«Wir kamen jedes Jahr mehr ans Limit»: Warum die St.Galler Vogelpfleger nach fast 30 Jahren aufhören

Christian und Dora Müller haben 28 Jahre lang die Vogelpflegestation St.Gallen geführt. Nun ziehen sie sich zurück. Ihre grosse Hoffnung: Dass sich für ihr Lebenswerk ein Nachfolger findet.

Luca Ghiselli
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Ein Bild, das der Vergangenheit angehört: Christian und Dora Müller in der Wildvogelpflegestation. (Bild: Claudio Heller (30. Januar 2017))

Ein Bild, das der Vergangenheit angehört: Christian und Dora Müller in der Wildvogelpflegestation. (Bild: Claudio Heller (30. Januar 2017))

Alles begann mit einer kranken Taube. Ein Bekannter brachte das Tier vor fast 30 Jahren zu Dora Müller. «Weil ich Tiere so gern hatte», erinnert sie sich. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Christian, schon damals ein begeisterter Freizeit-Ornithologe, fütterte sie das Tier und ging damit zur Voliere in den Stadtpark, wo es kurze Zeit später ausgewildert wurde. Es war der Anfang der Wildvogelpflegestation St. Gallen. Das Ehepaar Müller wurde engagiert, gründete einen Verein. «Zu unserer ersten Hauptversammlung kamen fünf Personen. Heute zählt die Voliere-Gesellschaft 1000 Mitglieder», sagt Christian Müller.

In den 28 Jahren, in denen Christian und Dora Müller die Vogelpflegestation betreuten, pflegten sie rund 11000 Tiere und konnten über 80 Prozent davon wieder in die freie Wildbahn entlassen. Ein verletztes Tier zu pflegen und danach wegfliegen zu sehen, das Gefühl könne sie gar nicht beschreiben, so schön sei es, sagt Dora Müller. «Und das war auch der Grund, weshalb wir so lange weitergemacht haben.»

«Wir werden auch nicht jünger»

Ende September war aber Schluss. Das Ehepaar Müller zog sich von der Vogelpflegestation zurück, derzeit läuft die Suche nach einer Nachfolgelösung. «Wir werden auch nicht jünger. Wir kamen jedes Jahr mehr ans Limit», sagt Christian Müller. Er ist 72 Jahre alt, seine Frau ist 69.

Fast alles, was sie für die Wildvogelpflegestation, die seit rund zwei Jahren im Naturmuseum untergebracht ist, getan haben, war ehrenamtlich. Stunden über Stunden, tausende Kilometer mit dem Auto, Anrufe bis spät in die Nacht. «Irgendwann mussten wir uns sagen: Es braucht einen Nachfolger.» Genau zu diesem Zweck hat das Ehepaar Müller 2016 auch eine Stiftung gegründet – damit die Pflegestation nicht nur von den beiden abhängt.

«Das heisst aber nicht, dass wir uns aus der Verantwortung nehmen.» So hätten sie angeboten, einen Tierpfleger während eines Jahres einzuarbeiten. Dazu braucht es aber zunächst die finanziellen Mittel für eine solche Stelle. Und daran scheitert die Nachfolge bis jetzt.

657 Wildvögel in nur einem Jahr

«Die Stadt hat viel investiert und steht hinter der Institution», sagt Christian Müller. Es dürfe aber nicht sein, dass die Station nun Machtkämpfen in der Verwaltung zum Opfer falle. Nicht jetzt, da eigentlich alles bestens laufe und die Infrastruktur ideal ausgebaut sei. «Es ist eine vertrackte Situation», sagt Müller. Er hege aber die Hoffnung, dass sich die Verantwortlichen einen Ruck geben, um die Station zu retten.

657 Wildvögel haben Christian und Dora Müller alleine im vergangenen Jahr aufgenommen und gepflegt. Hinzu kamen Igel und Hausvögel. «Wir helfen jedem Tier. Das ist unsere ethische Pflicht.» Das wird das Ehepaar weiterhin tun, wenn auch nicht in der Pflegestation. Christian Müller bleibt Präsident der Voliere-Gesellschaft.

Dort werden Müllers auch weiterhin Führungen für Schulkinder und Studenten anbieten. Neben dem Freilassen von gepflegten Vögeln einer der schönsten Teile der Arbeit: «Wenn man Kinder schon früh dafür sensibilisieren kann, wie wichtig Vögel auch für uns Menschen sind, kann man viel bewirken», sagt Dora Müller. Manchmal habe sie auch Briefe von Kindern erhalten. «Gute Besserung, liebes Vögeli», stand etwa darin. Es war der grösste Lohn für die viele Arbeit in all den Jahren.

Die Voliere wird aufgefrischt

Rund zwei Jahre ist es her, dass die Wildvogelpflegestation St. Gallen von der Voliere im Stadtpark ins Naturmuseum gezügelt ist. In der Voliere bleiben Christian und Dora Müller auch in Zukunft aktiv und betreiben dort eine Auffangstation für verletzte Tiere und Jungvögel, die danach an die Wildvogelpflegestation übergeben werden.

Dafür muss die Infrastruktur im «Vögeli­park» bald auf Vordermann gebracht werden. Laut Christian Müller hat die Stadt zugesichert, die Arbeiten in den Jahren 2021 und 2022 durchzuführen. Baudirektorin Maria Pappa bestätigt das auf Anfrage. Das Bauprojekt umfasst unter anderem den Neubau eines Lagers sowie die Sanierung des Weihers. «Logistisch kommt da einiges auf uns zu», sagt Christian Müller. Dem Ehepaar geht die Arbeit also auch in Zukunft nicht aus. (ghi)