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«Man hat es einfach gemacht»: Ein 96-Jähriger St.Galler erinnert sich, wie seine Familie nach der Kristallnacht jüdische Flüchtlinge aufnahm

Luise Tobler hat von 1938 bis 1945 jüdische Flüchtlinge in ihrem Haus in St. Gallen aufgenommen. Die ersten trafen nach der Kristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 ein. Ihr Sohn erinnert sich.
Margrith Widmer
Während der Novemberpogrome wurden jüdische Geschäfte zerstört und rund 400 Menschen ermordet. (Bild: Getty (Berlin, November 1938))

Während der Novemberpogrome wurden jüdische Geschäfte zerstört und rund 400 Menschen ermordet. (Bild: Getty (Berlin, November 1938))

Synagogen brannten, rund 400 Menschen wurden ermordet, jüdische Geschäfte und Wohnungen von SA-Leuten zerstört, jüdische Friedhöfe verwüstet und rund 30000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert. In der Nacht auf Freitag jähren sich die schrecklichen Ereignisse der Reichskristallnacht zum 80. Mal.

Luise Tobler (1894-1985) nahm nach der Kristallnacht erstmals jüdische Flüchtlinge in ihrem Haus in der Wassergasse auf. Sie und ihr Mann hatten drei Töchter und einen Sohn, Hans. Die eine Tochter, Margrit – sie war später St. Galler Bezirksärztin – studierte einige Semester Medizin in Berlin. Ihre Briefe in die Schweiz waren voller schwarzer Zensur-Balken. Unmittelbar nach der Kristallnacht kehrte sie in die Schweiz zurück.

«Man wusste, was in Deutschland geschah»

Dass seine Mutter jüdische Flüchtlinge aufgenommen habe, habe die Familie nicht als «speziell» empfunden, sagt Hans Tobler. «Man hat es einfach gemacht. Wir waren eine erzliberale Familie mit hoher sozialer Verantwortung.» Man wusste, was in Deutschland geschah, dass beispielsweise Menschen aus der Psychiatrie in Lastwagen vergast wurden, erzählt der heute 96-Jährige.

Hans Tobler erinnert sich noch gut, wie seine Mutter 1938 jüdischen Flüchtlinge aufnahm. (Bild: Margrith Widmer)

Hans Tobler erinnert sich noch gut, wie seine Mutter 1938 jüdischen Flüchtlinge aufnahm. (Bild: Margrith Widmer)

In St. Gallen gab es damals zwei Synagogen, wie er erzählt: Die eine im Bleicheli, die heute noch besteht, und die jüdisch-orthodoxe an der Kapellenstrasse: Sie wurde «Judechile» genannt. «Die St. Galler Juden waren voll integriert; sie waren sehr kultiviert.» Den Orthodoxen stand man nicht so nah. Die St. Galler Juden halfen den Flüchtlingen finanziell über die Runden. Arbeiten durften sie ja nicht.

Mit Grüningers Erlaubnis eingereist

Die erste Familie, die Toblers beherbergten, war die Familie Arm aus Wien. Der Mann, Jehuda und sein Bruder Friedrich Arm reisten am 27. November 1938 über Diepoldsau ein; die Frau, Elsa, mit der zehnjährigen Tochter Edith am 29. Dezember – mit Einreise-Erlaubnissen von Paul Grüninger, wie es auf einem Dokument der damaligen St. Galler Emigrantenkontrolle heisst. Polizeihauptmann Grüninger datierte die Papiere auf den Zeitpunkt vor dem Inkrafttreten des Bundeserlasses zurück. Die St. Galler Behörden notierten zwar «illegale» Einreise, aber auch die Unterkunft: Wassergasse 13, c/o Tobler. Sie wussten also, wo die Flüchtlinge wohnten. Die Familie reiste am 30. September 1940 nach San Domingo aus.

An eine weitere Flüchtlings-Familie erinnert sich Hans Tobler: Die Leute hiessen «Kanalduft». «Ich konnte ihnen den Namen nicht sagen.» Die Nazis hatten den Juden – neben den obligatorischen Vornamen Sara und Israel – abwertende Nachnamen verpasst. Luise Tobler war die treibende Kraft bei der Aufnahme jüdischer Flüchtlinge; der Vater habe zwar Distanz gehalten, aber das voll akzeptiert. Er habe auch dafür gesorgt, dass genügend Petrol für den Ofen vorhanden war. «Er gab an, er benötige zehn Lötlampen fürs Geschäft – und erhielt das Petrol.»

Im Dachgeschoss lebten zwischen vier und fünf Flüchtlinge, aber manchmal bis zu 15. Im ganzen Haus gab es nur ein WC, das sich Toblers mit den Flüchtlingen und dem Personal teilten. Der Vater installierte im Estrich ein zusätzliches Waschbecken, das durch das Dachwasser gespeist wurde.

Ein Aufenthaltszimmer wurde mit dem Petrolofen geheizt. Ausserdem gab es einen Spirituskocher. Das Geschirr wuschen die Flüchtlinge in der Waschküche im Keller; dort stand auch eine Badewanne.

Ein grosser Topf Suppe

«Die Flüchtlinge durften das Haus verlassen; sie wurden nicht verfolgt. Sie wollten nicht auffallen; woher sie kamen, war unwichtig», erinnert sich Hans Tobler. Die St. Galler Juden sorgten fürs Essen. «Mutter kochte jeweils einen grossen Topf voll Suppe, der für alle reichte. Von den Behörden wurden die Flüchtlinge nicht belästigt.» Viele Flüchtlinge reisten über Frankreich nach Israel, damals Palästina, aus. Eine Weile lang gab es noch Briefkontakte.

In der Wassergasse habe man damals alles für den täglichen Bedarf kaufen können; man habe allein von den Handwerkern der Gasse ein Haus bauen lassen können: «Es gab unendlich viel Lebensqualität; das ist unwiederbringlich verschwunden», sagt Hans Tobler.

Und, wenn die Flüchtlinge abreisten, etwa in die USA oder nach Puerto Rico, begleitete sie Luise Tobler persönlich: In einem Leiterwagen waren die Habseligkeiten der Flüchtlinge untergebracht. Auch ein Topf mit Suppe als Reiseproviant durfte nicht fehlen. Die Katze namens Muckel, ein Tiger, begleitete die Abreisenden bis auf den Perron.

Nur durch Zufall enthüllt

Dass die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge in St. Gallen bekannt wurde, ist reiner Zufall: Rolf Bächle Wildberger, der ehemalige Leiter der Amtsvormundschaft St. Gallen, begegnete bei einem Fitnesstraining im «Einstein» an der Wassergasse dem Neffen des Zeitzeugen Hans Tobler. Gegenüber lag das langgezogene Altstadthaus in pompejanischem Rot mit seinen vielen Gauben. Der Neffe erzählte, seine Grossmutter habe dort im Estrich jüdische Flüchtlinge aufgenommen. Diese humanitäre Tat war bisher nirgends dokumentiert.

Rolf Bächle und seine Frau, die diplomierte Gerontologin Jeannine Bächle-Wildberger, trafen sich mehrmals mit dem Zeitzeugen Hans Tobler und liessen sich über die Kriegszeit berichten. Darüber verfassten die beiden einen Bericht. (mw.)

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