Hardcore-Bräunen ist out:
Solariumkönig schliesst Studio in Gossau – dafür werben andere mit Vitamin D und Entspannung

Drei Sonnenstudios buhlen in Gossau um die Gunst der Kundschaft. Das sind zu viele – einer macht im Juni dicht.

Melissa Müller
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Die ultravioletten Strahlen sind in Verruf gekommen, die Branche muss sich neu erfinden.

Die ultravioletten Strahlen sind in Verruf gekommen, die Branche muss sich neu erfinden. 

Bild: Igor Mojzes/Fotolia

In den 1990ern galt es noch als chic, das ganze Jahr so auszusehen, als sei man gerade zurück von der Copacabana. Ein dunkel gebräunter Teint war ein Garant für Komplimente und eine attraktive Ausstrahlung. Inzwischen denkt man beim Wort Solarium eher an einen Prolo mit Goldkettchen, dem die Brusthaare aus dem weit aufgeknöpften Hemd wuchern. Oder an wasserstoffblonde Dschungelcamp-Kandidatinnen mit langen Acrylnägeln.

Das sieht Andy Allenspach anders. Der 54-Jährige betreibt elf Sonnenstudios zwischen Gossau und Zürich – und will weiter expandieren. «Die Leute gehen ins Solarium, weil sie keine Zeit mehr haben, in die Natur zu gehen», sagt der Gossauer Bauernsohn, der heute auf ­Mallorca lebt.

Studios werben mit Schlagworten wie Entspannung,
Kollagen und Vitamin D

Das Hardcore-Bräunen wie in den Achtzigerjahren gebe es nicht mehr, sagt sein Konkurrent Peter Schmid von «Sun Star». «Heute ist ein sanftes Beauty-Bräunen angesagt.» Seit 25 Jahren im Solariumgeschäft, betreibt Schmid zwölf Selbstbedienungsstudios, eines davon in Gossau. Er war wenig begeistert, als Allenspach vor drei Jahren in Gossau noch ein «Sun World» eröffnete. Auch an der Sonnenstrasse gibt es ein kleines Studio. Damit buhlen drei Anbieter um Kundschaft. «Das sind zu viele für so ein kleines Dorf», sagt Peter Schmid. Im Juni schliesst er seine Studios in Gossau, Teufen und Abtwil.

Strengere Gesetze: In Selbstbedienungssolarien sind nur noch Geräte mit bedingter Strahlkraft erlaubt.

Strengere Gesetze: In Selbstbedienungssolarien sind nur noch Geräte mit bedingter Strahlkraft erlaubt.  

Reto Martin

Der Grund: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat die Bestimmungen für Solarien verschärft, «um die gesundheitlichen Gefährdungen bei Besuchen von Solarien auf ein akzeptables Restrisiko zu beschränken», wie es beim BAG heisst. Zudem wird der Zutritt für Minderjährige verboten. Peter Schmid will seine neun verbleibenden Standorte modernisieren. Er begrüsst die strengeren Regelungen: 

«Ich hoffe, dass dadurch das Vertrauen in unsere Branche zurückkehrt.»

Vor 20 Jahren ging jeder zehnte ins Solarium

Um die Jahrtausendwende liess sich noch jeder zehnte Schweizer bräunen, heute nur noch vier bis sechs Prozent der Bevölkerung. Das Bundesamt für Gesundheit hält denn auch fest: 

«Grundsätzlich ist die Nutzung eines Solariums ein potenzielles Gesundheitsrisiko.»

Wer geht da noch hin? Zwei Mittzwanziger in Trainerhosen und mit Baseballmützen betreten das Studio «Sun World» an der St.Gallerstrasse. Er wolle nicht bleich wie Käse aussehen, sagt ein anderer Kunde, ein Informatiker. Dass Hautärzte vor den ultravioletten Strahlen warnen, schreckt ihn nicht ab: «Wenn ich alles meiden würde, was Krebs erregt, könnte ich nichts mehr essen.»

Die Sonnenbank wird ironisch auch Klappkaribik, Münzmalloca, Brutzelbude oder Tussitoaster genannt.

Die Sonnenbank wird ironisch auch Klappkaribik, Münzmalloca, Brutzelbude oder Tussitoaster genannt.

Bild: Nadia Schärli 

«Dieses Gerät sagt Hallo und Tschüss»

Es ist ein reges Kommen und Gehen im Solarium. Zwei junge Frauen betreten die Kabinen. Die bunt leuchtenden Geräte tragen Namen wie «Mega Sun 7900 Alpha Deluxe». Auf der Oberfläche des neusten, von Porsche designten Modells flimmert eine Lichtshow. «Dieses Gerät kann mit Ihnen reden, es sagt Hallo und Tschüss», sagt Inhaber Andy Allenspach. Diese «weltbeste Wellnessmaschine» rege die Kollagenproduktion der Haut an und zerstäube einen aromatisierten Wassernebel.

Andy Allenspach mit einem von Porsche designten Solarium.

Andy Allenspach mit einem von Porsche designten Solarium. 

Ralph Ribi

Es duftet süsslich nach Kokosöl, an der Wand hängt ein goldener Pharao aus Plastik. Da man sich nackt an die künstliche Sonne legt, stehen überall Desinfektionsmittel und Kleenextücher bereit. Er lege höchsten Wert auf Hygiene, sagt der Chef. «Wenn irgendwo Staub liegt, kommen die Kunden nicht mehr.» In jedem Studio arbeitet täglich eine Putzfrau. «In einem gepflegten Laden traut man sich weniger, Abfall liegen zu lassen.»

Kiffer, Bodybuilder und Spanner

Der gelernte Schreiner hatte kaum je Ärger mit Sprayern, baut seine Lokale eigenhändig aus. Wichtig dabei: Dass die Kabinen oben und unten geschlossen sind. «Wir hatten einmal einen Spanner, der überall Löcher gebohrt hat.» Die Polizei liess seine DNA-Spuren untersuchen. «So flog ein 40-jähriger Bodenleger auf, der im ganzen Kanton Zürich in den Solarien unterwegs war.»

Auf dem Schaufenster steht in grelloranger Schrift: «Neue Geräte» und «Videoüberwacht». Ein anonymer Ort, weshalb überall Kameras installiert sind. «Wir haben im Studio in Weinfelden auch schon Jugendliche beim Kiffen erwischt, weil es im Solarium warm ist», sagt Allenspach. Auch in Gossau gab es einmal einen zwielichtigen Vorfall. Zwei Männer gingen zusammen ins Solarium. Allenspach postete das Überwachungsvideo mit dem Aufruf «Wer kennt diese beiden Jungs?» auf seiner Facebook-Seite. Er vermutete, dass sich die beiden dort zusammen vergnügten oder einen Drogen­deal durchzogen. Bald schon klärte sich das Rätsel auf:

«Der eine war ein Bodybuilder, der dem anderen Anabolika zum Spritzen verkaufte.»

Allenspach hat auch Kunden, die an Tanorexie leiden, an Bräunungssucht. «Würde ich ihnen den Eintritt verbieten, würden sie zur Konkurrenz gehen.» Nur zu gern erinnert er sich an den grossen Boom 1995, als er das erste Solarium in Gossau eröffnete. «Die Leute standen Schlange, sogar im Sommer bei 30 Grad.»