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Interview

Hochsaison bei den Velohändlern: «Entweder kommt keiner oder es kommen alle gleichzeitig»

Harry Ramsauer repariert und verkauft seit vier Jahrzehnten Fahrräder. Der St.Galler über seine Velos, seine Kunden und seine Arbeit.
Roger Berhalter
Velomechaniker Harry Ramsauer in seiner Werkstatt an der Zürcher Strasse. )Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Velomechaniker Harry Ramsauer in seiner Werkstatt an der Zürcher Strasse. )Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Eigentlich hat er gerade überhaupt keine Zeit für ein Interview. «Übernächste Woche würde es mir besser passen», sagt Harry Ramsauer bei der Terminanfrage. Im Sommer ist Velo-Hochsaison, deshalb ist auch bei Ramsauer 2-Radsport, dem ältesten Velogeschäft der Stadt, viel los. Harry Ramsauer berät an diesem Freitagnachmittag gerade eine Kundin beim Velokauf. Danach gibt der 54-Jährige Auskunft über seinen Beruf, der sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat.

Weshalb sind Sie jetzt, mitten in den Sommerferien, so in Schuss? Womit sind Sie gerade beschäftigt?

Harry Ramsauer: Mit dem kompletten Velogeschäft. Bis vor kurzem hatte ich vor allem Reparaturen, seit zwei Tagen wiederum verkaufen wir ein Velo nach dem anderen. Aber so ist das: Entweder kommt kein Kunde oder es kommen alle gleichzeitig.

Sie flicken seit 40 Jahren Velos …

Moment, bitte sagen Sie nicht Veloflicker! Dieser Ausdruck ist längst nicht mehr zeitgemäss. Ein Velomechaniker hat heute den vielfältigsten Beruf, den es gibt. Er muss nicht nur Mechaniker sein, sondern auch Verkäufer, Informatiker, ein bisschen Orthopäde und sogar etwas von Ernährung verstehen.

Weshalb müssen Sie auch Informatiker sein?

Wer sich mit Computern nicht auskennt, hat in meinem Beruf keine Chance mehr.

Um ein Velo reparieren zu können, braucht es heute Informatikkenntnisse.

Sehen Sie: Der Akku eines E-Bikes hat eine Software, die Steuerung hat eine Software, und der Motor hat ebenfalls eine – und alle müssen zusammenspielen. Wenn da etwas nicht wie gewünscht funktioniert, muss ich den Fehler oft mit dem PC suchen.

Kaufen denn heute alle nur noch E-Bikes?

Die meisten. Drei von vier Velos, die wir verkaufen, sind motorisiert. Der Verkauf von E-Bikes macht mehr als drei Viertel unseres Umsatzes aus. Die Frage ist heute nicht mehr, ob man ein E-Bike kauft, sondern nur noch, welches. Der neuste Trend sind motorisierte Rennvelos. Bikes ohne Motor haben wir zwar noch viele am Lager, sie sind aber kaum noch gefragt.

Warum nicht? Sind die Leute bequemer geworden?

Zum Teil, ja. Eine grössere Rolle spielt aber der Fun-Faktor. Auch 17-Jährige wollen heute ein E-Bike haben, einfach weil es mehr Spass macht. Mit einem Motor kann man den Waldegg-Trail dreimal pro Stunde fahren. Ohne E-Bike geht das nur einmal.

Ab wie viel Geld erhält man ein gutes E-Bike?

Ab 3000 Franken. Bei günstigeren Angeboten wäre ich skeptisch. Warum?

Was kann schief gehen?

Ein billiges E-Bike kann gefährlich sein. Zum Beispiel weil die Bremsen, das Fahrgestell oder die Gabel zu schwach sind. Solche Velos landen ab und zu bei mir in der Werkstatt, weil die Kunden sie reparieren lassen wollen. Da muss ich manchmal ablehnen, weil ich bei solchen Bikes keine Garantie auf gefahrloses Fahren geben kann. Eine gewisse Qualität muss ein Velo haben, sonst repariere ich es nicht.

Was war der ungewöhnlichste Kundenwunsch, den Sie bisher erfüllen mussten?

Einmal musste ich ein E-Bike für einen 150 Kilo schweren Kunden zusammenstellen. Das war nicht einfach, weil gewöhnliche E-Bikes für dieses Gewicht nicht zugelassen sind. Manchmal fragen Kunden, ob ich ihren Velomotor tunen könne. Aber das ist gesetzes­widrig. Ein Fachmann macht das nicht.

