Häggenschwil hat mit Sarah Noger endlich wieder eine Kantonsrätin – ausgerechnet eine Grünliberale

Sarah Noger ist die erste Häggenschwiler Kantonsrätin seit Jahrzehnten. Zu Hause machte sie nur 88 von ihren total 2194 Stimmen.

Johannes Wey
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Sarah Noger ist Primarschullehrerin und PHSG-Dozentin.

Sarah Noger ist Primarschullehrerin und PHSG-Dozentin.

Bild: Ralph Ribi (Häggenschwil, 19. März 2020)

Im Garten von Sarah Noger-Engeler und ihrer Familie blühen bereits die ersten Büsche, sehr zur Freude der Bienen. Die Enten und Hasen haben keine Ausgangssperre und sonnen sich. Am Gartenhag wirbt ein Transparent für die Konzernverantwortungsinitiative. Das Einzige in Häggenschwil? «Viele gibt es bestimmt nicht», sagt Noger mit einem Lachen.

Politisch ist Häggenschwil eine typische St.Galler Landgemeinde. Die Liste der 20 Bestgewählten bei den Kantonsratswahlen dominieren CVP und SVP. Gerade einmal 88 Stimmen machte Sarah Noger an ihrem Wohnort.

«Wahrscheinlich haben mich viele in unserer Strasse zweimal auf die Liste geschrieben.»

Wahlkampf hat sie keinen betrieben, abgesehen davon, dass ihre Tochter für ein Sackgeld Flyer in die Dorfbriefkästen geworfen hat. Flyer, die der Lehrpersonenverband seinen Mitgliedern sponserte.

Und doch hat es Noger vom 19. Listenplatz der Grünliberalen mit 2194 Stimmen in den Kantonsrat geschafft. «Das zeigt, dass der Listenplatz nicht zählt.»

Vernetzt in der Stadt und im Bildungswesen

Ihre Stimmen hat sie in der Stadt St.Gallen gemacht, vermutet Sarah Noger. Dort unterrichtet sie im Schulhaus St.Leonhard, zumindest bis die Corona-Epidemie den Betrieb stillgelegt hat.

Theres Engeler-Bisig.

Theres Engeler-Bisig.

Bild: Benjamin Manser (3. Juni 2010)

Dort kennt man sie auch ihrer Mutter wegen, Theres Engeler-Bisig, langjährige Kantonsrätin und Stadtparlamentarierin für CSP und CVP sowie Präsidentin des Vereins Kinderschutz Ostschweiz.

Und dort sei sie auch «sichtbar» als Vorstandsmitglied der St.Galler Sektion des Verbands Lehrpersonen. In der Bildungspolitik und im Kinderschutz sieht die 47-Jährige, die in einem kleinen Pensum auch an der Pädagogischen Hochschule doziert, ihre Schwerpunkte.

Gerade im Zug der Corona-Krise macht sie sich in dieser Hinsicht Sorgen: Bleiben die Schulen länger geschlossen, verschlechterten sich die Chancen von Kindern bildungsferner Eltern zusätzlich. Und sollte der Bundesrat eine Ausgangssperre beschliessen, befürchtet sie, dass Kinder aus unterprivilegierten Familien in kleinen Wohnungen und ohne Gärten unverhältnismässig darunter leiden müssten.

Den Garten nicht «putzen» und die Gewässer schützen

Da seien sie und ihre fünfköpfige Familie privilegiert mit Haus und Garten im «wunderschönen Zuhause Häggenschwil». Ihren Garten möge sie nicht zu sehr «geputzt», was auch der Biodiversität zugute kommt.

Womit man beim nächsten politischen Thema angelangt ist. Hier sieht sie die Stärke der GLP, mit gutschweizerischer Konsenspolitik einen Weg zu finden, der auch für die Landwirte gangbar ist, die ihn gehen müssen. Wobei es wiederum Bereiche gebe, wo der Staat härter durchgreifen müsste, beispielsweise beim Gewässerschutz.

In Häggenschwil lebt die Familie Noger seit gut 17 Jahren, 14 davon im ehemaligen Haus von GLP-National- und Ständeratskandidat Pietro Vernazza. Sie sei damals noch nicht in der Partei gewesen, sondern wurde erst im Hinblick auf die Wahlen angefragt. Mit ihrem St.Galler Ratskollegen und Namensvetter Arno (FDP) ist sie nicht verwandt.

Infektiologe Pietro Vernazza ist derzeit in Zusammenhang mit der Corona-Krise ein gefragter Mann.

Infektiologe Pietro Vernazza ist derzeit in Zusammenhang mit der Corona-Krise ein gefragter Mann.

Bild: Ralph Ribi

Spitalbetten nützen nichts ohne Personal

Sarah Noger hofft, dass sie ihre Arbeit als Kantonsrätin ohne Ausfall von Sessionen im Juni aufnehmen kann. «Ich freue mich, die politische Mitte zu verstärken.» Diese sei elementar für das auf Konsens ausgelegte politische System der Schweiz.

Sie wolle sich so schnell als möglich in verschiedene Geschäfte einlesen, mit denen sie bislang noch wenige Berührungspunkte hatte. Nachdem der Wahlkampf eher arm an «kernigen Themen» gewesen sei, dürfte die Spitalpolitik zusätzliche Aktualität gewonnen haben:

«Wir werden sehen, wie sich Corona auf die Spitalpolitik auswirkt.»

Sie ziehe eine regionale Versorgung einer zentralisierten vor. Wobei einem viele Betten nichts nützten, wenn das Personal fehle.