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«Ich mache Kriegsbilder, ohne in den Krieg zu ziehen»: Meinrad Schade fotografiert in stillen Bildern abseits von Explosionen und Tränengas

Der Fotograf Meinrad Schade versucht, Gefahren zu meiden und reist trotzdem in Konfliktgebiete. Am Mittwoch ist er im Palace St.Gallen zu Gast.
Christina Weder
Studenten der Universität Al-Istiqlai im Westjordanland beim frühmorgendlichen Training mit einem Holzgewehr. (Bild: Meinrad Schade, Jericho, 21. Januar 2014)

Studenten der Universität Al-Istiqlai im Westjordanland beim frühmorgendlichen Training mit einem Holzgewehr. (Bild: Meinrad Schade, Jericho, 21. Januar 2014)

Er sei ängstlich und vorsichtig, sagt der Fotograf Meinrad Schade über sich selbst. Trotzdem reist er mit seiner Kamera seit 20 Jahren in Konfliktregionen. Wiederholt war er in Israel und im Westjordanland unterwegs. Von dort bringt Schade andere Bilder nach Hause, als man erwarten würde. Er fotografiert weder Steinschleudern noch Tränengas oder Demon­strationen. «Diesen Vorkommnissen versuche ich, aus dem Weg zu gehen», sagt er.

Seine Arbeit beschreibt der 51-Jährige als «Kriegsfotografie, ohne in den Krieg zu ziehen». Mit seiner Kamera begibt er sich nicht an die Front. Er fokussiert auf die Nebenschauplätze von vergangenen oder noch schwelenden Konflikten und auf Orte, die nicht mehr im Zentrum des medialen Interesses stehen.

Die Konflikte dringen bis ins Wohnzimmer

Der mehrfach ausgezeichnete Fotograf ist am kommenden Mittwoch auf Einladung des «Hauses zur Ameise» im Palace zu Gast. Er wird von seinen Reisen und Erfahrungen berichten. «Krieg ist mehr als eine blosse Kriegshandlung», sagt Schade. Krieg schlage sich im Alltag nieder – auch Jahre später noch. Er hinterlasse Spuren in der Landschaft, der Architektur und in den Gesichtern der Menschen. Er dringe bis in ihr Wohnzimmer ein. Davon erzählen die Fotografien aus seinem Langzeitprojekt «Krieg ohne Krieg».

Meinrad Schade, Fotograf. (Bild: PD)

Meinrad Schade, Fotograf. (Bild: PD)

Sie vermitteln ein Gefühl der ständigen Bedrohung und handeln vom labilen Zustand zwischen Normalität und Katastrophe, Krieg und Frieden. Im Westjordanland fotografiert Schade palästinensische Studenten mit Gewehrattrappen beim frühmorgendlichen Training. Sie werden für Sicherheitsberufe ausgebildet und auf einen unabhängigen Staat vorbereitet. Doch Schade beschränkt sie nie auf nur eine Seite des Konflikts. Er nimmt immer verschiedene Perspektiven ein und hütet sich davor, Position zu beziehen – auch wenn es manchmal schwerfällt. Insgesamt sieben Monate verbrachte er in Israel und den palästinensischen Gebieten.

Wenn er nicht gerade unterwegs ist, lebt Meinrad Schade mit seiner Frau in Zürich, wo er als freischaffender Fotograf tätig ist. Einmal im Jahr klinkt er sich für einen oder zwei Monate aus und reist in die Ferne, um an seinem Langzeitprojekt weiterzuarbeiten. Die Reiseziele wählt er selber aus. Nur ein Übersetzer begleitet ihn. Schade sagt:

«Mein Übersetzer muss den Leuten erklären können, warum ich ein Foto machen will.»

Wenn er zum Beispiel junge Israeli fotografieren wolle, die sich für die Eliteabteilung der Armee bewerben, brauche er eine Bewilligung.

Die wenigsten seiner Motive finde er einfach so auf der Strasse. Die Recherchen für seine Reisen seien zeitaufwendig. Und trotz aller Vorbereitung kann er nicht jede brenzlige Situation vermeiden. Schade erzählt von einer Grenzkontrolle durch die Hamas, bei der ihm seine Kameras abgenommen wurden. Oder von einem nervös gewordenen jüdischen Siedler, der eine Waffe hinter dem Rücken versteckte. Da habe er Angst gehabt.

Asylzentren, Museen und Gedenkstätten

Meinrad Schade ist in Kreuzlingen aufgewachsen und hat in Zürich Biologie studiert. Ein Mitbewohner seiner Studenten-WG hatte ein eigenes Fotolabor im Keller. Darin machte Schade seine ersten fotografischen Versuche. Nach dem Studienabschluss setzte er voll und ganz auf die Fotografie.

Ende der 1990er-Jahre beginnt er mit einer Reportage über Kosovo-Albaner in Schweizer Asylzentren. Später reist er in die Staaten der ehemaligen Sowjetunion und interessiert sich für Museen und Gedenkstätten. In Kiew ist er besonders beeindruckt vom Museum des «Grossen Vaterländischen Krieges», wie der Zweite Weltkrieg in der ehemaligen Sowjetunion genannt wird. Es sei längst nicht nur bei Kriegsveteranen beliebt, sondern auch bei jungen Leuten:

«Ich realisierte, wie präsent der Krieg noch immer ist, obwohl er Jahrzehnte zurückliegt.»

Für Schade war es ein Schlüsselerlebnis und der Beginn seines Langzeitprojekts. Dieses will er weiter fortführen. Er weiss auch schon wie. Als Arbeitstitel dient ihm «Krieg im Film».

Hinweis

Künstlergespräch «Unresolved - Meinrad Schade» im Palace St.Gallen, Mittwoch 9. Oktober 2019, Beginn 20.15 Uhr, Türöffnung 19.45 Uhr, Eintritt frei. www.meinradschade.ch

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