Seit 1937 im Geschäft

Die Firma Raumsauer 2-Radsport ist ein alteingesessenes St.Galler Familienunternehmen und das älteste Velogeschäft der Stadt. Es wurde 1937 gegründet und befindet sich noch immer am selben Standort an der Zürcher Strasse 15 nahe der Kreuzbleiche.

Heute führen Karin und Harry Ramsauer den Betrieb in der dritten Generation. Ihre Tochter Livia unterstützt die beiden im Marketing, dazu kommt ein Lehrling im dritten Lehrjahr.

Das Angebot der Ramsauers hat sich in 75 Jahren verändert. Anfangs verkauften und reparierten sie auch Spielwaren und elektrische Eisenbahnen. Heute fokussieren sie aufs Velo und reparieren und verkaufen Fahrräder für Kinder und Erwachsene.

Ist der Online-Handel für Sie eine Konkurrenz?

Ja. Vor allem beim Zubehör hat sich der Verkauf verlagert. Velokleider kaufen viele bei Zalando, und auch Navigationsgeräte und andere Elektronik sind online sehr günstig zu haben.

Werden auch Velos heute im Internet gekauft?

Ein vernünftiger Kunde geht dorthin, wo er fachmännisch beraten wird und das Velo auch ausprobieren kann. Klar, manche kaufen online ein. Aber das Internet repariert das Velo nicht. Ein Velo braucht Service und muss richtig eingestellt sein. Wir garantieren zum Beispiel eine Reparatur innert zwei Tagen bei Velos, die bei uns gekauft wurden. Bei Filialbetrieben kann es sein, dass man vier Wochen warten muss, bis der Platten geflickt ist.

Ein Überblick über die Veloläden der Stadt

In der Stadt St.Gallen sind rund ein Dutzend Velohändler aktiv. Darunter Familienbetriebe wie das 1937 gegründete Geschäft Ramsauer 2-Radsport und Velo Pfiffner.

Die Pfiffners sind seit über 60 Jahren an der Linsebühlstrasse präsent und verfügen dort mittlerweile über 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche sowie 250 Quadratmeter Lager und Werkstatt. Im sechsköpfigen Team heissen vier mit Nachnamen Pfiffner und zum Sortiment gehören Velos, E-Bikes und Motorroller.

8000 Artikel und ein eigener Windkanal

Zu den grösseren Fahrradgeschäften in der Stadt gehört Veloplus an der St.Jakob-­Strasse 87. Vor allem beim Zubehör ist Veloplus stark: Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben das grösste Angebot an Velozubehör in der Schweiz.

Es beschäftigt 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an neun Standorten. In St.Gallen sind sechs Mitarbeiter tätig, und auf 1000 Quadratmetern werden 8000 Artikel rund ums Velo angeboten. Sogar ein eigener Wind­kanal steht zum Testen zur Verfügung.

Alternative Veloläden

Im Gegensatz dazu steht der Ein-Mann-Betrieb «Rad­geber» von Martin Schmid. Der Velofan betreibt an der Sömmerlistrasse 12 einen eigenen Veloladen, verkauft Fahrräder, E-Bikes und Zubehör, und er stellt den Kunden ein Bike nach Wunsch zusammen. Schmid hat schon Custom Bikes mit Namen wie «Holy Smoke Titan», «El Mariachi» oder «Käpt’n Blaubär» zusammengebaut. Unter dem Stichwort «Blingbling» auf seiner Website verkauft er auch Zubehör für’s Auge, beispielsweise Kettenblätter und Sattelbriden in verschiedenen Farben.

Alternativ angehaucht ist die Velo­Flicki an der Wassergasse 13. Neben Velos, Bekleidung und Zubehör gibt es hier auch Baumwoll­taschen und Retro-Plakate zu kaufen sowie T-Shirts mit Aufschriften wie «Gas Sucks. Ride Your Bike.» Gegen einen Unkostenbeitrag kann man sein Velo in der Werkstatt an zwei Arbeitsplätzen auch selber reparieren.

Gebrauchte Fahrräder am Güterbahnhof kaufen

Die Velo-Werkstatt an der Güterbahnhofstrasse 6 wiederum ist ein soziales Projekt. Arbeitslose jedes Alters erhalten hier eine sinnstiftende Tätigkeit, die ihnen dabei helfen soll, im Arbeitsmarkt wieder Fuss zu fassen. In der Velo­-Werkstatt kann man sein Velo reparieren lassen oder auch kostenlos entsorgen. Zudem stehen Gebraucht-Velos zum Verkauf.

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