Interview

«Ich bin keine Parteisoldatin»: Darum will Martina Wäger Gemeindepräsidentin von Mörschwil werden

Im Interview sagt Martina Wäger, die als Gemeindepräsidentin von Mörschwil kandidiert, warum sie das Amt will, was sie anders machen würde als ihr Vorgänger und warum sie nun der CVP beitritt.

Interview: Perrine Woodtli
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«Ich bin nicht der Typ, der den Mittelpunkt sucht»: Martina Wäger will am 27. September zur Mörschwiler Gemeindepräsidentin gewählt werden.

«Ich bin nicht der Typ, der den Mittelpunkt sucht»: Martina Wäger will am 27. September zur Mörschwiler Gemeindepräsidentin gewählt werden.

Urs Bucher

Mörschwil könnte 2021 seine erste Gemeindepräsidentin erhalten. Letzte Woche wurde bekannt, dass Martina Wäger kandiert. Eine überparteiliche Findungskommission schlägt die 32-jährige Juristin für die Nachfolge von Paul Bühler vor.

Sie sind eine politische Quereinsteigerin, wollen aber gleich Chefin werden. Sind Sie dieser Aufgabe überhaupt gewachsen?

Martina Wäger: Es mag vielleicht etwas seltsam anmuten, dass jemand ohne politische Erfahrung gleich Präsidentin werden will. Ich habe diese Aufgabe nicht gesucht, denke aber, dass ich ihr gewachsen bin. Mein juristischer Hintergrund ist mir dabei sicherlich behilflich. Ich bin es gewohnt, verschiedene Sachverhalte und Dossiers zu bearbeiten, Strategien festzulegen und vieles parallel zu erledigen. Auch eine Gemeindepräsidentin muss schnell und strukturiert denken und Sachenverhalte einordnen können.

Zur Person

Martina Wäger arbeitet seit vier Jahren als Rechtsanwältin und Notarin bei der Schochauer AG. Die Anwaltskanzlei hat ihren Sitz in St. Gallen. Zu Wägers Spezialgebieten gehören das Bau- und Immobilienrecht sowie das Vertragsrecht.

Die Juristin mit Jahrgang 1987 ist zudem Dozentin an den Kaderschulen St. Gallen. Dort unterrichtet sie im Fachbereich Immobilien, Baurecht und Obligationenrecht. Martina Wäger studierte an der Universität St. Gallen, wo sie 2013 mit dem Master in Rechtswissenschaften abschloss. 2015 erlangte sie ein Anwaltspatent.

Martina Wäger ist in Mörschwil aufgewachsen. Heute wohnt sie mit ihrem Partner in Rorschacherberg. Zwischenzeitlich lebte sie in Zürich, wo sie das Anwaltspraktikum absolvierte. In ihrer Freizeit spielt sie Baritonsaxofon. Seit 2013 präsidiert Wäger zudem die Bürgermusik Mörschwil, wo sie bereits seit 2005 Mitglied ist. Dieses Amt gibt sie nächstes Jahr ab. (woo)

Was für Qualifikationen bringen Sie sonst noch mit?

Mir liegt der Umgang mit Menschen. Ich finde einen guten Draht zu den Leuten. Ansonsten bin ich vom Typ her eher ruhig, sachlich und lösungsorientiert. Ich bin kompromisssuchend, unkompliziert und kritikfähig, auch das sind Attribute, die man mitbringen sollte. Deshalb bin ich zum Schluss gekommen, dass ich mir dieses Amt zutraue. Aber ich habe natürlich auch grossen Respekt davor und nehme es nicht auf die leichte Schulter.

Martina Wäger könnte bald hier arbeiten: das Gemeindehaus von Mörschwil.

Martina Wäger könnte bald hier arbeiten: das Gemeindehaus von Mörschwil.

Hanspeter Schiess

Sie sagen, dass Sie selber nicht auf die Idee gekommen wären, für das Gemeindepräsidium zu kandidieren. Wieso nicht?

Ich bin sehr glücklich in meinem heutigen Job. Darum hatte ich auch nicht aktiv nach etwas Anderem gesucht. In den letzten zwei Jahren wurde ich aber wiederholt auf eine Kandidatur angesprochen. Zunächst habe ich das aber nicht genauer verfolgt.

Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Ich habe eine Kandidatur nach und nach reflektiert. Auch durch die Gespräche mit meinem Umfeld habe ich dann realisiert, dass dieses Amt auf mich zugeschnitten ist und mir diese abwechslungsreiche Arbeit gefallen würde.

Sie präsidieren die Bürgermusik Mörschwil. Nächstes Jahr wollen Sie den Ton in der Gemeinde angeben. Was wären Sie für eine Gemeindepräsidentin? Eine Dorfkönigin?

Ich bin nicht der Typ, der den Mittelpunkt sucht und um jeden Preis in der Zeitung erscheinen will. Ich bin eher die stille Schafferin, die Projekte aktiv angeht, vorwärts macht und etwas gestalten will. In die Verwaltung würde ich einen modernen Führungsstil mitbringen.

Eine Dorfkönigin will Martina Wäger nicht sein, aber einen «modernen Führungsstil» in die Verwaltung mitbringen.

Eine Dorfkönigin will Martina Wäger nicht sein, aber einen «modernen Führungsstil» in die Verwaltung mitbringen.

Ralph Ribi

Was heisst modern?

