Tibetische Mönche streuen in St.Gallen Sand, der glücklich macht

Mandala-Meister Pema Wangyal streut im Historischen und Völkerkundemuseum ein Bild aus Sand. Der tibetische Mönch gibt Einblick in die buddhistische Lehre und verrät, warum er in St.Gallen alt werden möchte.

Roger Berhalter
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Pema Wangyal (links) ist einer von drei tibetischen Mönchen, die derzeit im Historischen und Völkerkundemuseum in St.Gallen an einem Sandbild arbeiten. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Pema Wangyal (links) ist einer von drei tibetischen Mönchen, die derzeit im Historischen und Völkerkundemuseum in St.Gallen an einem Sandbild arbeiten. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

In der Hand hält er ein hohles Messingröhrchen mit einer winzigen Öffnung an der Spitze. Pema Wangyal schabt mit einem Holzstab über das Röhrchen und lässt grünen Sand rieseln. Die Sandkörner bilden Häufchen, Linien und schliesslich ein grosses Bild, ein Mandala nach buddhistischer Lehre.

«Wer es anschaut, wird von negativen Emotionen und Krankheiten befreit werden», wird Wangyal später sagen. Er ist einer von drei Mönchen aus dem Tibet-Kloster im zürcherischen Rikon, die derzeit im Historischen und Völkerkundemuseum in St.Gallen zu Gast sind. Eine Woche lang lassen sie Sand rieseln, im Rahmen der Ausstellung «Mandala – Auf der Suche nach Erleuchtung».

Schwierige Kunst und Meditation

Der Mönch möchte das Interview draussen im Museumscafé führen. «Da scheint die Sonne, da ist es schön», sagt der 43-Jährige und lächelt. Er setzt sich, bestellt einen Alpenkräutertee und beginnt zu erzählen. Von der Kunst des Mandala-Streuens, die er als junger Novize in einem Kloster im indischen Darjeeling erlernt hat:

«Es ist auch eine Art Meditation, und es ist nicht einfach.»

Wangyal vergleicht das Mandala-Streuen mit dem Bau eines Hauses. Hier wie dort seien geometrische Grundkenntnisse nötig. «Es braucht Wissen, Training und Erfahrung», sagt Wangyal, der heute ausgebildeter Mandala-Meister ist und die Kunst an junge Mönche weiter gibt. Auch interessierte Schweizer können bei ihm im Kloster Kurse besuchen. Ein Mandala zu streuen – zu «bauen», wie Wangyal sagt – sei im Buddhismus nichts weniger als ein Weg, um Erleuchtung zu erlangen.

Pema Wangyal ist im ostindischen Odisha aufgewachsen. Seine Eltern waren aus Tibet dorthin geflohen. Mit elf Jahren trat er in Darjeeling in ein Kloster ein und lernte dort die Grundlagen der buddhistischen Philosophie.

Seit September 2006 lebt er in der Schweiz und ist einer von etwa zehn Mönchen, die im tibetischen Kloster in Rikon bei Winterthur wohnen. 1968 eingeweiht, war das Tibet Institut, wie es offiziell heisst, das erste tibetisch-buddhistische Kloster ausserhalb Asiens. Geflohenen Tibetern in der Schweiz dient das Kloster seit gut 50 Jahren als geistiges und kulturelles Zentrum, als ein Stück Heimat. Pema Wangyal gehört zu den aktivsten Vertretern der Mönchsgemeinschaft.

Zmittag im Altersheim Singenberg

Von der Stadt St.Gallen hat er bis jetzt nicht viel gesehen. Dies obwohl er schon einmal im Historischen und Völkerkundemuseum zu Gast war und ein Mandala «baute»: im November 2009 anlässlich der Ausstellung «Indiens Tibet – Tibets Indien». Den St.Galler Klosterbezirk kennt Wangyal nur vom Hörensagen, obwohl der Dom nur wenige Gehminuten von seinem aktuellen Arbeitsort im Museum entfernt ist.

Körnchen um Körnchen: Die Mönche lassen farbigen Sand aus einer winzigen Öffnung in der Spitze des Röhrchens rieseln. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Körnchen um Körnchen: Die Mönche lassen farbigen Sand aus einer winzigen Öffnung in der Spitze des Röhrchens rieseln. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Zu St.Gallen befragt, erzählt der Mönch vom Essen. Er schwärmt vom Altersheim Singenberg nebenan, wo er Zmittag gegessen habe. «Das ist ein Palast! Solchen Luxus haben wir bei uns in Indien nicht. An so einem Ort würde ich gerne alt werden.» Mit kindlicher Freude hat er zudem im Restaurant Concerto in der Tonhalle Pommes frites bestellt. «Wir haben dort ein sehr gutes vegetarisches Menü gegessen.»

Am Donnerstag und Freitag wird Wangyal im Museum weiter an seinem Sandbild streuen. Am Freitagabend soll das Mandala fertig sein und danach unter eine Schutzhaube kommen. Nicht bis in alle Ewigkeit, sondern nur bis zur Finissage der Tibet-Ausstellung. Alles ist vergänglich, lehrt der Buddhismus. So wird auch das Mandala am 26. Januar wieder feierlich zerstört.

«In den Fluss werfen», nennt Pema Wangyal dieses Ritual und gibt einen Einblick in die buddhistische Denkweise: Die gesegneten Sandkörnchen würden dem Fluss und schliesslich dem Ozean übergeben. «Dort leben viele Spezies, die wie wir Menschen Schutz brauchen. Mit unserem Ritual machen wir sie glücklich.»

Am Donnerstag und Freitag, 10 bis 12 und 13.30 bis 17 Uhr, sind die Mönche noch im Historischen und Völkerkundemuseum bei der Arbeit zu sehen; Die Ausstellung «Mandala - Auf der Suche nach Erleuchtung» dauert noch bis 26. Januar 2020


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