Herrin über 9000 Hühner: SVP-Kandidatin Irene Räss zeigt ihren Bauernhof im Andwiler Hölzli

Die Bäuerin und dreifache Mutter Irene Räss kandidiert für für den Andwiler Gemeinderat. Die SVP-Frau über die Liebe, Melkroboter und ihren Kulturschock in China. 

Melissa Müller
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Irene Räss ist für 9000 Masthühner zuständig. (Bild: Ralph Ribi)

Irene Räss ist für 9000 Masthühner zuständig. (Bild: Ralph Ribi)

Eigentlich wollte Irene Räss nie Bäuerin werden. Sie wuchs als zweites von sechs Bauernkindern in der Rüti in Gossau auf. Mit 16 Jahren verliebte sie sich jedoch in einen Landwirt, heiratete ihn sechs Jahre später und wurde mit 23 Jahren zum ersten Mal Mutter. «Wo die Liebe hinfällt...», sagt die heute 38-Jährige.

Nun kandidiert die Bäuerin und medizinische Praxisassistentin für den Andwiler Gemeinderat. Der erste Wahlgang findet am 20. Oktober statt. Räss hat prominente Konkurrenz: Sie tritt gegen die langjährige CVP-Kantonsrätin Seline Heim an, die ebenfalls Bäuerin ist und vor einem Jahr von Gossau nach Andwil zugezogen ist.

SVP-Kandidatin Irene Räss in ihrem Garten: «Ich mag es ordentlich.» (Bild: Ralph Ribi, Andwil, 31. Juli 2019)

SVP-Kandidatin Irene Räss in ihrem Garten: «Ich mag es ordentlich.» (Bild: Ralph Ribi, Andwil, 31. Juli 2019)

Irene Räss hat noch nie ein politisches Amt bekleidet. Mirco Eigenmann, Präsident der SVP Andwil, sieht dies nicht als Nachteil:

«Irene Räss könnte frischen Wind in den Gemeinderat bringen.»

Als selbständige Bäuerin und Familienfrau sei sie gut im Dorf verankert. «Sie hat ein gutes Alter, geht offen und sympathisch auf die Leute zu», sagt Eigenmann.

Abgeschiedener Hof ­zwischen den Hügeln

Irene Räss lebt im abgeschiedenen Andwiler Weiler Hölzli, nah bei Waldkirch. Der grosse Betrieb mit Milchkühen, Geflügelzucht und Obstbäumen liegt idyllisch zwischen Wald und Hügeln. Sennenhund Zottel begrüsst den Besuch schwanzwedelnd. Zwei junge Kätzchen miauen. Und im Garten duften Lavendelbüsche neben Hochbeeten, Feuerstelle und einem aufblasbaren Schwimmbecken. Die Salate wachsen in Reih und Glied. «Ich mag es aufgeräumt», sagt Irene Räss und serviert zum Kaffee selbst gebackene Guetzli. Die blonde Hausherrin würde mit ihrem strahlenden Lächeln auch als Buttermeitschi bei einer Werbekampagne eine gute Figur machen.

Wie will sich die SVP-Kandidatin profilieren? «Ich will mich für die Interessen der Bauern und die Klimapolitik einsetzen», sagt Irene Räss. An einer Klimademo würde sie jedoch nicht teilnehmen. «Besser ist es zu handeln.» Sie hätten im Hölzli Ökoflächen ein Wildbienenhotel und Steinhaufen angelegt. Eine CO2-neutrale Schnitzelheizung gehört ebenso zum Betrieb wie Fotovoltaikanlagen. «Damit können wir an einem sonnigen Tag 300 Kilo CO2 einsparen.»

Markus Ritter, Toni Brunner und die Flüchtlinge

Nach politischen Vorbildern gefragt, nennt sie Bauernpräsident Markus Ritter und SVP-Aushängeschild Toni Brunner. Sie befürworte die restriktive Flüchtlingspolitik der SVP und sei dafür, dass man Flüchtlinge, die da sind, «gut integriert und mit Schweizer Werten vertraut macht».

Schon vor fünf Jahren wurde Irene Räss angefragt zu kandidieren, «aber damals waren meine Töchter noch zu klein.» Jetzt seien Angelina, 15, Nadja, 13, und Mona, 11, gross genug, «dass mir ein Zeitfenster bleibt, um mich für dieses Amt zu engagieren». Die Älteste habe soeben die Traktorenprüfung bestanden. Die Töchter haben zwei Ponys. 

«So haben sie gar keine Zeit, um aufs Natel zu starren oder am Bahnhof herum zu hängen.»

Seit drei Jahren züchten Irene und Andreas Räss Mastgeflügel für die Migros, «ein für uns wichtiger Einkommenszweig». Morgens um 5.30 Uhr schlüpft sie in die Gummistiefel und kontrolliert die zwei Hühnerställe, in denen bei unserem Besuch 9000 flaumige Küken piepen, die zehn Tage alt sind. Es ist sauber, warm und riecht nach Sägemehl.

Irene Räss prüft die Sensoren, schaut, wie sich die Masthühner entwickeln, ob sie ausreichend trinken und fressen. «Nach 37 Tagen werden sie zum Schlachten ins Welschland transportiert.» Dass die Tiere nur ein kurzes Leben haben, sieht sie pragmatisch: «Das Huhn ist ein Nutztier, es dient der Ernährung der Bevölkerung.» Auch der Kuhstall ist mit viel Technik ausgestattet; ein Roboter melkt die Kühe. «Wir haben einen modernen, zukunftsorientierten Betrieb nach Vorgaben der Integrierten Produktion.»

Aufs Fliegen verzichten – mit Ausnahmen

Nach dem Rundgang im Geflügelstall frühstückt Irene Räss mit ihrem Mann, den Kindern und zwei Angestellten aus Polen und Rumänien. Die beiden Männer schauen auch dann zu den Tieren, wenn die Familie in die Ferien fährt, etwa nach Vorarlberg, ins Südtirol oder ins Tessin. «Ferien sind mir wichtig», sagt sie. Aufs Fliegen verzichtet Räss – mit Ausnahmen. Kürzlich hat sie in China ihre Schwester besucht, die in die Nähe von Shanghai ausgewandert ist. «Ich hatte einen Kulturschock», sagt sie. «Alles ist videoüberwacht, und die Menschen wirkten dauernd beschäftigt. Da waren Wolkenkratzer und fast keine Wiesen.» Das Essen habe ihr in China sehr geschmeckt – dann aber war sie froh, daheim wieder festen Andwiler Boden unter den Füssen zu haben.

Irene Räss geniesst die Selbständigkeit, die Zusammenarbeit mit ihrem Mann, und dass ihre Kinder draussen in der Natur spielen können. Obschon Bäuerin nicht ihr Traumberuf war, sagt sie heute: «Es ist das Beste, was mir passieren ­konnte.»