Dass man miteinander auf Augenhöhe diskutiert, Vertrauen in die Mitarbeiter hat und auch Arbeiten delegiert. Auch ein gutes Arbeitsklima ist mir ein Anliegen.

Sie wären eine eher jüngere Amtsträgerin. Zudem wären Sie weitherum die einzige Gemeindepräsidentin. Im Kanton gibt es derzeit nur neun Frauen in diesem Amt. Ist das ein Thema für Sie?

Ich habe mir das gar nicht überlegt. Ich bin es gewohnt, mit Männern zusammenzuarbeiten. Auch die Anwaltsbranche ist ein eher männerdominiertes Umfeld. Zudem bin ich mit drei Brüdern aufgewachsen. Es wäre aber sicher erfreulich, wenn die Anzahl Gemeindepräsidentinnen steigen würde. Dieses Amt eignet sich ebenso gut für Frauen wie für Männer. Zum Alter: Es gab schon viele andere junge Gemeindepräsidenten. Paul Bühler wurde ja auch in diesem Alter gewählt. So eine Sensation wäre das also nicht.

Sie sind parteilos, treten nun aber der CVP bei. Mörschwil ist seit über 60 Jahren in der Hand der Christlich­demokraten. Fühlen Sie sich der Partei wirklich verbunden oder glauben Sie einfach, dass man in ­Mörschwil nur als CVPlerin gewählt wird?

Ich glaube nicht, dass meine Chancen als CVP-Mitglied viel grösser sind, als wenn ich parteilos kandidieren würde. Gleich in mehreren Gemeinden haben in der Vergangenheit Parteilose das Rennen gemacht. Ich fühle mich der CVP am nächsten und stimme in vielen Punkten mit der Parteimeinung überein, bin aber keine Parteisoldatin. Ich möchte jedoch gerne eine Basis hinter mir haben und nicht als Parteilose antreten.

Würde einen Wahlkampf nicht scheuen: Martina Wäger.

Würde einen Wahlkampf nicht scheuen: Martina Wäger.

Ralph Ribi

Die überparteiliche ­Kommission empfiehlt einzig und einstimmig Sie. Haben Sie die Wahl auf sicher?

Man weiss nie, was noch passiert und es ist überhaupt nicht gesagt, dass ich das schaffe. Es können ja immer noch andere Leute kandidieren. Ich bin nach wie vor überrascht, dass die Kommission nur mich vorschlägt. Ich denke, für die Bevölkerung wäre eine Auswahl schön.

Aber Sie sind auch nicht traurig, wenn es zu keiner Kampfwahl kommt.

Ich wäre sicher nicht unglücklich. Aber ich würde einen Wahlkampf auch nicht scheuen. Ein solcher kann auch bereichernd sein. Ich gehe diese Sache relativ unverkrampft an.

Sie leben heute in Rorschacherberg. Wieso nicht in Mörschwil?

Ich und mein Partner, der in Rorschacherberg aufgewachsen ist, haben auch in Mörschwil Ausschau nach einem Zuhause gehalten. Es war aber nicht ganz einfach, etwas Passendes zu finden. Wir haben uns dann in ein Haus in Rorschacherberg verliebt.

Mörschwil gilt als reiche Gemeinde, in der sich Millionäre wohlfühlen. Was gefällt Ihnen denn am Dorf?

Mörschwil ist eine lebhafte Gemeinde, die eine hohe Lebensqualität bietet, nicht nur wegen der tiefen Steuern. Mörschwil hat ein aktives Dorfleben und ist keine Schlafgemeinde. Es gibt viele Leute, die sich engagieren. Das schätze ich sehr. Mörschwil liegt mir am Herzen.

Martina Wäger ärgert sich darüber, dass sich Bauprojekte der öffentlichen Hand oft sehr lange hinziehen – wie etwa beim «Freihof».

Martina Wäger ärgert sich darüber, dass sich Bauprojekte der öffentlichen Hand oft sehr lange hinziehen – wie etwa beim «Freihof».

Michel Canonica

Und was gefällt Ihnen nicht?

Mich ärgert, dass sich Bauprojekte der öffentlichen Hand oft sehr lange hinziehen wegen Rechtsmitteln, etwa das neue Pflegezentrum oder der Freihof.

Welche Herausforderungen gibt es in Mörschwil?

Es gibt einige Vorhaben. Dazu gehört sicher die Zonenplanrevision. Das wäre etwas, was ich gerne weiterführen würde, da ich auch jetzt viel mit Baurecht zu tun habe. Weitere Themen sind unter anderem das Glasfasernetz, der digitale Auftritt der Gemeinde und bauliche Entwicklungen. Was auch kommen könnte, ist die Einheitsgemeinde. Das ist sicher etwas, was zu prüfen ist.

Wenn Paul Bühler Ende Jahr geht, wird er 29 Jahre im Amt gewesen sein. Sind Sie auch eine Sesselkleberin?

Nein. Ich habe nicht vor, diesen Job bis zu meiner Pension zu machen. Ich glaube, das ist auch nicht mehr zeitgemäss. Irgendwann kommt die Zeit für jemand Neues.

Was würden Sie anders als Paul Bühler machen?

Das ist schwierig zu sagen, weil ich nicht direkt in die Verwaltung hineinsehe. Paul Bühler hat aber vieles sehr gut gemacht. So viel ich weiss, ist er immer noch ohne Handy unterwegs. Das könnte ich mir nicht vorstellen. Das wäre also sicher ein Unterschied.