bäckerei Gehr aus. Der Betrieb ist Konkurs. (Bild: Benjamin Manser, 23. November 2011)

Ein Bild aus besseren Zeiten: Seit Donnerstag ist der Ofen bei der Bäckerei Gehr aus. Der Betrieb ist Konkurs. (Bild: Benjamin Manser, 23. November 2011)

Die Hiobsbotschaft erfährt die Belegschaft der Bäckerei Gehr am Mittwoch um 7 Uhr, sagt ein Mitarbeiter, der zwei Jahre für den Betrieb gearbeitet hat. «Die Geschäftsleitung rief uns zusammen und sagte, dass es jetzt zu Ende ist. ‹Ab morgen müsst ihr nicht mehr kommen.›»

Der Mitarbeiter spricht in gebrochenem Deutsch, er ist niedergeschlagen und auf dem Weg zum RAV. Er habe in der Nacht auf Mittwoch noch von 23 Uhr bis frühmorgens gearbeitet. «Im Kühlschrank lagert noch Teig für 3000 Gipfeli.» Jetzt wisse er nicht mehr weiter. Die letzten beiden Nächte habe er kein Auge zumachen können. Es habe zwar stets weniger Bestellungen gegeben, aber das es nun so schnell gehe, habe ihn doch überrascht.

Geschäftsleitung gibt sich wortkarg

Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Gossauer Traditionsbäckerei Gehr Konkurs ist. Laut Firmenwebseite ging man von 60 Stellen aus, die Geschäftsleitung spricht jedoch am Freitag in ihrem Communiqué von 43 Jobs.

Alle sechs Filialen in Gossau, Arnegg, Andwil, Degersheim und Herisau wurden durch das Konkursamt versiegelt, das Betreten der Räumlichkeiten von Amtes wegen untersagt. Vor der Hauptfiliale in Gossau stehen Blumentöpfe mit blühenden Geranien. Sie sind neben der leicht verbleichten überdimensionierten Himbeerroulade die einzigen Farbtupfer an diesem schwarzen Tag für die Bäckerei. Drinnen sind die Regale leer, ein gelber Lappen wurde zuletzt auf den Rand des Waschbeckens geworfen. Quasi über Nacht ist die Ära des Dorfbecks zu Ende gegangen.

Die beliebte Himbeer-Roulade aus dem Hause Gehr gibt es nicht mehr. (Bild: Benjamin Manser)

Die beliebte Himbeer-Roulade aus dem Hause Gehr gibt es nicht mehr. (Bild: Benjamin Manser)

In Gossau hat sich die Nachricht vom Konkurs der Traditionsbäckerei wie ein Lauffeuer verbreitet. In der Pizzeria La Dolce Vita gegenüber ist der Konkurs das Thema am Mittagstisch. «Es ist schade und kommt überraschend», sagt ein Gast. Insbesondere für die Mitarbeiter sei das plötzliche Aus brutal. Ein Passant auf der St.Gallerstrasse sagt, es sei verrückt. «Ich habe alles im ‹Gehr› geholt», sagt der Witwer. Schon länger habe es Gerüchte gegeben, dass der Betrieb schlecht laufe.

Ein 34-Jähriger fährt vor die Filiale in Arnegg und schaut sich verwundert um. «Ich habe fast täglich mein Sandwich zum Zmittag im ‹Gehr› gekauft – über Jahre.» Auch bei ihm ist die Sorge um das Personal gross. «Das ist tragisch für sie.»

Die Geschäftsleitung des Familienbetriebs, der über 111 Jahre Bestand hatte, gibt sich zugeknöpft. In einem kurzen Communiqué bestätigt Sandro Gehr:

«Der ganze Betrieb wird aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen.»

Als den 43 Mitarbeitern das Aus mitgeteilt wurde, seien Vertreter vom RAV und der Arbeitslosenkasse anwesend gewesen, «welche die Mitarbeiter im Prozess unterstützen und administrative Tätigkeiten vor Ort abgewickelt haben.» Rückfragen lässt die Geschäftsleitung unbeantwortet.

«Das kann nicht lange gut gehen»

An den Stammtischen und in den sozialen Medien wird spekuliert. «Die Kundenfreundlichkeit war gleich null», kommentieren die einen auf Facebook. «Nach dem Generationenwechsel ist es bergab gegangen», schreibt ein anderer.

2013 wurde die Bäckerei zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt. Das Bäcker-Ehepaar Blanca und Gidi Gehr, die den Betrieb 38 Jahre geführt hatten, zogen sich zurück. Sie übergaben die Geschäftsleitung an ihren Sohn Matthias Gehr, der aber 2016 krankheitshalber zurücktrat. Danach leitete eine neue Garde die Firma.

«Seit diesem Zeitpunkt setzte die Leitung auf jüngeres Personal», sagt ein langjähriger Mitarbeiter. Vor vier Jahren wurde dem 61-Jährigen gekündigt – nachdem er mehr als zwölf Jahre in der Backstube in Arnegg gewirkt hatte. Er hege zwar keinen Groll – «nicht mehr» – sagt der Mann, aber enttäuscht sei er. «Doch man hat schon damals gesehen, dass die neue Strategie nicht lange gut gehen kann.» Ein solches Ende hätte er der Bäckerei jedoch nicht gewünscht. «Es tut weh.»

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