«Ich bin gegen diesen Betrug»:  Hans Jürg Albrecht kämpft weiter gegen das Alterszentrum im Riethüsli

Das Alterszentrum im Riethüsli ist zum zweiten Mal bewilligt worden, umgesetzt werden kann es dennoch nicht: Der Rekurrent ist zurück.

Diana Hagmann-Bula
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Auf dieser Wiese gegenüber des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums soll das Alterszentrum entstehen.

Auf dieser Wiese gegenüber des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums soll das Alterszentrum entstehen.

Urs Bucher

40 Alterswohnungen sind geplant. 60 Interessenten stehen auf der Warteliste.

«Einige Menschen, die gerne eingezogen wären, sind unterdessen gestorben.»

Das sagt Fabian Koch, Projektleiter und Vorstandsmitglied der Christlichsozialen Wohnbaugenossenschaft St.Gallen (CWG). Sie plant im Riethüsli, auf der Wiese gegenüber dem Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum, ein Alterszentrum. Seit langer Zeit.

Vor zehn Jahren ist laut Koch die Idee dazu entstanden. «Einmal mehr sind wir nun enttäuscht. So macht es keinen Spass mehr.»

Der Grund für Kochs schlechte Stimmung: Gegen das Projekt ist wieder eine Einsprache eingegangen. Der neue ist der alte Rekurrent. Hans Jörg Albrecht, dem das angrenzende Grundstück gehört, hat neuen Schnauf im Kampf gegen den Neubau gefunden: «Ich bin gegen diesen Betrug. Mich stört, dass dieses Projekt in keiner Art und Weise mehr der Vorlage an das Stadtparlament entspricht.»

Hans Jürg Albrecht

Hans Jürg Albrecht

Michel Canonica (16. Juni 2017)

Ein Hin und Her seit Jahren

Die Geschichte von Anfang an: Die 3327 Quadratmeter grosse Fläche, auf der das CWG-Projekt «Betreutes Wohnen und Spitex» geplant ist, gehörte zur Grünzone. Damit es realisiert werden kann, musste das Areal in die Zone für öffentliche Bauten und Anlagen wechseln.

«Im Stadtparlament ist die Umzonung ausdrücklich wegen der Bedürfnisse der Spitex, die den untersten Stock nutzen wollte, bewilligt worden. Doch diese Voraussetzung ist nicht mehr erfüllt», ist in Albrechts Rekursschreiben an die Stadt zu lesen. Am Telefon geht er noch weiter:

«Die Spitex hatte gar nie vor, dort einen Stützpunkt einzurichten. Das zeigt eine Absichtserklärung aus dem Jahr 2012.»

Auch andere hätten keine Freude am Projekt gehabt. Er verweist auf die städtische Baubewilligungskommission. Sie lehnte das Gesuch einst ab, weil es weder gestalterisch noch städtebaulich überzeuge. Das kantonale Baudepartement war anderer Meinung, es hiess den Rekurs der CWG gut. Albrecht zog den Fall an das kantonale Verwaltungsgericht weiter, scheiterte aber und gab auf.

«Das Alterszentrum muss rentabel sein»

Das war im Dezember 2018. «Nach all den Jahren» entschied sich die CWG laut Projektleiter Fabian Koch daraufhin, die Pläne zu optimieren. Sie reichte ein Korrekturgesuch nach. «Der Baurechtszins war gestiegen. Das Alterszentrum muss rentabel sein, die Mietpreise sollen vernünftig bleiben. Wir schoben ein Geschoss ein», sagt Koch.

Statt 27 sind nun 40 Wohnungen vorgesehen, für den Notkerverein mit Dienstleistungsangeboten und Spitex noch 74 statt 456 Quadratmeter. Die Stadt hat das Korrekturgesuch Ende Januar bewilligt.

Korrekturgesuch weckt Widerstand

Das hat Hans Jürg Albrechts Kampfgeist wieder geweckt. «Weit weg von der versprochenen 24-Stunden-Betreuung für die Quartierbewohner befinden wir uns nun», sagt er.

Wirrgarten, Demenzabteilung, alles nicht mehr im Konzept, so Albrecht. Die CWG habe das Angebot für die Bevölkerung scheibenweise reduziert. Der ehemalige Leiter einer Sekundarschule vergleicht die Initianten des Alterszentrums mit «frechen Schülern». «Zuerst wollen sie bis 19 Uhr ausbleiben. Sagt man ja, handeln sie bis 20 Uhr aus. Und so weiter.»

Das geplante Alterszentrum nennt er «die Riesencremeschnitte.» 80 Meter lang soll das Gebäude ausfallen. Nie würde er in «das Alterssilo ohne Atmosphäre» einziehen, auch nicht, wen sich diese Geschichte nicht zugetragen hätte.

«Die Behörde schreibt in ihrem Entscheid ja selber, dass sie trotz Baubewilligung dem überarbeiteten Projekt in Bezug auf die qualitativen Eigenschaften kritisch gegenübersteht», sagt Albrecht. Und:

«Hätte das Stadtparlament gewusst, dass es letztlich alleine um die Realisierung von Alterswohnungen mit kleinem Raumbedarf für die Spitex geht, der Entscheid wäre allenfalls anders ausgefallen.»

Die CWG verstosse gegen Treu und Glauben.

«Keine Absicht – Verzögerung ist schuld»

«Im Gerichtsentscheid, der 2018 zur Baubewilligung geführt hat, ist festgehalten, dass es unerheblich ist, ob die Spitex vor Ort ist oder Dienstleistungen erbracht werden können», betont Projektleiter Fabian Koch.

Keine geplante Absicht sei der geringere Platz für die Spitex gewesen, sondern eine Folge der Verzögerung. «Die Spitex hätte ihren Stützpunkt in unserem Alterszentrum spätestens 2017 beziehen wollen.»

Bau ist tiefer als erlaubt

Im Rekursschreiben bittet Albrecht darum, das bewilligte abgeänderte Projekt um ein Stockwerk zu reduzieren. Die CWG hat kein Verständnis dafür. Koch sagt:

«Gemäss Zone dürften wir sogar ein Stockwerk höher bauen. Aus Rücksicht auf die Umgebung und die Nachbarn haben wir von Anfang an darauf verzichtet.»

Zwar sei die Dachkante nun ein paar Zentimeter höher als bei der alten Version, dafür falle die Dachterrasse und somit das Geländer weg. «Berechnet man die Abschrankung mit ein, liegen wir tiefer.» Albrecht lässt das nicht gelten und kontert: «In einer Nacht- und Nebelaktion einen Stock reinzuhauen, das geht nicht. Das widerspricht der Abmachung im Stadtparlament.»

«Das Gebiet liegt mir am Herzen»

Und während man seiner feurigen Rede zuhört, fragt man sich: Weshalb geniesst der 71-Jährige nicht seinen Ruhestand, statt sich jahrelang erfolglos gegen einen Neubau zu wehren? Kämpft er für seine eigene Aussicht? Nein, die an den Bauplatz angrenzende Parzelle gehöre ihm zwar, er lebe unterdessen aber in der Lustmühle.

«Das Gebiet liegt mir am Herzen.» Er sei dort aufgewachsen, habe lange dort gewohnt. Gibt es nur den Weg über Ämter und Gerichte, um die Differenzen auszudiskutieren? «Leider», sagt CWG-Vorstandsmitglied Fabian Koch. «Die einzige Lösung für Herr Albrecht sind mehrere kleinere Gebäude.» Diese Variante habe auch der Sachverständigenrat für Architektur vorgeschlagen, erwidert Albrecht. Enttäuschung, nur sie verbindet die beiden Parteien.