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«Ich glaube, dass Firmen die Lebensdauer von Produkten vorsätzlich einschränken»: In St.Gallen eröffnet das erste dauerhafte Repair Café

Flicken statt wegwerfen: Ein Verein eröffnet das erste dauerhafte Repair Café der Stadt.
Diana Hagmann-Bula
Samuel Passler und Carmen Cepon vom Verein Repair Café St. Gallen wollen das Reparieren wieder beliebt machen. (Bild: Lisa Jenny)

Samuel Passler und Carmen Cepon vom Verein Repair Café St. Gallen wollen das Reparieren wieder beliebt machen. (Bild: Lisa Jenny)

Samuel Passler liebt seinen Computer. Das Gehäuse ist 15 Jahre alt. Es hat schon fünf verschiedene Rechner beherbergt. Der Elektroniker ärgert sich über die Wegwerfmentalität der Gesellschaft. Und über die geplante Obsoleszenz: «Ich glaube, dass Firmen die Lebensdauer von Produkten vorsätzlich einschränken, damit wir mehr kaufen», sagt der 33-Jährige. Er sortiert Geräte nicht aus, er repariert sie. Schraubt auseinander, setzt Ersatzteile ein, schraubt wieder zusammen.

Bisher hat Passler zu Hause für sich alleine geflickt, gelegentlich an öffentlichen Anlässen. Bald ist er regelmässig als Elektrodoktor im Einsatz. Der Rorschacherberger ist Präsident des neu gegründeten Vereins Repair Café St.Gallen. Das Ziel: Andere Menschen ab Dezember beim Reparieren unterstützen und auch ein bisschen die Welt retten. «Wer repariert, schont schliesslich die Ressourcen unseres Planeten», betont Carmen Cepon, die mit Samuel Passler und Stefan Frischknecht im Vereinsvorstand sitzt.

Spenden in Form von Arbeit und Werkzeug willkommen

Die Stadt stellt dem Verein einen Raum im zwischengenutzten ehemaligen Schulhaus Tschudiwies zur Verfügung.

Die Betriebskosten übernimmt die Gruppe. Sie will sie mit Mitgliederbeiträgen decken, hofft aber auch auf Spenden in Form von Arbeit und Material. «Wir brauchen noch Reparateure, die mithelfen», sagt Cepon.

Eine Industrienähmaschine und eine Lötstation, einen Heissluftfön sowie Stühle, Tische und Hängeschränke für das Material nimmt der Verein ebenfalls gerne entgegen.

«Zu Beginn arbeiten wir mit unseren privaten Werkzeugen, mit der Zeit soll der Verein aber über eigenes Equipment verfügen.»

Man starte simpel, sagt Cepon. Und meint damit: mit einer Reparaturecke für Geräte und einer für Textilien, beide in einem kleinen Raum untergebracht. «Einen Platz zum Kaffeetrinken, wo man fachsimpeln kann, wird sich dennoch finden», sagt Passler. Der Verein habe sich für das ehemalige Schulhaus entschieden, weil vom Quartierverein für Veranstaltungen gemietete Räume mitbenützt werden können. «Dann lassen sich auch Velos oder Stühle aufbessern, falls Nachfrage besteht. Wir schauen nun, wie sich das Angebot herumspricht», sagt Passler. Erst dann werden Startdatum und Intervall bestimmt.

Erstes Repair Café des Vereins

Erste Veranstaltung des Vereins: 29. November, 16 bis 19 Uhr, im Werkgarten Pop-Up an der Metzgergasse 23.

Die Bewegung wird immer grösser

Cepon, gelernte Textildesignerin, engagiert sich seit 2014 für eine bessere Reparierkultur. Damals veranstaltete sie mit Iris Betschart im «Kaffeehaus» eines der ersten Treffen in der Stadt, an dem Besucher defekte Gegenstände flicken lassen konnten.

«Seither wird die Bewegung immer grösser. In Winterthur gibt es zwei fixe Repair Cafés, in der Ostschweiz noch keines. In der Stadt hat ein dauerhaftes Angebot bisher gefehlt», sagt Cepon. Immer wieder würden sich Menschen bei ihr beklagen, bei Reparaturbetrieben abgeblitzt zu sein.

«Flicken lohne sich finanziell nicht, bekommen sie zu hören.»

Neue Geräte kosten immer weniger, Reparaturen immer mehr, ein unökologischer Kreislauf, den der Verein unterbrechen will.

Samuel Passler hält eine Leiterplatte in der Hand, zeigt auf Kleinstteile und sagt: «Früher hatten sie alle eine Nummer und Bezeichnung. Nun fehlen sie. Man weiss nicht mehr, was drin steckt, was diese Komponenten genau können.» Er fordert diese Informationen von den Herstellern zurück, ebenso detaillierte Bauanleitungen. Und damit das Recht auf Reparatur, worüber die EU gerade debattiert.

Reparieren und über Elektroschrott-Slums reden

Manche würden Passler wohl als Nerd bezeichnen, er selber sieht sich als Aufklärer. Im Rahmen des Repair Cafés will er auf die riesigen Elektroschrotthalden in Afrika hinweisen. «Dort schmelzen Arbeiter, darunter Kinder, Plastikverkleidungen von Kabeln sowie Pneus ein, um an Rohstoffe wie Kupfer zu kommen», sagt er. Die Umweltorganisation Greenpeace thematisiert die Altgeräte-Slums immer wieder. Die Schadstoffbelastung in Luft und Boden dort übersteige den unbedenklichen Wert um das 50-Fache, heisst es.

Passler träumt von einer vorgeschriebenen Lebensdauer für Handys, die längst auch ein Statussymbol sind. Die Produzenten nutzen das aus und profitieren von der sogenannten psychologischen Obsoleszenz: Sie stellen Neuheit um Neuheit vor und verleiten den Konsumenten so zum modernsten Gerät, obwohl das alte noch mehr als genügt. Gesetze zu erlassen, daure in der Regel Jahre, sagt Passler. «Deshalb fangen wir schon einmal von unten an. Und bringen den Menschen wieder bei, dass und wie man reparieren kann.»

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