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«Ich lebe nur noch für meine Kinder» – Ein abgewiesener Asylsuchender aus Wittenbach sucht in einem anderen Land eine Zukunft

Wittenbacher engagieren sich für einen Asylsuchenden aus Eritrea. Vergeblich: Der Mann muss die Schweiz verlassen. Nach einem Monat im kantonalen Ausreisezentrum entscheidet er sich für die Obdachlosigkeit.
Adrian Lemmenmeier
Im Kanton St.Gallen leben gut 200 abgewiesene Asylsuchende. (Bild: Symbolbild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Im Kanton St.Gallen leben gut 200 abgewiesene Asylsuchende. (Bild: Symbolbild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Konsterniert schaut Erich Huber auf den Tisch. Darauf liegen Arbeitszeugnisse, ausgedruckte E-Mails, ein Gerichtentscheid. Der Präsident der Wittenbacher Läufergruppe hat sich zusammen mit Leuten aus der evangelischen Kirchgemeinde Tablat, dem Solidaritätsnetz Ostschweiz und verschiedenen Privatpersonen ein halbes Jahr lang für das Bleiberecht eines eritreischen Asylsuchenden eingesetzt. Der junge Mann – nennen wir ihn Daniel – hat bis vor kurzem in Wittenbach gewohnt. Als er und seine Lebensgefährtin im Oktober einen negativen Asylentscheid erhielten, hat die Gruppe eine Laienbeschwerde beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht. Diese wurde nun abgewiesen – und Daniel erhielt einen eingeschriebenen Brief. «Sie müssen die Schweiz verlassen», steht darauf in fetten Lettern.

«Es ist bitter, dass wir ihm nicht mehr helfen konnten», sagt Huber. Viereinhalb Jahre hat Daniel in der Schweiz gewohnt. «Er hat sich in Wittenbach vorbildlich integriert, spricht sehr gut Deutsch, war allseits beliebt und immer hilfsbereit», sagt Huber. Um dies zu belegen, hat Huber gut 500 Unterschriften gesammelt.

«Auch Leute, die der Zuwanderung kritisch gegenüberstehen, waren angetan von ihm, unterschrieben das Papier oder spendeten Geld.»

Für Huber ist klar: Der junge Eritreer wäre eine Bereicherung für die Schweizer Gesellschaft. Wäre. Denn unterdessen hat Daniel die Schweiz verlassen. Er sucht sich in einem anderen europäischen Land eine Zukunft.

Ohne Perspektive, ohne Familie

Am Tag vor seiner Abreise sitzt Daniel in einem Park in St.Gallen. Er spricht ruhig, gefasst, beinahe akzentfrei. «Ich habe hier keine Hoffnung mehr», sagt er. 2015 ist Daniel nach eigenen Angaben aus Eritrea zu Fuss in den Sudan geflüchtet – aus Angst, zum zweiten Mal in die Armee eingezogen zu werden. Er reiste weiter nach Libyen. Dann übers Mittelmeer nach Italien. Dann mit dem Zug in die Schweiz, wo er Asyl beantragte.

Daniel ist einer von etwa 200 abgewiesenen Asylsuchenden im Kanton St.Gallen, deren Aufenthalt bekannt ist. Sie sind illegal in der Schweiz, dürfen nicht arbeiten, haben nur Recht auf Nothilfe. Nur wer einen persönlichen Härtefall geltend machen kann, hat noch eine Chance auf die Legalisierung seines Daseins. Im November hat Sicherheits- und Justizdirektor Fredy Fässler angekündigt, die Situation dieser Menschen von Amtes wegen überprüfen zu lassen.

Das Migrationsamt stellt für Leute, die gewisse Bedingungen erfüllen, beim Staatssekretariat für Migration (SEM) einen Antrag um Erteilung einer Härtefallbewilligung. Diese Bedingungen sind: mindestens fünf Jahre Aufenthalt in der Schweiz, fortgeschrittene Integration, Deutschkenntnisse, Aussicht auf Arbeit, keine Vorstrafen, gültige Reisepapiere.

Daniel und seine Unterstützer schöpften Hoffnung. Denn der junge Mann schien fast alle Voraussetzungen mitzubringen. Es fehlte nur ein halbes Jahr Aufenthaltsdauer, dann könnte er immerhin ein Härtefallgesuch beantragen – so die Idee. Gemeinsam mit dem Wittenbacher Gemeindepräsidenten Oliver Gröble – auch er hatte vor seiner Wahl das Unterstützungspapier für Daniel unterschrieben – erkundigte sich Erich Huber beim Migrationsamt über das genaue Vorgehen. Sie wurden enttäuscht. In der Praxis gelte für junge, gesunde Alleinstehende nicht fünf Jahre Mindestaufenthaltsdauer – sondern etwa neun, hiess es beim Amt. Jürg Eberle, Leiter des Migrationsamtes St.Gallen, bestätigt die Auskunft. «Die Voraussetzungen für ein Härtefallgesuch sind in zeitlicher Hinsicht nicht gegeben.»

Verzicht auf diffuse Hoffnung

Noch etwa viereinhalb Jahre müsste Daniel also warten. Viereinhalb Jahre illegal in der Schweiz leben, mit der vagen Hoffnung, einst vielleicht eine humanitäre Aufenthaltsbewilligung zu erhalten. Für ihn würde das auch bedeuten, dass er seinen Sohn viereinhalb Jahre nicht sehen würde. Denn Daniels Lebensgefährtin hat die Schweiz im Oktober mit ihrem gemeinsamen, in der Schweiz geborenen Kind verlassen – in einer panischen Reaktion auf den negativen Asylentscheid. «Ich will nicht, dass mein Sohn ohne mich aufwächst», sagt Daniel. Bei der Flucht aus Eritrea habe er schon seine Tochter zurücklassen müssen. «So etwas soll mir nicht noch einmal passieren.»

