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«Die meisten Häftlinge gehen einfach nur im Kreis» – Ein Blick hinter die Gitter des Gossauer Gefängnisses

Der Kanton St.Gallen will das Untersuchungsgefängnis in Gossau aufheben. Im Dachgeschoss des alten Amtshauses gibt es derzeit acht Zellen. Von Fluchtversuchen, Sicherungszellen und «unhaltbaren Zuständen».
Adrian Lemmenmeier
Der Spazierhof des Gossauer Untersuchungsgefängnisses. (Bild: Benjamin Manser)

Der Spazierhof des Gossauer Untersuchungsgefängnisses. (Bild: Benjamin Manser)

Remo Breitenmoser tippt den Zugangscode ein, dreht den Schlüssel und öffnet die Tür zum Zellentrakt. Neben dem Feuermelder hängen Arm- und Fussfesseln. «Ohne die verlässt kein Häftling diesen Gebäudeteil». Breitenmoser ist Chef der Polizeistation Gossau und als solcher verantwortlich für das Untersuchungsgefängnis, das sich hier im Dachstock befindet.

Sieben Einzel- und eine Doppelzelle, eine Bibliothek, eine Dusche, ein Spazierhof, eine Sicherungszelle, ein Besuchsraum mit dicker Glasscheibe zwischen Häftling und Gast. Die Haftanstalt ist übers Jahr gesehen zwischen 85 und 95 Prozent ausgelastet. Unter dem Gefängnis befindet sich die Wohnung einer Hauswirtschafterin. Sie kocht für die Gefangenen und wäscht ihre Kleider.

Am 25. November hat das St. Galler Stimmvolk den Ausbau des Regionalgefängnisses Altstätten angenommen. Somit werden kleine Gefängnisse wie jenes in Gossau obsolet. Weil sie zu teuer sind, sollen sie gemäss kantonaler Gefängnisstrategie geschlossen werden.

Im Untersuchungsgefängnis Gossau gibt es sieben Einzel-, eine Doppel- und eine Sicherungszelle. (Bilder: Benjamin Manser)
Häftlinge verlassen den Zellentrakt nur in Hand- und Fussfesseln.
Untersuchungshaft gilt als strengstes Haftregime des schweizerischen Rechtssystems. 23 Stunden pro Tag verbringt ein Häftling in der Zelle.
Eine Stunde pro Tag dürfen die Insassen in den Spazierhof an die frische Luft.
Seit 1933 gibt es im Dachgeschoss des Gossauer Amtshauses ein Gefängnis.
Davor waren die Gefangenen im Feuerwehrdepot (Sprötzehüsli) untergebracht. Zeitgenossen beschrieben die Bedingungen im frühen 20. Jahrhundert als unhaltbar. (Bild: Oberberger Blätter 1977, S. 14)
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Ein Rundgang durchs Gossauer Untersuchungsgefängnis

Wer ausrastet, kommt in die Sicherungszelle

Breitenmoser öffnet die schwere Tür einer Zelle. Ein hölzernes Gestell trennt den Raum: die Pritsche mit Wolldecke auf der einen, WC-Schüssel und Lavabo auf der andern Seite. Auf einem kleinen Tisch steht ein Fernseher. «Toiletten wurden erst 1973 eingebaut», sagt Breitenmoser. Davor hätten die Häftlinge ihre Notdurft in Kübel verrichtet (siehe Zweittext).

Die Zelle wirkt steril. Der Spiegel ist aus Blech und auch der Lampenschirm sei «vandalensicher», wie Breitenmoser sagt. Dennoch komme es vor, dass Häftlinge ihre Wut am Mobiliar auslassen. Der Postenchef zeigt Bilder von zertrümmerten Fernsehern und WC-Schüsseln. «Gewalt gegen Beamte erleben wir aber kaum.»

Wer ausrastet, wird in die Sicherungszelle im Keller gesperrt. Dort sind WC und Waschbecken aus Chromstahl, Pritsche und Tisch sind in der Wand eingelassen. Es gibt nichts, das man zerstören kann; nichts, womit sich ein Häftling verletzen kann.

Absitzen oder im Kreis gehen

Im Gossauer Gefängnis herrscht das strengste Haftregime, das das Schweizer Rechtssystem kennt: Untersuchungshaft. Wer hier einsitzt, bleibt 23 Stunden am Tag in der Zelle.

Die übrige Stunde verbringen die Häftlinge im Spazierhof an der frischen Luft. Hier steht ein Pingpongtisch neben einer grossen Wasserpfütze. Er werde oft genutzt, sagt Breitenmoser. «Doch meistens gehen die Häftlinge einfach nur im Kreis.» An die Holzwand des Hofes sind Botschaften gekritzelt. «Am 10. Januar 1997 bin ich frei», lautet eine.

Löcher in den Wänden, Flucht über die Dächer

Manche suchen sich ihren eigenen Weg in die Freiheit. Breitenmoser zeigt ein Bild von einem Loch in der Gipswand. Ein Häftling hatte mit einem Bleistift durch den Verputz der Zellenwand gegraben, kam aber nicht weiter als zum braunen Backstein. Ausdruck purer Verzweiflung? Oder doch Hoffnung auf Freiheit? Manchmal werde nächtelang gegraben, sagt Breitenmoser.

