«Ich bin kein Sofamensch»

Ärztin Celina Wettstein war für die Hilfsorganisation Médecins Sans Frontières im Libanon. Sie wird wieder gehen.

Diana Hagmann-Bula
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Bild: Ralph Ribi

Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht daran denkt. An die Menschen, die Landschaft, ihren Einsatz im Libanon für Médecins Sans Frontières (MSF). In der Bekaa-Ebene hat die St.Gallerin Celina Wettstein Flüchtlingen geholfen. Sechs Monate waren geplant, neun ist die 34-Jährige geblieben. «Es war beruflich eine meiner besten Zeiten.»

Schon als Kind habe es ihr wehgetan, dass einige Menschen wenig haben, andere viel. Jeden Freitag gab es daheim Suppe. «Wir schränkten uns ein, um anderen etwas geben zu können. Gemeinsam suchten wir dann ein Entwicklungsprojekt aus, für das wir spendeten», erzählt sie. Damals nahm sie sich vor: Sie wird einen Beruf erlernen, mit dem sie die Welt gerechter machen kann. «Medizin ermöglicht mir das.»

«An Schiessereien musste ich mich gewöhnen»

Den Libanon beschreibt sie als wunderschönes, vielseitiges Land. An der Küste im Süden wachsen Bananen, in den Bergen liegt Schnee. Auch auf dem Bekaa-Hochplateau mit seinen 1000 Metern Höhe. Das verschärft die Situation der Syrier, die vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat geflüchtet sind und nun im Nachbarland in selbst gebauten Zelten wohnen. «Der Libanon ist kein billiges Land zum Leben. Die Preise lassen sich mit jenen in Griechenland oder Portugal vergleichen», sagt sie. Es gebe zwar Krankenkassen, doch die syrischen Männer, Frauen und Kinder seien davon ausgeschlossen. «Benötigen sie eine medizinische Behandlung, müssen sie selber dafür aufkommen.» Immer wieder sei es vorgekommen, dass die Notfallstation der libanesischen Spitäler Flüchtlinge abgewiesen habe, weil sie das nötige Geld nicht dabei hatten. «Sie sind als Tagelöhner auf Bau und Feld geduldet. Doch die Löhne sind tief.»

An einem Informationsabend vor zweieinhalb Jahren spricht auch ein Arztkollege Wettsteins über seinen Auslandeinsatz mit MSF. «Sein Bericht hörte sich nicht so extrem an, wie ich mir die Arbeit vorgestellt hatte.» Da wächst man rein, redet sie sich ein, bewirbt sich, wird angenommen und in dem Mittelmeerland eingeteilt. «In den informellen Lagern dort leben viele Chronischkranke mit Diabetes, Bluthochdruck oder Herzkrankheiten. Deshalb braucht es Internisten und nicht Notfallchirurgen wie nach dem Erdbeben in Haiti», sagt sie. Sie habe rasch bemerkt, wie wichtig der Organisation die Sicherheit ihrer Mitarbeiter sei. Gefürchtet hat sie sich vor Ort manchmal dennoch. «Auch wenn es Menschen gibt, die für Ferien in den Libanon reisen, bleibt es ein Land mit einer komplizierten Geschichte.» Die Clans seien oft verfeindet, jede Familie habe Waffen im Haus. «Immer wieder kam es zu Schiessereien. Ich musste mich daran gewöhnen.»

Zum Projekt gehörten vier Kliniken. 5000 Chronischkranke seien dort in regelmässiger Behandlung gewesen und 2019 1794 Babys zur Welt gekommen, sagt Wettstein. Sie hat die einheimischen Ärzte beraten und weitergebildet, hat Patienten aufgeklärt. «Diabetiker müssen ihre Ernährung umstellen, viel Gemüse und viele Vollkorn essen. Vollkornbrot aber ist teuer.» Und über allem stets die Frage: Wie lässt sich mit den zur Verfügung stehenden Mitteln möglichst vielen Menschen helfen? Auf welchen Untersuch kann man verzichten? Manchmal haben die begrenzten Möglichkeiten Celina Wettstein traurig und wütend gemacht. «Irgendwann muss man einsehen: So ist es einfach. Erst dann kann man seine Arbeit effizient erledigen.» Dabei hilft, die guten Momente zu sehen, zu schätzen, dass man die Lage überhaupt verbessern kann. «Mein Glas ist immer halbvoll. Mit dieser Einstellung lebt man besser.»

Königskuchen für die algerische Hebamme

Sie stammten aus den verschiedensten Ecken dieser Welt, glaubten aber ans Gleiche: «Dass wir etwas bewegen können.» Der Personalzuständige kam aus Korea, die Kinderärztin aus Mexiko, die medizinische Chefin aus Senegal. Wettstein erzählt von kanadischen und italienischen Pflegefachfrauen, der französischen Logistikerin, der algerischen Hebamme. Sie alle wohnten im gleichen Haus, sassen abends zusammen auf dem Balkon, redeten über das Projekt, die Heimat, das Leben. Am Wochenende buk die Italienerin Pizza, Celina Wettstein experimentierte mit Dreikönigskuchen. «Ich brauchte zwei Anläufe im Gasofen. Wir haben unsere Kultur gerne geteilt.»

An den freien Wochenenden schrieb sie an den Berichten für MSF, schlenderte über den Markt, verbrachte Zeit im angesagten Beirut. Oder skizzierte Gesichter von Flüchtlingen, die sie nicht mehr vergessen konnte. Sie nimmt ein Buch hervor und zeigt Zeichnungen. Zu sehen sind da vom Schicksal gezeichnete Menschen, liebevoll und gekonnt festgehalten. Warum hat sie nicht die Kunstgewerbeschule besucht? «Nur die besten Künstler können mit ihren Werken auf Missstände hinweisen und davon leben. Die anderen müssen malen, was Geld bringt.» Nun zeichnet sie zum Ausgleich zu ihrer Arbeit auf der Anästhesie am Kantonsspital, spielt auch Klavier und Klarinette, nimmt Lektionen in Jazzdance, verbringt im Sommer viel Zeit in den Bergen. «Ich bin kein Sofamensch.»

Wird sie wieder für MSF arbeiten? «Nicht ob, nur wann ist die Frage.» Sie, die Ingenieurstochter, die als Kind zweieinhalb Jahre in Brasilien gelebt hat, weil ihr Vater dort eine Tochterfirma aufbaute. Sie, die als Au-Pair nach England ging, zwei Monate in Lissabon studierte, sie ist überall daheim. «Heimat ist, wo ich mich aufhalte.» Sie sei nicht aus dem Libanon nach Hause gekommen, sondern von dort weggegangen. Eine gute Voraussetzung für die Arbeit in den Krisengebieten dieser Welt.