Einst ausgereist, dürfte Daniel kaum Chancen haben, in der Schweiz irgendwann doch noch eine Härtefallbewilligung zu erhalten. Die Familie sei ihm aber wichtiger als eine diffuse Hoffnung. «Ich lebe nur noch für meine Kinder», sagt er. Sie sollen einst ein normales Leben führen. Doch wird Daniel vorerst nicht mit seiner Familie wohnen können. Denn seine Frau und sein Sohn befinden sich in einer Institution für alleinstehende Frauen mit Kindern. So wird sich der junge Mann auf der Strasse durchschlagen. Ein Zelt habe er schon besorgt. Hat er Angst vor dem Dasein in der Obdachlosigkeit? «Ich habe viel erlebt», sagt er ruhig. Angst spüre er kaum mehr.

2018 wurden 1298 Personen zurückgeführt

Den letzten Monat in der Schweiz hat Daniel im kantonalen Ausreisezentrum Sonnenberg in Vilters verbracht. Dem Ort, der seit Beginn dieses Jahres abgewiesenen Asylsuchenden gemäss Migrationsamt «die Aussichtslosigkeit eines längeren Aufenthaltes in der Schweiz aufzeigen soll».

Er habe es dort kaum ausgehalten, sagt Daniel. Die Mehrheit der Menschen im Zentrum habe jegliche Hoffnung aufgegeben. Diese depressive Stimmung sei ansteckend. Auch Daniel begann, sich abzukapseln, besuchte immer weniger seine Bekannten in Wittenbach und St.Gallen. Auch hörte der begeisterte Langstreckenläufer auf, Sport zu treiben. Seinen Freunden zufolge war er psychisch angeschlagen, pflegte sich kaum mehr, wirkte matt.

Ziel des Ausreisezentrums Sonnenberg ist, dass Abgewiesene in ihr Heimatland zurückkehren. Die Schweiz stellt ihnen Rückkehrhilfe zur Verfügung. Eine Option für Daniel? «Wenn Eritrea ein freies Land wäre, würde ich sofort zurückkehren», sagt er. Doch so fürchte er, wieder in den Nationaldienst eingezogen zu werden, fürchte sich vor Repressionen. (siehe Infobox)

So verlässt Daniel zwar die Schweiz, nicht aber Europa. Wird er im Schengenraum kontrolliert, wird er zurück in die Schweiz überstellt, so will es das Dublin-Abkommen. 1298 Personen wurden 2018 zurück in die Schweiz gebracht, 74 in den Kanton St.Gallen. Dagegen sind 5425 Leute schweizweit abgereist, ohne sich abzumelden, 317 aus dem Kanton St.Gallen. «Einige dieser Personen kehren in ihr Heimatland zurück, andere tauchen unter – hier oder im Ausland», sagt Migrationsamtsleiter Eberle. Wobei es im Ausland einfacher sei, in der Anonymität abzutauchen als in der sozial engmaschigen Schweiz. Würde Daniel in die Schweiz zurückgebracht, würde er wieder bei Nothilfe im Ausreisezentrum Vilters untergebracht. Er könnte von neuem Asyl beantragen.

Erich Huber trifft Daniel ein letztes Mal. Am Bahnhof übergibt er ihm einen Brief, in dem steht, wie sehr er von vielen Leuten gemocht wurde. Er soll Daniel auch als Zeugnis von seinem gutem Charakter dienen. Dazu Geschenke, Spielsachen für Daniels Sohn. Ein letzter Kaffee im Bahnhofsbuffet. Dann geht der Zug.

Fluchtgrund Nationaldienst

Gemäss Staatssekretariat für Migration (SEM) ist der eritreische Nationaldienst nach wie vor eine der häufigsten Gründe für die Flucht aus Eritrea. «Wer im Militär dient, hat derzeit praktisch keine Aussicht auf Entlassung», schreibt das SEM auf seiner Website (Stand: März 2019). Die eritreische Regierung sieht den Dienst als Projekt zum Staatsaufbau, zu dem alle Bürger – Männer und Frauen – verpflichtet sind. Er hat einen militärische und einen zivilen Teil. «Berichte dokumentieren Menschenrechtsverletzungen vor allem im militärischen Teil des Nationaldienstes», heisst es auf der Website des SEM weiter. «Soldaten werden oft wegen Kritik an Vorgesetzten oder geringer Verstösse gegen die Ordnung verhaftet und unter Umständen gefoltert.»

Nur freiwillige Rückkehr möglich
In der Schweiz haben viele Eritreer wegen des Nationaldiensts Asyl erhalten. Die Asylrekurskommission hatte 2005 entschieden, dass eritreische Deserteure als Flüchtlinge anzuerkennen sind. In der Folge stieg die Anzahl Asylgesuche aus Eritrea von 253 auf 1207 (2006). Seit 2012 gilt Dienstverweigerung allerdings nicht mehr automatisch als Asylgrund. Und 2017 urteilte das Bundesverwaltungsgericht, dass eine Wegweisung nach Eritrea nicht generell unzumutbar ist. Das SEM überprüft seither den Status von gut 3400 vorläufig aufgenommenen Eritreern. Weil zwischen Eritrea und der Schweiz kein Abkommen besteht, können abgewiesene Asylsuchende allerdings nicht zwangsweise zurückgeschafft werden. Hilfsorganisationen kritisieren, dass deshalb viele Menschen unnötig in die Illegalität und Nothilfe abgedrängt werden. (al)

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