Im Drogenrausch vor Geistern geflüchtet: Nach der Horrorfahrt durch Rorschach mit einer Zehnjährigen standen die Eltern am Mittwoch vor Gericht

Nach massivem Kokainkonsum ist ein Ehepaar aus seiner Wohnung in Rorschach «geflüchtet». Der Mann schlug einen Taxifahrer bewusstlos, dann machten sie sich mit dem Taxi auf eine Irrfahrt. Auch beim Mädchen wurde Kokain nachgewiesen.

Jolanda Riedener
Drucken
Teilen
Die «Flucht» vor Werwölfen und Geistern mit einem geklauten Taxi endete in einem Garten in Goldach.

Die «Flucht» vor Werwölfen und Geistern mit einem geklauten Taxi endete in einem Garten in Goldach.

Bild: Kapo SG

Die Nacht vom 21. Juli 2018 wird das österreichische Ehepaar nicht so schnell vergessen. Für die Geschehnisse musste es sich am Mittwoch vor dem Kreisgericht Rorschach verantworten. Die beiden haben in dieser Samstagnacht ihre Wohnung in Rorschach samt der zehnjährigen Tochter verlassen – unter Todesangst und der Meinung, sie werden von Werwölfen und Geistern verfolgt. Die Woche davor habe das Paar massiv Kokain konsumiert, an jenem Abend teilweise zusammen mit Alkohol. Im Bereich Pestalozzistrasse versuchten die Beschuldigten, vorbeifahrende Autos anzuhalten. Ein Taxichauffeur hielt an:

«Wäre der Mann alleine gewesen, wäre ich vermutlich weitergefahren.»

Aber da Frau und Kind dabei waren, habe er sie mitgenommen. Das Gesicht des Beschuldigten ist stark tätowiert. Beim Bahnübergang Industriestrasse attackierte der Mann den Fahrer mit Faustschlägen am Kopf und stiess ihn aus dem Taxi. Darauf habe sich der damals 38-Jährige ans Steuer gesetzt und die Autotüre mehrmals auf- und zugeschlagen. Der Taxifahrer habe die Füsse noch im Auto gehabt, der Oberkörper war am Boden. Er sagt:

«Ich kann mich nur noch erinnern, wie mich die Ambulanz ins Spital brachte.»

Seit dem Vorfall habe er gesundheitliche Probleme. Er sei nicht mehr derselbe, sagen Ex-Frau und der frühere Chef. Seinen Beruf kann er nicht mehr ausüben. Mittlerweile lebt er von einer IV-Rente.

Die Staatsanwaltschaft bezieht sich auf einen Zeugen: Dieser sei sich sicher, gesehen zu haben, dass der Kopf des Taxifahrers beim Zuschlagen der Autotüre verletzt worden sei. Auch die Gerichtsmedizin hält dies aufgrund der Verletzungen für möglich. Für die Verteidigung reicht das nicht. Die Aussagen des Zeugen seien allgemein vage und es sei zu dunkel gewesen, um aus der Entfernung von etwa 80 Metern die Geschehnisse genau zu sehen.

Zehnjährige Tochter hatte auch Kokain im Körper

Als er die Autotüre schliessen konnte, liess der Beschuldigte den Chauffeur am Boden liegen und fuhr in Richtung Goldach. Einen gültigen Fahrausweis hatte er nicht. Er lenkte das Auto über einen Rasen, krachte in ein Boot und fuhr in eine Hecke, bis das Auto über einer Mauer bei einer Garageneinfahrt zum Stehen kam. Bei der Irrfahrt brach sich die Tochter – nicht sein leibliches Kind – den Unterarm. Sie sass mit der Mutter auf dem Vordersitz und war nicht angeschnallt.

Nach der traumatischen Irrfahrt habe man im Urin der Zehnjährigen eine Substanz gefunden, die beim Abbau von Kokain nachgewiesen werden könne. Das Mädchen wird vor Gericht ebenfalls vertreten. Ihre Anwältin fordert eine Genugtuung von der Mutter und vom Stiefvater. Wie die Staatsanwaltschaft ist auch sie der Meinung, dass die Beschuldigten ihre Erziehungs- und Fürsorgepflicht verletzt haben. In der gemeinsamen Wohnung habe man gut 60 Gramm Kokain mit hohem Reinheitsgehalt gefunden. Dieses sei frei zugänglich im Elternbadezimmer, Schlafzimmer und Büro aufgefunden worden. Strittig ist, ob der Beschuldigte auch mit Kokain gedealt habe.

Die Beschuldigten könnten nur mutmassen, wie das Kokain in den Körper der Tochter gelangt sei: «Beim Kartenspielen» oder «beim Brotschmieren». Die Mutter sei über den Befund geschockt gewesen, führt ihr Anwalt aus. Die Tochter lebe bei ihr, sie verbringe viel Zeit mit ihr und die Beiden nehmen am sozialen Leben teil. Das Ehepaar lebt mittlerweile getrennt und will sich scheiden lassen. Seit dem Vorfall hätten aber beide keine Drogen mehr konsumiert. Der Beschuldigte sagt vor Gericht, er sei auch froh darüber, was an diesem Sommerabend passiert sei. Seither führe er ein anderes Leben.

Beschuldigter soll für fünf Jahre das Land verlassen

Die Staatsanwaltschaft fordert für den Beschuldigten eine bedingte Freiheitsstrafe von 14 Monaten bei einer Probezeit von drei Jahren. Ausserdem solle er eine Busse von 1200 Franken zahlen, sich einer Suchtbehandlung unterziehen und sei für fünf Jahre des Landes zu verweisen.

Die Beschuldigte soll zu einer bedingten Geldstrafe von 150 Tagessätzen und einer Busse von 800 Franken verurteilt werden, es sei auch bei ihr eine Suchtbehandlung anzuordnen. Das Urteil steht noch aus.