Matthias Hüppi macht im Figurentheater den Hänsel

Auf Gertruds Schleudersitz beweist der FC-St.Gallen-Präsident ungeahntes Theater-Talent. In einigen Disziplinen könnte er sich aber noch verbessern.

Ralf Streule
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Matthias Hüppi kontert im Figurentheater Gertruds Angriffe, der Schleudersitz löst nicht aus. (Bild: Lisa Jenny)

Matthias Hüppi kontert im Figurentheater Gertruds Angriffe, der Schleudersitz löst nicht aus. (Bild: Lisa Jenny)

Gertrud versteht nichts von Fussball, wer will’s ihr verübeln. Die Handpuppe fristet ihr Dasein im Fundus des St.Galler Figurentheaters und kommt nur aus der Kiste, wenn sie als verschroben-launische Gastgeberin zum Leben erweckt wird. Wenn nun der Gast Matthias Hüppi heisst, quicklebendiger Präsident des FC St.Gallen, wird nicht etwa der Höhenflug und das Offensiv-Spektakel des Fussballclubs zum Thema. Sondern Trinkgewohnheiten, falsche Hüften und Rokokokleider.

Auf Gertruds Schleudersitz müssen sich Gäste «durch ein Wirrwarr von Fragen quälen». Doch muss sich die Dame bei Hüppi immer wieder selbst in Acht nehmen. Es ist ein offensives Spektakel der anderen Art: vergnügliche Unterhaltung mit einer grossartigen Frauke Jacobi alias Gertrud und einem (wir wussten’s ja) nicht auf den Mund gefallenen Hüppi. Die zwei Stunden gehen schneller vorüber als jedes Fussballspiel. 

«Und an dir ist alles echt, Gertrud?»

Gertrud konfrontiert Hüppi mit seinen (frei erfundenen?) Zitaten aus der Vergangenheit. Er kontert – und schätzt das Geburtsjahr der runzligen Dame gleich einmal auf 1879, «oder 1876?». Seine Boshaftigkeiten weicht er immer wieder mit Komplimenten auf – Gertrud weiss nicht, womit sie schlechter umgehen kann, nach ersten Tränen gönnt sie sich vorsichtshalber ein Schnäpsli. Hüppi bleibt beim Bier, bezeichnet sich als trinkfest. Was seine Vorteile habe.

Weitere Themen: Sind Ostschweizer leidenschaftlich? Wie funktioniert Sport mit künstlicher Hüfte? («Und an dir ist alles echt, Gertrud?»). Gestört wird das schlagfertige Hin und Her von St.Gallen-Fan Horst, der in den Abend platzt – und nur mit einem Fläschli Bier wieder von der Bühne gelockt werden kann. Dann wird verhandelt, was verhandelt werden muss: Was sind Parallelen zwischen Theater und Fussball? Das Drama und die Tragödie finde sich auch im Stadion, sagt Hüppi, was Gertrud ziemlich dick aufgetragen findet. Sie wünscht sich in Sachen Fussballer-Kostümierung mehr Rokoko. Hüppi erklärt den Hauptunterschied zwischen Fussball und Theater: «Im Theater wissen die Spieler, was auf sie zukommt.»

Hüppi kann improvisieren, aber nicht zeichnen

Wenn Hüppi wüsste. Bald muss er sich der Handpuppe Hänsel annehmen und mit Eliane Blumer und Lukas Bollhalder «Hänsel und Gretel» zum Besten geben. Hänsel Hüppi schlägt gleich einmal vor, Fussballer zu werden, um so der Armut zu entkommen. Nichts da, die Vorführung muss bei der Grimm’schen Überlieferung bleiben. Improvisation und Kreativität top, befindet Gertrud danach. Hüppis Puppenführung aber lässt zu wünschen übrig.

Dafür darf Hüppi nun seiner Jugend-Lieblingsfigur Mumin die Hand schütteln. Begriffe aus dessen Zauberhut muss er in Pantomime und Zeichnungen umwandeln. Erstes beherrscht er, zweites wird zum Debakel. Nein, diesen Papierkorb hat nun wirklich niemand als solchen erkannt. Und der Hut bleibt im Theater, auch wenn er Bälle in Tore umwandeln könnte, wie Mumin erklärt.

Der rasante bunte Abend hallt nach. Warum nur ist der Zuschauerraum, 100mal kleiner als jener im Kybunpark, nicht voll besetzt? Hüppi, aber vor allem Gertrud hätten es verdient gehabt.