Interview

«Ich bekam Panik und hatte Schiss»: Romanshornerin mit Parkinson erkrankte am Coronavirus und lag zwei Wochen im Spital

Die 60-Jährige dachte zuerst, glimpflich davon zu kommen. Doch am vierten Tag in Münsterlingen verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Sie fiel in ein Loch und musste oft weinen. Jetzt ist sie überglücklich, wieder Zuhause zu sein.

Markus Schoch
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Anita Sauter mit Mundschutz im Spitalbett.

Anita Sauter mit Mundschutz im Spitalbett.

(Bild: PD)

Anita Sauter, wie geht es Ihnen?

Anita Sauter: Es geht mir gut, bis auf den Husten. Ich bin zudem noch sehr müde, weil ich wahnsinnig viel Energie verloren habe. Ich gehe vielleicht mal runter, um die Zeitung zu holen, und habe dann das Gefühl, einen Marathon gelaufen zu sein.

Schlafen Sie viel?

Vor allem besser dank Schlaftabletten, die ich bekommen habe, damit ich mich gut erholen kann.

Sie sind seit Montag wieder zu Hause, nachdem Sie zuvor wegen des Coronavirus’ zwei Wochen im Spital lagen. Wie war der Aufenthalt?

Es war eine schlimme Erfahrung. Ich fiel wegen der Ohnmachtsgefühle zwischendurch immer wieder in ein Loch und musste oft weinen. Man darf nicht aus dem Zimmer raus und auch keinen Besuch empfangen, was auf Dauer eine grosse psychische Belastung ist. Nicht einmal die Fenster konnten wir öffnen. Ich hatte schnell nicht einmal mehr Lust, ein Buch zu lesen. Es fehlte mir einfach die Kraft dazu. Selbst das Handy habe ich zeitweise abgestellt, weil es mir einfach zu viel war. Ich bin überglücklich, wieder zu Hause zu sein. Viel länger hätte ich es nicht ausgehalten.

Lagen Sie auf der Intensivstation?

Nein, und ich hätte auch nicht dorthin gewollt. Ich war in einem Dreibett-Zimmer mit zwei anderen Frauen und bekam Sauerstoff über einen Schlauch in der Nase, fiebersenkende Medikamente und Antibiotika.

Dann hatten Sie körperlich keine schweren Symptome?

Zuerst sah es so aus, als könnte ich nach einer Woche schon wieder nach Hause. Die Ärzte stellten zuerst nur eine leichte Lungenentzündung fest. Doch nach vier Tagen ging es richtig los.

Wie?

Plötzlich stieg das Fieber rasant an auf 39 Grad. Danach ging es rauf und runter. Ich schlotterte und fühlte mich miserabel. Wegen der Hustenanfälle bekam ich kaum noch Luft. Auch meine Parkinson-Erkrankung machte sich bemerkbar. Ich war beim Gang auf die Toilette teilweise völlig blockiert, weil die Beine nicht mehr mitmachten. Ich war schon lange nicht mehr so krank. Umso dankbarer bin ich dem mir zugeteilten Psychologen und dem Pflegepersonal, das in dieser schwierigen Situation in Vollmontur einen super Job machte, mich gut umsorgte und mich aufzumuntern versuchte, wenn es mir schlecht ging.

Anita Sauter auf der Slackline: Die Zeit im Spital war für sie wie ein Seiltanz.

Anita Sauter auf der Slackline: Die Zeit im Spital war für sie wie ein Seiltanz. 

(Bild: Reto Martin, 19.9.2014)

Wie machte sich das Virus bemerkbar?

Ich hatte zuerst zwei Tage lang Gliederschmerzen und rief dann im Spital an, weil mein Hausarzt Ferien hatte. Dort sagte man mir, wenn ich über 38,5 Grad Fieber hätte, solle ich mich wieder melden. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt Normaltemperatur. Nur Stunden später zeigte das Thermometer bereits 38,9 Grad an. Ein Kollege fuhr mich dann mit einem VW-Bus nach Münsterlingen. Zu seinem Schutz trug ich eine Maske. Das war an einem Montag. Am Mittwoch bekam ich dann die Bestätigung, positiv zu sein.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das Ergebnis hörten?

Ich bekam Panik und hatte Schiss. Was kommt alles auf mich zu? Und komme ich überhaupt je wieder nach Hause?

Sie gehören wegen der Parkinson-Krankheit zur Risikogruppe?

Ja. Und ich habe auch dauernd daran denken müssen und mir ausgemalt, was noch alles kommen könnte. Es spielt sich so viel im Kopf ab.

Haben Sie eine Ahnung, wo Sie sich infiziert haben könnten?

Nein, und es würde mir auch nichts bringen, wenn ich es wüsste. Ich habe aber alle Personen informiert, mit denen ich in den 14 Tagen vor Ausbruch der Krankheit Kontakt hatte. Alle sind erschrocken.

Dürfen Sie bereits wieder ausser Haus?

Im Prinzip schon, wegen des Hustens allerdings nur mit Mundschutz, aber ich mag noch nicht. Eine Freundin liefert mir das Essen. Andere würden für mich einkaufen. Auch meine Familie ist für mich da. Es gibt sehr viele Menschen, die sich um mich kümmern. Ich bin nicht allein. Wichtig ist, dass ich jetzt gut zu mir schaue. Vielleicht musste es so sein.

Wie meinen Sie das?

Ich bin gebremst worden und musste runterfahren. Ich kann einfach nicht Nein sagen.

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