Hund biss Hund des Nachbarn Ohr ab: Halter kassiert vor dem Kreisgericht eine Busse

Ein Hundehalter wollte sich gegen einen Strafbefehl wehren. Im letzten Moment besann er sich jedoch anders.

Claudia Schmid
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Der Hund, der seinem Artgenossen das Ohr abbiss, gehört einer Rasse an, die als sogenannte Listenhunde gelten, da ihnen Aggressionsverhalten und damit ein erhöhtes Gefahrpotenzial zugeschrieben wird.

Der Hund, der seinem Artgenossen das Ohr abbiss, gehört einer Rasse an, die als sogenannte Listenhunde gelten, da ihnen Aggressionsverhalten und damit ein erhöhtes Gefahrpotenzial zugeschrieben wird.

Bild: Alessandro Della Bella / Keystone

An einem Sonntagabend im November 2019 führte eine Frau im Westen der Stadt St.Gallen ihren Hund angeleint spazieren. Als sie an einem Garten vorbeikam, sprang ein anderer Vierbeiner gegen den Zaun, bellte, rannte bis zu einer ein Meter hohen Mauer, übersprang sie, stürzte sich auf den Mischlingshund der Spaziergängerin und fügte ihm mehrere Bisswunden zu. Die Tierärztin stellte verschiedene Bisslöcher am Hals fest. Ausserdem fehlte dem Hund die linke Ohrspitze.

Da der Angreiferhund bereits 2017 einen Vierbeiner verletzt hatte, überprüfte das Amt für Veterinärwesen des Kantons St.Gallen das Verhalten des Hundes. Er gehört einer Rasse an, die als sogenannte Listenhunde gelten, da ihnen Aggressionsverhalten und damit ein erhöhtes Gefahrpotenzial zugeschrieben wird.

In mehreren Kantonen der Schweiz ist ihre Haltung entweder verboten oder man benötigt eine Bewilligung dafür. St.Gallen gehört zu den Kantonen ohne Rasseliste.

Hund ungenügend sozialisiert

Wie es im Strafbefehl heisst, ergab die Verhaltensüberprüfung des Veterinäramtes, dass der Hund ungenügend sozialisiert ist, auf Lärm ängstlich reagiert und schnell ein übertriebenes Beutefangverhalten zeigt. Diese Auffälligkeiten machten den Hund potenziell gefährlich. Weiter heisst es, dass einzelne Hundehalter in der Nachbarschaft jeweils auf einen Spaziergang verzichtet hätten, wenn sie den Vierbeiner im Garten sichteten. In der Vergangenheit sei es immer wieder vorgekommen, dass er Hunde aus der Nachbarschaft attackiert habe, ohne dass der Beissunfall der Polizei gemeldet worden sei.

Nach der Beissattacke auf den Mischlingshund verfügte die Stadtpolizei St.Gallen eine Leinen- und Maulkorbpflicht. Ausserdem erhielt der Hundehalter einen Strafbefehl, mit dem er der fahrlässigen Tierquälerei schuldig erklärt wurde. Der zuständige Staatsanwalt sanktionierte ihn mit einer bedingten Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu je 60 Franken und einer Busse von 300 Franken. Die Schadenersatzklage der Hundehalterin über rund 1000 Franken wurde auf den Zivilrechtsweg verwiesen.

Gegen diesen Strafbefehl erhob der Beschuldigte Einsprache. Noch vor Beginn der eigentlichen Verhandlung am Kreisgericht St.Gallen zeigte er sich jedoch unsicher, ob er den Strafbefehl tatsächlich weiterhin anfechten oder akzeptieren soll. Er habe nicht Einsprache erhoben, weil er den Sachverhalt an und für sich abstreite. Jedoch verstehe er den Schuldspruch der fahrlässigen Tierquälerei so, dass er seinen eigenen Hund misshandle. Dies aber sei in keiner Weise der Fall. Er liebe seinen Vierbeiner über alles.

Einsprache gegen Strafbefehl zurückgezogen

Der Vorwurf der fahrlässigen Tierquälerei beziehe sich auf den Opferhund, erklärte der Einzelrichter. «Hätte Ihr Hund einen Menschen gebissen, wäre von Körperverletzung die Rede gewesen. Da das Opfer ein Vierbeiner war, spricht man von Tierquälerei», verdeutlichte er. Demnach gehe es beim Schuldspruch nicht darum, dass ihm vorgeworfen werde, er habe seinen eigenen Hund nicht gut behandelt. Vielmehr werde er dafür sanktioniert, dass er zu wenige Massnahmen getroffen habe, um die Beissattacke gegen den Nachbarhund zu vermeiden.

Daraufhin zog der Beschuldigte die Einsprache gegen den Strafbefehl zurück. Er beteuerte vor dem Richter, er halte sich seit dem Vorfall strikte an die polizeilich verfügte Leinen- und Maulkorbpflicht.