«Die Insassen kitten die Löcher tagsüber mit Toilettenpapier oder Zahnpasta zu.»

Wer dabei erwischt wird, wird wegen Sachbeschädigung belangt. Der Ausbruchversuch selbst hingegen ist kein Strafbestand.

Zwei Häftlingen sei denn einst die Flucht aus dem Gossauer Gefängnis geglückt. Sie haben die Gitterstäbe mit einer Metallsäge durchtrennt und sind über die Dächer getürmt. «Die Säge hatte ihnen ein Besucher zugesteckt.» Daraufhin habe man die kleine Luke unter der Glaswand im Besucherraum dichtgemacht.

Kleines Gefängnis, grosser Aufwand

Wann das Untersuchungsgefängnis im Gossauer Amtshaus aufgehoben werden soll, ist unklar. Erst muss das Regionalgefängnis in Altstätten ausgebaut werden. Grundsätzlich sei man bei der Polizei froh, dass die kleinen Gefängnisse – dazu gehören auch Widnau, Flums und Bazenheid – aufgelöst werden, sagt Florian Schneider, Mediensprecher bei der Kantonspolizei.

Denn der Aufwand für eine kleine Haftanstalt sei verhältnismässig gross. Remo Breitenmoser stimmt zu: Zwar kümmere sich unter der Woche ein Gefangenenbetreuer um die Häftlinge in Gossau. An Wochenenden aber unterstütze die Polizei den Gefängnisbetrieb. Sie sei auch zuständig für den nächtlichen Pikettdienst. «Das alles geschieht auf Kosten der normalen Polizeiarbeit.»

Der Schlüssel dreht im Schloss. Der Gefängnisalltag bleibt auf der anderen Seite der Gittertür. «Die Insassen führen schon ein tristes Dasein», sagt Breitenmoser. Doch der Postenchef staunt immer wieder über ihre Kreativität. Das verursacht einen Kurzschluss. Die Flamme, die dabei entsteht, reicht, um sich in der Zelle eine Zigarette anzustecken.

«Manchmal drehen die Häftlinge Drähte aus der Fernbedienung, stecken sie in feuchtes Brot und halten beiden Enden in die Steckdose.»

Das verursacht einen Kurzschluss. Die Flamme, die dabei entsteht, reicht, um sich in der Zelle eine Zigarette anzustecken.

164 Bettler, Vaganten, Schriftenlose

Das Gefängnis in Gossau befindet sich im alten Amtshaus. Dieses wurde 1933 errichtet. «Der Neubau dient dem Zweck, die unhaltbaren Zustände in unserem Bezirksgefängnis ein Ende zu bereiten, für die Bezirksverwaltung passende Räume zu schaffen und auch für die Feuerwehr vermehrte Räume bereitzustellen», heisst es in der Zeitung «Fürstenländer» vom 22. Februar 1932.

Das Gossauer Sprötzehüsli: Hier waren bis in die 1930er Jahren die Gefangenen untergebracht. (Bild: Oberberger Blätter 1977, S. 14)

Das Gossauer Sprötzehüsli: Hier waren bis in die 1930er Jahren die Gefangenen untergebracht. (Bild: Oberberger Blätter 1977, S. 14)

Bis dahin wurden die Gefangenen in Gossau im oberen Stock des Feuerwehrdepots (Sprötzehüsli) untergebracht. Die 1984 verstorbene Gossauerin Bertha Löhrer-Schönenberger schrieb in ihren «Erinnerungen einer alten Gossauerin»: «Im oberen Stock war die Wohnung des Polizeiwachtmeisters und daneben befanden sich die Arreste für die Straffälligen. Nette Nachbarschaft! Mit diesen Häftlingen hatten wir Kinder eine besondere Beziehung: Die Fenster der drei Zellen schauten nur nach aufwärts. Wenn die Luken offen waren, warfen wir unseren Ball hinein und die Gefangenen gaben ihn uns im Spiel wieder zurück.»

Die Verhältnisse im Gossauer Sprötzehüsli waren gemäss «Fürstenländer» «gänzlich ungenügend». Im Jahr 1910 sollen dort 288 Internierte untergebracht gewesen sein. 164 Bettler, Vaganten und Schriftenlose, 90 Untersuchungsgefangene, 33 Militärarrestanten, 31 Gefangene im Strafvollzug. Zum Verhör wurden die Gefangenen über die Strasse zum Bezirksamt geführt, was «viele Neugierige anlockte», wie Löhrer-Schönenberger schreibt.

Das neue Amtshaus konnte bereits 13 Monate nach Baubeginn eingeweiht werden; wegen der Wirtschaftskrise hatte das Baugewerbe sonst kaum Aufträge. 1973 wurden erstmals Toiletten in die Zellen gebaut. Seit 1987 sind die Zellen beheizt (davor gab es nur eine Heizung im Gang). 2001 wurde die Anlage renoviert. Der Flur wird seitdem von Kameras überwacht. (al)

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