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«Das ist doch unmenschlich»: Wittenbacher wehren sich gegen die Ausweisung eines Eritreers

Er hat sich überdurchschnittlich rasch integriert, spricht fliessend Deutsch und will unbedingt arbeiten. Doch nach vier Jahren muss der Eritreer Weldeab Mengsteab die Schweiz verlassen. Das will man in Wittenbach nicht einfach so hinnehmen.
Corinne Allenspach
Weldeab Mengsteab im Kirchenzentrum Vogelherd. «Ich bin dankbar, dass sich so viele für mich einsetzen.» (Bild: Beat Belser)

Weldeab Mengsteab im Kirchenzentrum Vogelherd. «Ich bin dankbar, dass sich so viele für mich einsetzen.» (Bild: Beat Belser)

Erich Huber ist schwer beladen. Allein der ausgedruckte E-Mail-Verkehr von vergangener Woche füllt 22 A4-Seiten. Hinzu kommen Dutzende Dokumente verschiedener Ämter und Behörden, alle in einem Ordner abgelegt unter dem Titel «Projekt Bleiberecht Familie Mengsteab». Der Präsident der Läufergruppe Wittenbach räumt ein:

«Ich würde nicht für jeden Menschen so viel Aufwand betreiben.»

Aber für Weldeab schon. Denn seit Jahren beweise der Eritreer, dass er eine Bereicherung für die schweizerische Gesellschaft sein möchte und könne. «Weldeab ist sehr hilfsbereit, zurückhaltend, bescheiden und extrem arbeits- und integrationswillig», sagt Huber.

«Ich würde nicht für jeden Menschen so viel Aufwand betreiben.» Erich Huber, Präsident Läufergruppe Wittenbach

«Ich würde nicht für jeden Menschen so viel Aufwand betreiben.»
Erich Huber, Präsident Läufergruppe Wittenbach

Nur: Anfang Oktober hat Weldeab Mengsteab vom Staatssekretariat für Migration (SEM) den Wegweisungsentscheid erhalten. Nach vier Jahren in der Schweiz muss er seine Wohnung in Wittenbach am 28. November räumen. In der Gemeinde ist man bestürzt. «Weldeab hat sich überdurchschnittlich schnell integriert», sagt Ueli Bächtold, Diakon der evangelischen Kirchgemeinde Tablat. Er spreche einwandfrei Deutsch und habe jede Gelegenheit genutzt, freiwillig zu helfen und sich weiterzubilden.

«Zudem hat der Staat schon so viel Geld ausgegeben für die Integration. Es kann nicht sein, dass das alles vergeblich war.»

«Es kann nicht sein, dass das alles vergeblich war.» Ueli Bächtold, Diakon Evangelisch Tablat

«Es kann nicht sein, dass das
alles vergeblich war.»
Ueli Bächtold, Diakon Evangelisch Tablat

Das Solidaritätsnetz Ostschweiz, die ökumenische Kirchgemeinde Halden, Evangelisch Tablat und Privatpersonen versuchen darum alles, damit Weldeab Mengsteab in Wittenbach bleiben kann. «Es ist das erste Mal, dass sich unsere Kirche so einsetzt für einen Flüchtling», sagt Bächtold.

Unter Federführung von Erich Huber wurde diese Woche beim Bundesverwaltungsgericht St. Gallen eine Laienbeschwerde gegen die Wegweisung eingereicht. «Wir haben es gern getan», werden Huber und Bächtold am Ende des Gesprächs im Kirchenzentrum Vogelherd sagen. «Und jetzt drücken wir die Daumen und hoffen.»

Dienstuntauglich nach schweren Verbrennungen

Hoffen, das tut auch Weldeab Mengsteab. Und zwar seit Jahren. Im September 2014 gelangte der heute 29-Jährige in die Schweiz, nachdem er ein halbes Jahr vorher zu Fuss illegal von Eritrea in den Sudan geflüchtet war. «Mein Ziel war nie, in die Schweiz zu kommen», betont der Eritreer. Eigentlich habe er im Sudan bleiben wollen, aber da sei es so schlimm gewesen wie in der Heimat.

In Eritrea hat er acht Monate militärische Grundausbildung absolviert, 2009 wurde er für dienstuntauglich erklärt. Danach arbeitete er als Bauer, bis er erneut ein Aufgebot erhielt. In eine Spezialeinheit habe man ihn zwingen wollen. Aus Angst vor einem erneuten Einzug beziehungsweise einer Verhaftung im Falle von Dienstverweigerung flüchtete er. Seine Frau und die damals wenige Monate alte Tochter musste er zurücklassen, da es für sie zu gefährlich gewesen wäre.

Und warum galt er als dienstuntauglich? «Ich hatte schwere Verbrennungen», sagt Mengsteab. Es war ein Unfall. Beim Lesen sei er eingeschlafen und eine brennende Öllampe auf seinen Körper gefallen. «Wollen Sie sehen?» Vorsichtig zieht er T-Shirt und Hemd aus dem Hosenbund. Die vernarbte Haut reicht vom Bauchnabel bis zum Brustkorb.

