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«Ich werde oft gefragt, ob mich die Toten nachts heimsuchen, wenn wir ihre Grabesruhe stören»: Die Gräber von St.Mangen sind mit Herzblut dabei

Thomas Stehrenberger und Marco Fahrni graben in Stadt und Kanton nach menschlichen und anderen Überresten.
Seraina Hess
Grabungstechniker Marco Fahrni (links) und Archäologe Thomas Stehrenberger mit den Funden von St.Mangen. (Bild: Urs Bucher)

Grabungstechniker Marco Fahrni (links) und Archäologe Thomas Stehrenberger mit den Funden von St.Mangen. (Bild: Urs Bucher)

In den letzten Wochen brannte an der Grabungsstätte bei St.Mangen eine Kerze. Aufgestellt hat sie Thomas Stehrenberger. Der Archäologe legte mit seinem Team an der Kirchgasse einen einstigen Friedhof mit 63 Gräbern frei.

«Ich werde oft gefragt, ob mich die Toten nachts heimsuchen, wenn wir ihre Grabesruhe stören», sagt der 49-Jährige. Passiert ist das noch nie. Trotzdem ist ihm ein pietätvoller Umgang mit den menschlichen Überresten wichtig – auch wenn die Skelette, die Stehrenberger mit seinem Team bei St.Mangen gefunden hat, zwischen 150 und 500 Jahre alt sind.

Die ersten Knochen
fand er als Bub

Stehrenberger ist schon viel länger Archäologe, als dass er sein Studium der Ur- und Neuzeitgeschichte an der Universität Zürich abgeschlossen hat. Begonnen hatte alles mit Ferien in Ägypten, die den damals Zehnjährigen beeindruckten. Danach führte er selbst erste Grabungen durch, bis er mit zwölf an einer Burgstelle an seinem Wohnort Amlikon-Bissegg erstmals fündig wurde. Mit Freunden legte er einen Sondierschlitz frei und fand Knochen und Keramik, die er mit nach Hause nahm.

In die Quere kam ihm schliesslich die Kantonsarchäologie Thurgau, die zwei Wochen später zur Vermessung auftauchte – und merkte, dass hier schon jemand am Werk war. Stehrenberger meldete sich und gab die Funde zurück. Im Gegenzug bekam er einen Ferienjob und half bei Ausgrabungen mit. Bei den Archäologen galt der Jugendliche fortan als «resozialisierter Raubgräber».

Interesse und Herzblut – beide sind bei Berufsleuten wie Stehrenberger vonnöten, zumal die Branche unsicher ist und die Jobs rar sind. Inzwischen ist er seit 2013 bei der Kantonsarchäologie St.Gallen tätig – allerdings projektbezogen und dementsprechend befristet. Ob ein nächster Job komme oder nicht, sei stets unklar, obschon die Arbeit nicht weniger werde. «St.Gallen ist aus archäologischer Sicht wohl einer der spannendsten Kantone in der Schweiz», sagt Stehrenberger. Auch deshalb lohne es sich kaum, für die Arbeit in die Welt hinaus zu ziehen.

Der Tiefbau fürchtet 
die Archäologen

Ähnlich geht es seinem Kollegen Marco Fahrni. Der 26-jährige gelernte Schreiner ist seit vier Jahren in der Ausbildung zum Grabungstechniker. Er ist zuständig für Infrastruktur, Vermessung und Koordination der Grabung. Im Team heisst das: Stehrenberger bringt die wissenschaftlichen Inputs, Fahrni ermittelt, wie und mit welchem Werkzeug gegraben wird, um möglichst wenig Schaden anzurichten.

Die Feldarbeit übernehmen sowohl Archäologen als auch Grabungstechniker. So legte Fahrni etwa schon römische Kalkbrennöfen in Kempraten bei Rapperswil frei. «Bei dieser Ausgrabung haben wir jeden Tag etwas Neues gefunden. Teilweise völlig unerwartet», sagt er. Sein Job ist in der Schweiz nicht nur selten. Er geniesst bei manchen auch keinen besonders guten Ruf. «Gerade Tiefbau-Arbeitern sind wir manchmal ein Dorn im Auge, weil sie meinen, wir gingen sofort wochenlang mit Schaufel und Pinsel ans Werk, wenn auch nur ein einziger Knochen gesichtet wird», sagt Fahrni. Zu einem Baustopp aufgrund archäologisch wertvoller Funde sei es in St.Gallen aber schon seit Jahren nicht mehr gekommen.

Ein Wurfholz auf dem
letzten Quadratmeter

Meistens wissen Archäologen ohnehin, wo mit Funden zu rechnen ist. Deshalb muss vor gewissen Bauprojekten zuerst gegraben werden – so wie in St.Mangen, wo ein Unterflurbehälter vorgesehen ist. Zu Überraschungen kommt es trotzdem immer wieder. Als spektakulärsten Fund bezeichnet Stehrenberger ein Wurfholz, das er am letzten Tag auf dem letzten Quadratmeter einer Grabung bei den Pfahlbausiedlungen in Arbon fand. Eine Entdeckung, die ihn als passionierten Bumerang-Sportler besonders freute – und ihm 2002 an der Bumerang-WM sogar einen Award einbrachte.

Das Fachgebiet der beiden Männer weckt Interesse, zumal es grundlegende Fragen zur Entwicklung der Menschheit beantwortet. Und doch hören sie immer wieder den gut gemeinten Ratschlag, sich doch lieber mit der Zukunft als mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Darauf entgegnet Thomas Stehrenberger stets dasselbe: «Die Menschheit neigt dazu, gewisse Fehler zu wiederholen. Ohne Kenntnis der Vergangenheit gibt es also keine konstruktive Zukunft.»

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