Da sein, wenn es zu Ende geht: Wie eine St.Gallerin Sterbende begleitet

Die Hand halten, Zeit schenken, am Bett sitzen: Eine St.Gallerin begleitet Sterbende – und versucht ihnen die Angst vor dem Tod zu nehmen. Sie selbst sagt über ihre Tätigkeit: «Ich mache eigentlich nicht viel.»

Perrine Woodtli
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Freiwillige des Hospiz-Diensts St.Gallen stehen Menschen in ihrer letzten Lebensphase bei. (Bild: Getty)

Freiwillige des Hospiz-Diensts St.Gallen stehen Menschen in ihrer letzten Lebensphase bei. (Bild: Getty)

Der Tod macht Angst. Jeder weiss, dass er unumgänglich ist. Doch rückt er näher, fürchten sich viele vor dem Sterben. Alleine sein will dann niemand. Dafür gibt es den Hospiz-Dienst St.Gallen. Der Verein begleitet Sterbende und Schwerkranke in ihren letzten Tagen oder Stunden.

Silvia B. ist eine der 85 Freiwilligen, die diesen Dienst leisten. Mit 78 Jahren ist sie die älteste. Sie will etwas Gutes tun, etwas zurückgeben. «Nicht jeder hat Angehörige, die sich um einen kümmern», sagt sie.

Silvia B. ist nicht ihr richtiger Name, sie möchte anonym bleiben. Sie befürchtet, dass einige Menschen Hemmungen hätten, sich beim Hospiz-Dienst zu melden, wenn sie wüssten, dass sie dort arbeitet.

Als ehemalige Politikerin würden sie einige kennen. Es reiche, wenn ihr enges Umfeld wisse, dass sie hier arbeite. «Ich finde, die Freiwilligen sollten anonym bleiben, das ist auch angenehmer für die Betroffenen.»

Einige wollen weiterleben, andere sind bereit zu gehen

Silvia B. sitzt im Büro des Hospiz-Diensts nahe dem St.Galler Marktplatz. An einer Wand hängen Dankeskarten von Angehörigen von Verstorbenen. 2016 zog sie sich aus der Politik zurück. Eine neue Aufgabe musste her. Eine Freundin von ihr leistete Hospiz-Dienst, das habe sie bewundert.

Silvia B. hat zudem selbst miterlebt, wie es ist, einen kranken Menschen zu begleiten. Als eine Freundin an Krebs erkrankte, verbrachte sie vor ihrem Tod viele Nächte bei ihr. 

«Nachdem ich das überstanden hatte, wusste ich, dass ich das auch für andere machen kann.»

Ein Infoanlass des Hospiz-Diensts St.Gallen überzeugte sie ganz. Kurz darauf besuchte sie zum ersten Mal jemanden. Seither sind dreieinhalb Jahre vergangen. Fast jede Woche ist sie unterwegs.

85 Freiwillige im Dienst

Den Hospiz-Dienst St.Gallen gibt es seit 17 Jahren. 85 freiwillige Frauen und Männer begleiten Schwerkranke und Sterbende in folgenden Gemeinden: St.Gallen, Gossau, Andwil, Gaiserwald, Wittenbach, Waldkirch, Muolen, Häggenschwil, Berg, Grub, Eggersriet und Teufen. 2018 leisteten die Freiwilligen 4900 Einsatzstunden. Das Angebot ist gratis. Der Verein finanziert sich über Spenden sowie über Beiträge von Stiftungen, dem Kantonsspital St.Gallen und der Stadt St.Gallen.

Der Hospiz-Dienst begleitet täglich Menschen in der Stadt St.Gallen und im grünen Ring - in Heimen, im Spital, im stationären Hospiz oder zu Hause. Die Besuche seien sehr unterschiedlich. Einige würden gerne noch 20 Jahre leben, andere sind müde und bereit zu gehen. Viele Patienten sind laut Silvia B. in keiner guten Verfassung. «Andere wollen reden und fragen mich über alles Mögliche aus», sagt sie und schmunzelt.

Die meiste Zeit sitzt die St.Gallerin einfach neben dem Bett, schenkt Zeit, hält die Hand. «Ich mache eigentlich nicht viel.»

Druck von den Familienmitgliedern nehmen

Wenn Silvia B. spricht, schliesst sie oft ihre Augen und legt sich die Worte zurecht. «Das Wichtigste ist, dass ich präsent bin und Ruhe und Sicherheit ausstrahle.» Die meisten Patienten wollten schlafen. Oft seien sie aber ängstlich und unruhig. «Wenn dann jemand am Bett sitzt, können sie durchschnaufen.» Ab und zu will jemand auch beten oder singen. Und manchmal liest sie aus dem Lieblingsbuch vor.

Der Freiwilligendienst hat auch ihre Einstellung zum Tod verändert. «Er hat mir die Angst davor genommen und gezeigt, wie man auf eine gute Art Abschied nehmen kann.»

Der Hospiz-Dienst hilft nicht nur den Betroffenen, sondern entlastet auch deren Angehörige. Einmal verbrachte Silvia B. die Nacht bei einer Frau, die beschlossen hatte, zu Hause zu sterben. Als am Morgen die Schwiegertochter kam, sagte diese: «So gut habe ich schon lange nicht mehr geschlafen.»

Ein gutes Gespür entwickelt

Silvia B. trinkt einen Schluck Kaffee. Ihre Lippen sind pink geschminkt, passend zum lila Pullover. An ihren Fingern trägt sie grosse silberne Ringe. Sie sei eigentlich ein «Tropenvogel» und habe es gerne lustig. «Viele aus meinem Umfeld hat es damals erstaunt, dass ich diese Besuche mache», sagt sie. Sie hätten wohl nicht gedacht, dass sie den Nerv dazu habe. «Offenbar habe ich ihn.»

Sie habe mittlerweile auch ein gutes «Gspüri». Als sie mal einen Mann besuchte, sagte dessen Frau, sie gehe kurz einkaufen. Silvia B. hielt sie davon ab und ging. 

«30 Minuten später ist er gestorben.»

Einen Patienten sterben gesehen, hat sie bislang nicht. «Vielleicht war das Zufall. Vielleicht bin ich auch noch nicht reif dafür.»

Viele Patienten sieht die 78-Jährige nur ein Mal. Ein spezielles Gefühl. «Das muss man lernen auszuhalten.» Ihre Begegnungen verarbeitet sie mit den anderen Freiwilligen in einer Supervision. Vor allem am Anfang brauchte sie das. Nach einem Besuch geht sie zudem gerne ein Stück alleine.

Vorbereiten kann sie Silvia B. auf die Besuche nicht. Oft weiss sie nur den Namen. Wenn sie jemanden zu Hause besuche, sei das immer intim und speziell. «Ich habe ja jeweils keine Ahnung, wen ich antreffe.» Man müsse sich aber einfach darauf einlassen. Sie wirft einen Blick in ihre Agenda. Kommende Woche hat sie ihren nächsten Einsatz.