Laufen, um zu vergessen

Die körperlichen Wunden sind inzwischen verheilt, die seelischen nicht. Bereits im Oktober 2016 hatte das SEM die Asylgesuche von Weldeab Mengsteab und seiner Frau Mislal abgelehnt, die in die Schweiz nachgekommen war und vor zwei Jahren einen Sohn gebar. Gegen die Wegweisung erhob der Rechtsvertreter Beschwerde. Zwei Jahre musste die Familie auf eine Antwort warten, zwei Jahre im luftleeren Raum leben. «Das war extrem schwierig», sagt Weldeab Mengsteab.

Etwas Ablenkung gefunden hat er im Laufsport. Längst ist er in der Läufergruppe Wittenbach ein bewundertes Mitglied. «Weldeab läuft uns allen davon», sagt Huber, der weiss, wie wichtig das Lauftraining für Körper und Psyche des Eritreers ist. «Noch wichtiger wäre aber, dass er arbeiten könnte.»

Nach seiner Ankunft in der Schweiz lebte der Eritreer im Zentrum für Asylsuchende Neckermühle.

«Das war die schönste Zeit meines Lebens. Ich konnte jeden Tag in der Werkstatt arbeiten.»

Seither war nur noch Freiwilligenarbeit erlaubt. Was würde er denn gerne arbeiten, wenn er dürfte? «Ich würde alles machen», sagt er. Am allerliebsten Elektromechaniker oder Schreiner.

Die Angst vor Behördenwillkür ist gross

Für Weldeab Mengsteab ist klar: «Ich gehe auf keinen Fall freiwillig nach Eritrea zurück.» Zu gross ist die Angst vor der Willkür der Behörden und möglicher Repressalien wegen seiner illegalen Ausreise. Geradezu panisch reagierte seine Frau auf den Wegweisungsentscheid. Sie flüchtete im Oktober Hals über Kopf mit dem Sohn nach Paris. «Weil sie gehört hat, Frauen mit Kindern hätten dort bessere Chancen», sagt ihr Mann, der damit nicht nur das Bleiberecht, sondern seine ganze Familie verloren hat. Hauptbegründung des SEM für die Wegweisung sei, dass es wichtig wäre, zur Tochter zurückzukehren, die heute bei Weldeabs Mutter in Eritrea lebt, sagt Ueli Bächtold.

Die Wittenbacher sehen das anders, wie sie in ihrer Beschwerde schreiben: «Jedoch ist gerade die bis heute andauernde Trennung von der geliebten Tochter ein Beweis dafür, dass es für Weldeab Mengsteab, der sich seit seiner Ankunft in der Schweiz als verantwortungsbewusstes Familien- und Gemeindemitglied bewies, unzumutbar ist, in sein Heimatland zurückzukehren.»

Wann und wie das Bundesverwaltungsgericht auf die Beschwerde reagieren wird, kann Erich Huber nicht abschätzen. «Wir versuchen einfach, das Bestmögliche aus dieser prekären Situation herauszuholen.» Schliesslich handle es sich um einen Menschen, der aus Angst in die Schweiz gekommen sei und sich hier vier Jahre lang mustergültig integriert habe.

«Und jetzt lässt man ihn einfach hängen. Das ist doch unmenschlich.»

Kirche und Solinetz handeln auf eigene Faust

Mit dem Wegweisungsentscheid fällt für Weldeab Mengsteab ab Ende November auch die finanzielle Unterstützung durch die Gemeinde weg. Er erhält künftig nur noch Nothilfe. Diese reicht zum Überleben, aber nicht zum Leben.

Soweit will man es in Wittenbach nicht kommen lassen. «Wir versuchen nun auf eigene Faust eine Wohnung für Weldeab zu finden und seinen Lebensunterhalt mit Spenden zu finanzieren», sagt Huber. Zudem werde man mit dem Kanton abklären, was möglich sei im Bereich Arbeiten. Der Beschwerde ans Gericht hat Huber noch «ein kleines Gedicht christlichen Glaubens» beigelegt. Manchmal helfe das, glaubt er. Den Seitenkopf ziert ein grosses Herz.

Verschärfte Asylpraxis für Eritreer

Seit 2016 gilt in der Schweiz eine verschärfte Asylpraxis für Eritreer. Eine illegale Ausreise reicht nicht mehr für einen Asylgrund. Für Personen, die vom Nationaldienst befreit oder aus diesem entlassen wurden, gilt eine Rückkehr grundsätzlich als «zumutbar». Bis zu 3200 Eritreer sollen dadurch in der Schweiz ihre vorläufige Aufnahme verlieren. Eritrea akzeptiert allerdings lediglich «freiwillige» Rückkehrer. Im September liess sich Mario Gattiker, Staatssekretär für Migration, im «Blick» folgendermassen zitieren. «Ich sage hier ganz deutlich, dass es derzeit nicht möglich ist, abgewiesene Asylsuchende zwangsweise nach Eritrea zurückzuführen, weil das die eritreische Regierung nicht ermöglicht».

Abgewiesene Asylsuchende, die in der Schweiz bleiben, werden zu Sans-Papiers und erhalten noch Nothilfe. Für verschiedene Hilfswerke ist das eine unbefriedigende Situation, wie sie im April 2018 in einem offenen Brief an Bundesrätin Simonetta Sommaruga schrieben. «Solange die Lage in Eritrea unsicher ist, können Betroffene nicht in ihr Heimatland zurückkehren und bleiben in der Schweiz», fordern sie. Diese Menschen in die Nothilfe abzudrängen und von der Integration auszuschliessen sei keine Lösung. (cor)

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