Interview

«Ich bin beschämt über diese Stimmungsmache»: Die abtretende St.Galler Schulamt-Chefin Marlis Angehrn rechnet mit ihren Kritikern ab

Die Leiterin der Dienststelle Schule und Musik geht. Marlis Angehrn verlässt St.Gallen ohne Groll. Sie spricht im Interview aber Klartext.

Daniel Wirth
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Hat Jobangebote, freut sich jetzt aber auf ein Privatleben: Marlis Angehrn.

Hat Jobangebote, freut sich jetzt aber auf ein Privatleben: Marlis Angehrn.

Bild: Urs Bucher (21.Januar 2020)

Marlis Angehrn hat im September 2019 auf Ende Januar gekündigt. Die Chefin von über 1000 Mitarbeitenden ist vom Verband Lehrpersonen Sektion St.Gallen (VLSG), dem städtischen Lehrerverein, wiederholt kritisiert worden mit Vorwürfen, die bereits vor ihrem Stellenantritt gegen frühere Verantwortliche erhoben wurden. Angehrn sagt, sie gehe in der Hoffnung, dass die Machenschaften gegen sie und ihre Vorgänger ihre Nachfolgerin oder ihren Nachfolger nicht auch noch treffen werden.

Marlis Angehrn, wie geht es Ihnen, wenige Tage, bevor sie die Dienststelle Schule und Musik verlassen?

Marlis Angehrn: Es geht mir gut. Ich spüre primär Dankbarkeit. Die Stadt St.Gallen hat mich beauftragt und mir ermöglicht, im Sinne des Kindes hinzuschauen, nicht wegzuschauen. Das ist eine grosse Aufgabe. Diese Aufgabe habe ich gesucht. Ich habe die Aufgabe bekommen, mich ihr mit Herzblut gewidmet. Ich fühlte mich dabei jederzeit von meinem Vorgesetzten und meinen Mitarbeitenden sehr unterstützt. Ich werde demnächst von 200 Prozent auf 0 zurückfahren und bin gespannt, wie sich das anfühlt.

Was meinen Sie mit hinschauen?

In der pädagogischen Landschaft bin ich kein unbeschriebenes Blatt: Meine Grundhaltung ist bekannt. Wir haben die Kinder, die wir haben, keine anderen, und diesen schulden wir guten Unterricht. Damit Lehrpersonen mit dieser Herausforderung nicht alleine gelassen werden, braucht es pädagogisch geleitete Schulen.

Hinschauen bedeutet vor diesem Hintergrund: Es braucht Führungspersonen, die führen, und Beteiligte, die sich führen lassen.

Gab es diesbezüglich Missstände?

Angesichts der vielen höchst engagierten Lehrpersonen in der Stadt St.Gallen kann man gewiss nicht von Missständen in den Schulhäusern reden. Wohl aber fällt ein spezielles Phänomen auf, das ich als Missstand zu bezeichnen wage: In der Stadt St.Gallen werfen Exponenten des städtischen Lehrerverbands den jeweiligen obersten Schulverantwortlichen seit über 25 Jahren in regelmässigen Abständen öffentlich vor, sie seien nicht wertschätzend, ja sogar unmenschlich, es herrsche ein Klima der Angst.

Wie ist das zu verstehen?

Überall wo Staub gewischt, statt unter den Teppich gekehrt wird, gibt es Leute, die husten. Das ist normal. Ausserordentlich ist jedoch das systematische Vorgehen der Kritiker: Sie vernetzen sich eng mit politischen Akteuren und bedienen sich eines permanent negativen Vokabulars, ohne das Behauptete faktenbasiert zu begründen. Ist die Kritik einmal in den Köpfen drin, braucht man nur noch die Namen der jeweiligen Führungspersonen anzufügen. Damit kommt es zu einer gefährlichen Dynamik: Nicht das Erreichte zählt, sondern das Erzählte reicht.

Woher rührt diese Masche?

Meiner Beobachtung nach sind es wenige Personen, die gegen jede Form pädagogischer und personeller Führung im Schulbereich mobil machen. Bereits im Jahr 2003 hat der Gesamtschulrat festgestellt, der städtische Lehrerverein werde nicht müde, immer wieder Aktivitäten und Entscheide des Schulrates massiv öffentlich zu kritisieren. Seit Jahrzehnten wird ungeniert in die fütternde Hand gebissen. Es findet sich in den Unterlagen tatsächlich keine einzige Legislatur ohne herabwürdigende Kritik an den jeweiligen Schulverantwortlichen.

Weil ich selber Mitarbeiterin der Stadt bin und diese als attraktive Arbeitgeberin schätze, bin ich beschämt über die permanente Stimmungsmache eigener Mitarbeitender zu Lasten der Stadt St.Gallen.

Machen ältere Lehrer Stimmung?

Grundsätzlich ja. Hinzu kommen auch solche, die nicht mehr berufstätig sind.

Wie muss man sich die Kritik vorstellen?

