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«Ich spiele gern»: St.Galler mietet Räume und macht daraus Famoses

Marcio Ferreira mietet Räume und stellt sie günstig zur Verfügung. Der Rest passiert fast von allein, sagt der 33-Jährige. Er macht mit Überzeugung das Gegenteil von dem, was er an der HSG gelernt hat.
Roger Berhalter
Marcio Ferreira dos Santos mitet Räume für Zwischennutzungen. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Marcio Ferreira dos Santos mitet Räume für Zwischennutzungen. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Er kommt gerade von einem langen Arbeitstag. Im Lern- und Werkzentrum Tipiti in Bruggen betreut Marcio Ferreira junge Flüchtlinge und hilft ihnen, möglichst schnell Deutsch zu lernen und möglichst schnell einen Job zu finden. Ferreira arbeitet für den Verein als Koordinator in einer 80-Prozent-Stelle.

Das ist aber nur eine von vielen Baustellen, auf denen er parallel hantiert. Der 33-Jährige sprudelt vor Ideen und verbringt seine Zeit damit, möglichst viele davon umzusetzen. Deshalb ist für ihn auch nach einem langen Arbeitstag noch lange nicht Feierabend.

Während er im Interview Fragen beantwortet, fädelt Ferreira nebenbei die Besichtigung einer Industriehalle in der Lachen ein. Er hilft am Telefon einem Freund, der kurzfristig nach einem Prototyp aus dem 3D-Drucker fragt. Und er zerlegt den Verschluss einer Getränkeflasche in seine Bestandteile und formt daraus auf dem Tisch ein Muster. «Ich spiele gern», sagt Ferreira.

Im legalen Rahmen, mit minimalem Budget

Noch lieber aber lässt der St. Galler andere spielen: Fast täglich kontaktiere er Immobilienverwalter und Hauseigentümer, um an Räume zu kommen. Sein Vorgehen: Erstens einen günstigen Mietpreis aushandeln, und sei es nur für ein paar Monate als Zwischennutzung. Zweitens die Räume untervermieten. Drittens einen Weg finden, um das Ganze zu finanzieren.

Ferreira operiert mit seinem Verein Leerraum im Spannungsfeld zwischen Millionenprojekten und Billigmieten, «im legalen Rahmen, mit minimalem Budget», wie er sagt. Aktuell hat er beispielsweise ein Bürogebäude an der Davidstrasse gemietet und zum «Haus Famos» gemacht. Bald soll dort ein Hotel entstehen – ein Millionenprojekt – noch bis Ende März aber arbeiten im Haus junge Künstlerinnen, Grafiker, Designer, Informatiker, Illustratorinnen und ein Theaterensemble.

Sie alle zahlen nur wenig Miete, trotzdem ist das Projekt selbsttragend. «Das muss es auch», sagt Ferreira. Er lasse sich seine Zwischennutzungen nicht von der öffentlichen Hand subventionieren.

Dafür nimmt er in Kauf, dass die Rechnung manchmal nicht aufgeht. So wie im «Ladencafé» an der Poststrasse, einer weiteren Zwischennutzung des Vereins Leerraum. Zum Spielen gehört für Ferreira eben auch das Verlieren, zum Ausprobieren das Scheitern.

Der Polymechaniker an der HSG

Marcio Ferreira dos Santos – so heisst er mit vollem Namen – ist in St.Gallen aufgewachsen, als Sohn eines Brasilianers und einer Schweizerin. Er macht zunächst eine Lehre als Polymechaniker, studiert danach Maschinenbau an der Ingenieurschule ZHAW in Winterthur.

Als sich in der Finanzkrise 2008 sein Kontostand halbiert, beginnt er sich für ökonomische Zusammenhänge zu interessieren. Er geht an die Universität St. Gallen und schliesst dort ein Masterstudium in Geschäftsmodell-Innovationen ab.

«Heute mache ich genau das Gegenteil von dem, was ich an der HSG gelernt habe», sagt Ferreira mit Blick auf seine Zwischennutzungsprojekte. «Ich habe keinen Businessplan, keine Strategie, und ich bin ständig am Ausprobieren.»

Seinen ersten Raum zum Ausprobieren mietete Ferreira 2012 in Goldach. Er war damals Student und zunehmend frustriert. «Das theoretische Arbeiten nervte mich immer mehr.» Also baute das «Atelier im Sandkasten» auf. Dieses befand sich zunächst in einer Industriehalle am See, von 2014 bis 2017 dann in einem Backsteingebäude im St. Galler Feldli.

Ferreira spannte dafür mit dem Gastronomen Gallus Knechtle zusammen, der unlängst als neuer Pächter des Berggasthauses Äscher bekannt geworden ist. Ihren «Sandkasten» nutzten sie für Experimente. Einmal trug Knechtle im Siebdruck-Verfahren Schokolade auf Holzbrettchen auf, um sie als Dessertteller zu nutzen. Bald gehörten Designer, Software-Ingenieure, Fotografinnen und Grafiker zum Team.

Interdisziplinär, so würde man das an der HSG nennen. Marcio Ferreira sagt: «Es hatte von allem ein bisschen dabei, genau das war lääss.» Das fand auch die Fachhochschule St. Gallen, die den «Sandkasten» schliesslich übernahm und heute unter dem Titel «Werft 31» betreibt, als «Raum für Experimente, Ideen und Kreativität».

Weniger planen, mehr umsetzen

«Es gibt so viele spannende Leute in der Region», sagt Ferreira und meint damit nicht nur Künstler. «Für mich macht es keinen Unterschied, ob jemand lötet, malt oder schreinert.» Hauptsache, man spiele mit Ideen und setze sie innert kürzester Zeit um. Ferreira war schon an Sitzungen dabei, in denen aus dem Nichts eine Produktidee entstand, und noch am selben Abend hielt er den Prototyp in der Hand.

In Zürich baut er gerade ein neues «Atelier im Sandkasten» auf. Eines von mehreren Projekten, die er in diesen Tagen vorantreibt. Der 33-Jährige engagiert sich im Printclub Bodensee, gibt Programmierkurse für Kinder und Jugendliche, und er sucht eine Nachfolgelösung für das «Haus Famos», weil der Mietvertrag Ende März ausläuft.

Verzettelt er sich nicht manchmal bei so viel Engagement? Ist er ein Rastloser, der es nicht lange am selben Ort aushält? Ferreira widerspricht: «Wenn ich nur an einem Ort bin, fehlen mir die unterschiedlichen Inputs.»

An Selbstbewusstsein mangelt es Ferreira nicht. Er würde vieles anders machen in dieser Stadt. Weniger planen, weniger Konzepte schreiben, dafür mehr machen, mehr umsetzen. «Es geht nur darum, Räume zur Verfügung zu stellen, das ist das Entscheidende.» Deshalb würde er auch mit dem Marktplatz so verfahren wie mit einem seiner Mietobjekte: Für alle öffnen und alle mitspielen lassen. «Ich würde jedem, der eine Idee zur Verbesserung der Stadt hat, auf dem Platz einen Stand anbieten.»

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