Am besten zeige ich dies anhand konkreter Vorwürfe. 2001 hiess es, Lehrpersonen träten zurück wegen mangelnder Wertschätzung und Menschlichkeit. Das Vertrauen sacke ins Nichts ab, wurde 2007 kritisiert. Die schlechten Beziehungen zu den Vorgesetzten im Schulamt seien zu hinterfragen, wurde 2001 bemängelt. Eine grosse Herausforderung bleibe weiterhin die in den Reihen spürbare Atmosphäre der Angst – das war 2012. Damals gab es weder einen Markus Buschor noch eine Marlis Angehrn.

Zur Person

Marlis Angehrn kam 1962 in St.Gallen zur Welt. Sie ist in Gossau aufgewachsen. Von 2001 bis 2014 war sie Stadträtin in Wil; die Christlichdemokratin stand dem Departement Bildung und Sport vor. 2014 hat sie die Leitung des Schulamts der Stadt St.Gallen, der heutigen Dienststelle Schule und Musik, übernommen. Die ausgebildete Primarlehrerin und promovierte Juristin war Präsidentin der Unterstufenkonferenz des Kantons St.Gallen, im Vorstand der Schweizerischen Primarschulkonferenz und Mitglied der Pädagogischen Kommission der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren. (EDK). (dwi)

Es gibt Kritiker, die sagen, Frau Angehrn zitiere Lehrpersonen.

In den letzten fünf Jahren habe ich genau elf Lehrpersonen vorladen müssen, dies nachdem ich Kenntnis bekommen habe von Vorfällen wie den folgenden: Ein Lehrer sagte zu einem Schüler aus Somalia: «Packe deine Sachen und geh dahin zurück, wo du herkommst, hier kann man dich nicht brauchen.» Ein anderer Lehrer schrie Schülerinnen und Schüler an, stellte sie vor der ganzen Klasse bloss, schickte einzelne in die Ecke mit dem Rücken zur Klasse.

Oder dieser Fall: Schülerinnen und Schüler mussten auf die sogenannte «Bühne des Lebens» und wurden von der Lehrperson aufgefordert: «Spreche mir nach: Ich bin zu dumm für diese Klasse.» Die Stadt St.Gallen hat 900 Lehrpersonen. Man kann sagen, nur elf solche Fälle in fünf Jahren, das sei nicht so schlimm. Ich sehe das anders: Jeder einzelne Fall solcher Art ist einer zu viel.

Es gibt Lehrer, die sagen, sie würden von Ihnen nicht wertgeschätzt.

Dieser Vorwurf kursiert seit 25 Jahren. Aktuell steht mein Name dahinter.

Haben Sie es je bereut, 2014 als Stadträtin von Wil in die Dienststelle Schule und Musik der Stadt St. Gallen gewechselt zu haben?

Nein, keineswegs. Ich werde meinen Beruf in St.Gallen bis zum letzten Arbeitstag mit Freude und Elan ausüben. Ich mag die argumentative Auseinandersetzung mit anderen Menschen und anderen Meinungen. Gerade in der Schulentwicklung, der ich mich seit Jahren verschreibe, sind Meinungsbildungsprozesse wichtig. Von Menschen mit anderen Meinungen und insbesondere auch von sachlicher Kritik durfte ich immer sehr viel profitieren. Haben zwei Personen immer die gleiche Meinung, ist eine von beiden längerfristig überflüssig. Gerade weil ich ein so verstandenes kritisches Miteinander gerne pflege, ist mir mein Entscheid alles andere als leichtgefallen.

Mit «Entscheid» meinen Sie ihre Kündigung auf Ende dieses Monats? Warum gehen Sie?

Im Rahmen eines professionellen Umfelds erwarte ich, dass nicht mit Gerüchten operiert wird, sondern mit Fakten. Ich muss in den Spiegel schauen können: Einer solchen Dynamik kann ich nicht guten Gewissens länger zudienen, weil ich sie als schädlich erachte für die Schulstadt St.Gallen.

Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger?

Es ist mir ein Anliegen, dass ausgelöst durch meine Kündigung die Kette herabwürdigender Machenschaften ein nachhaltiges Ende nimmt. Ich erhoffe mir, dass eine Sensibilisierung dahingehend stattfindet, dass insbesondere auch Parlamentsmitglieder Gehörtes kritisch hinterfragen.

Am Herbstforum erhielten Sie nach Ihrer Abschiedsrede von den Mitarbeitern langen stehenden Applaus. Was löste das bei Ihnen aus?

Das hat mich emotional sehr berührt. Ich darf St. Gallen in der Gewissheit verlassen, dass nicht nur meine Mitarbeitenden der Tagesbetreuung, der Musikschule sowie der Verwaltung, sondern auch die grosse Mehrheit der sich korrekt und engagiert verhaltenden Lehrpersonen das Ziel einer im Dienst des Kindes stehenden klaren Führungshaltung überzeugt mitgetragen hat.